Identitätsdiebstahl: Wie ein alter Schulfreund Michael Reichert betrog

Einkaufstour mit falschem Namen : Wie ein alter Schulfreund Michael Reichert die Identität klaute

Wenn Michael Reichert in den vergangenen Wochen zum Briefkasten seiner Wohnung in Düren ging, tat er das mit einem mulmigen Gefühl. Es konnte sein, dass er dort wieder eine Rechnung vorfand, ausgestellt auf seinen Namen, oder sogar Mahnbescheide von Inkassounternehmen. Rechnungen für Dinge, die Michael Reichert nie gekauft hatte.

Aufforderungen zur Zahlung einer Mietkautionsversicherung, die Michael Reichert nie abgeschlossen hatte. Das hatte jemand unter seinem Namen gemacht. Jemand, der sich Reicherts Identität nach und nach und mit krimineller Energie erschlichen hatte. Wobei man dieses „jemand“ genauer fassen kann: Es war ganz offensichtlich ein ehemaliger Schulfreund von Reichert. Dieser sitzt mittlerweile in Haft, weil er im Dezember in Oberbayern aufflog.

Die Geschichte lässt sich gut rekonstruieren, weil Reichert (34) selbst viel recherchiert und darüber Buch geführt hat und weil der Beschuldigte nach seiner Verhaftung in Rosenheim geständig und auskunftsfreudig war. Doch es bleiben Fragen, die von den beteiligten Behörden – ermittelt wurde und wird in Düren, Aachen, München und Rosenheim – geklärt werden müssen. Auch Reichert selbst fragt sich: Wie konnte es so weit kommen?

„Wir waren damals Freunde“

Der Geschädigte und der mutmaßliche Täter kennen sich seit vielen Jahren, seit ihrer gemeinsamen Zeit in Kindergarten und Grundschule. „Wir waren damals Freunde“, erinnert sich Reichert. Mit etwa 19 Jahren verlor man sich aus den Augen; Reichert sagt, er habe den Kontakt abgebrochen. Es seien unschöne Dinge passiert; er habe schon damals den Verdacht gehabt, dass sein Freund dabei sei, auf die schiefe Bahn zu geraten.

Dann, im Spätsommer 2018, fand Reichert eine Rechnung der Deutschen Bahn im Briefkasten vor. Damit fing alles an. Er, Reichert, sei am 22. August um 7.18 Uhr im ICE von Köln nach Mannheim bei Siegburg ohne Ticket angetroffen worden. Der Kontrolleur habe ihm auf Rechnung eines ausgestellt; Reichert solle umgehend den fälligen Betrag von 158,50 Euro inklusive Mahngebühr begleichen. Das Problem: Reichert saß an jenem 22. August um 7.18 Uhr nicht in einem ICE, sondern an seinem Arbeitsplatz. Die Beweise, die er der Bahn vorlegen konnte, waren so schlagkräftig, dass die Zahlungsaufforderung zurückgezogen wurde. Reichert erstattete bei der Polizei in Düren Anzeige gegen Unbekannt. „Allerdings hatte ich schon damals irgendwie meinen ehemaligen Schulfreund in Verdacht“, sagt er heute.

Das habe er auch gegenüber der Polizei geäußert. Und dabei erfahren, dass dieser abgetaucht sei, seitdem er als Freigänger nicht in die JVA Euskirchen zurückgekehrt sei. Dort hatte er zwei Haftstrafen bis 2020 bzw. 2021 wegen Computerbetrugs zu verbüßen, wie die Ermittlungsbehörden gegenüber unserer Zeitung bestätigten. Zuletzt im offenen Vollzug.

Alle Alarmglocken schrillten

Reichert fuhr in Urlaub. Nach seiner Rückkehr fand er weitere Rechnungen vor, zugestellt an seine Adresse in Düren und an die seiner Eltern, wo Reichert noch gemeldet war. 364 Euro für Kleidung, 100 Euro für die Mietkautionsversicherung, ausgestellt auf eine Wohnung in München. Mehr noch: „Auf meiner Lohnabrechnung waren über 1000 Euro abgezogen, weil ich im September und Oktober einen weiteren Job ausgeübt haben sollte und deshalb in eine andere Steuerklasse eingruppiert worden war“, erinnert sich Reichert, bei dem damals längst alle Alarmglocken schrillten. „Ich habe die Polizei informiert, aber auch selbst recherchiert“ – wohl auch, weil er sich nicht durchgehend optimal von den Behörden betreut fühlte.

So erfuhr Reichert, dass sein Alter Ego sich in München einen Personalausweis hatte ausstellen lassen – mit eigenem Foto, aber mit Reicherts Personalien –, dort eine Wohnung angemietet und bei einer Hotelkette gearbeitet hatte und auch vorübergehend gemeldet war. Später zog der Mann offensichtlich weiter nach Rosenheim. Denn das Finanzamt wies Reichert darauf hin, er selbst sei ja jetzt unter einer Adresse in der oberbayerischen Stadt gemeldet. „Mir gelang es, Kontakt zu der Vermieterin aufzunehmen. Ich schilderte ihr den Fall und meinen Verdacht, und auch sie reagierte alarmiert. Denn mein Alter Ego war mit der Miete in Rückstand, eine Kündigung stand im Raum.“

Und so kam die Polizei in Rosenheim ins Boot, die den Verdächtigen vor Ort antraf und noch am selben Tag, es war der 7. Dezember 2018, festnahm. In den Vernehmungen rundete sich dann mit und mit das Bild. Es sei für den Beschuldigten tatsächlich kein großes Problem gewesen, die zuständigen Behörden über seine wahre Identität zu täuschen, teilt die Polizei in Oberbayern mit. Denn er habe noch viel über seinen ehemaligen Freund aus Kindertagen gewusst. So habe er es geschafft, sich eine Ausfertigung von Reicherts Geburtsurkunde bei der Stadt Aachen zu besorgen. Damit standen ihm weitere Türen offen. Personalausweis, Führerschein, Arbeitsvertrag, Bankkonto, Mietverträge, Telefonverträge, Autokauf auf Raten, alles unter Michael Reicherts Namen – kein großes Problem mehr.

Bei der Wohnungsdurchsuchung in Rosenheim stellte die Polizei mehrere gefälschte Dokumente und Zeugnisse sicher. Ein Strafverfahren wegen Urkundenfälschung und Betrugs wurde eingeleitet. Und dann sind da ja noch die beiden bestehenden Haftbefehle wegen Computerbetrugs, die wieder aktuell sind, weil sich der Beschuldigte aus dem offenen Vollzug entfernt hatte.

Für Michael Reichert ist die Angelegenheit damit noch nicht abgeschlossen. Denn immer noch erreichen ihn Rechnungen und Zahlungsaufforderungen für Dinge, die unter seinem Namen gekauft worden sind. Selbst die Schufa wollte Geld, weil jemand dort unter seinem Namen eine kostenpflichtige Auskunft eingeholt haben soll. Der finanzielle Schaden ist mit wenigen hundert Euro verhältnismäßig gering, denn Reichert hat bislang nichts bezahlen müssen. „Aber es ist mit viel Aufwand verbunden, die Unternehmen davon zu überzeugen, dass sie wie ich Opfer eines Betrügers geworden sind.“ Von dem äußerst unangenehmen Gefühl, dass sich da jemand seiner Identität bemächtigt hat und damit zumindest einige Zeit durchkam, mal ganz abgesehen.

Offene Fragen

Und dann ist da die Frage, die Reichert vor allem umtreibt. Wie konnte der Beschuldigte an eine Ausfertigung seiner Geburtsurkunde – und in Folge an weitere Ausweispapiere – gelangen? Bei seiner Vernehmung in Rosenheim soll er ausgesagt haben, er habe sich die Ausfertigung in die JVA Euskirchen zustellen lassen. Die Stadt Aachen teilt auf Anfrage unserer Zeitung allerdings mit, in den vergangenen drei Jahren sei eine solche Ausfertigung nicht ausgegeben oder zugestellt worden.

Reichlich Arbeit also noch für die Ermittlungsbehörden. Die Staatsanwaltschaft Aachen hat die Akte an die Kollegen in Rosenheim weitergeleitet mit dem Ziel, dort ein Sammelverfahren zu eröffnen. Michael Reichert sagt, er wäre schon froh, wenn er wieder unbelastet zum Briefkasten gehen könnte.