Herzogenrath: „Ich hab‘ gemerkt, dass es nicht nur reine Qual ist“

Herzogenrath: „Ich hab‘ gemerkt, dass es nicht nur reine Qual ist“

Ein Fahrrad hat fast jeder. Einige benutzen es sogar. Bitte? Sie haben mal eine 200 Kilometer-Tour heruntergerissen? Damit werden Sie die meisten Mitmenschen beeindrucken können, Fabian Nawrath aber sicher nicht.

Das Fahrrad, das er jetzt benutzt, hat sich Fabian 2009 zusammengestellt. Seitdem hat der heute 24-Jährige eine Strecke damit zurückgelegt, die ziemlich genau dem Umfang des Äquators entspricht, rund 42 000 Kilometer. Er hat die Länder vor der Haustüre bereist, ist nach Island und Istanbul gefahren, im Hindukusch, in Kaschmir und im Himalaya geradelt und einmal quer durch Afrika, von Kapstadt bis Kairo.

Meilenweit nichts als Sand: Fabian radelt durch die Libysche Wüste. Bei den Fahrten durch Afrikas Wüsten müssen er und sein Mitfahrer Tim die Tagesetappen auf der Karte genau anschauen. Wenn sie nicht genug Wasser dabei haben, ist schnell der „Point of no return“ erreicht. Das ist der Punkt, von dem aus man es nicht mehr aus eigener Kraft zur nächsten Wasserquelle schaffen Foto: Fabian Nawrath

Hört sich nach einem wirklich passionierten Radler an. Irgendwo muss diese Leidenschaft ja herkommen. Wann und wie hast Du die langen Strecken für Dich entdeckt?

So wird übernachtet: Zelten in freier Natur (oben). In Ladakh, Indien, fährt Fabian auf der höchsten Passstraße der Welt „Khardung La“ (Mitte). Oft trifft er interessante Menschen, wie diesen Herrn aus Malawi (unten).

Fabian: Am Anfang war ich noch mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester unterwegs, zwar nur in Deutschland, aber schon mit Zelt und über mehrere Tage. Ich hab‘ gemerkt, dass es nicht nur reine Qual ist. Im Gegenteil: Es hat mir Spaß gemacht. Mit meinem Vater bin ich durch die Schweiz gefahren, in Schweden waren wir auch schon. Je älter ich wurde, umso länger sind die Touren geworden. 2009 war ich dann 18 Jahre alt, gerade mit der Schule fertig und da ging es dann richtig los.

Meilenweit nichts als Sand: Fabian radelt durch die Libysche Wüste. Bei den Fahrten durch Afrikas Wüsten müssen er und sein Mitfahrer Tim die Tagesetappen auf der Karte akribisch planen. Wenn sie nicht genug Wasser mitnehmen, ist schnell der „Point of no Return“ erreicht. Das ist der Punkt, von dem aus man es nicht mehr aus eigener Kraft zur nächsten Wasserquelle schaffen kann. Foto: Fabian Nawrath

„Nicht nur reine Qual“ heißt ja, ab und an tut‘s auch mal weh. Wann kommt denn der Gedanke: Wär ich nur zu Haus‘ geblieben?

Fabian: Den Punkt, an dem ich genervt bin, gibt es immer wieder. Das ist meistens so, wenn ich nachmittags noch nichts gegessen und mich vielleicht sogar noch ein bisschen verfahren hab‘. Dann halte ich an, koch‘ mir einen Topf Nudeln und werfe einen Blick auf die Karte. Die schlechte Stimmung verfliegt dann ganz schnell wieder.

Du warst mit dem Fahrrad am Tahrir-Platz in Kairo, als die Aufstände dort noch gar nicht lange her waren und in anderen Gegenden unterwegs, wo es gebrodelt hat — ich denke da an Afghanistan, Pakistan, den Sudan oder Kaschmir. Was glaubst Du, denken Menschen, die hören, welche Strecken Du mit dem Fahrrad zurücklegst und wo Du hinfährst?

Fabian: Da muss man ein bisschen unterscheiden, wo die Menschen herkommen. Für Leute aus den Ländern selbst ist das absolut unverständlich und bekloppt. Natürlich ist die Sprachbarriere meistens da — die Reaktion kann man trotzdem übersetzen mit einem nachdrücklichen „Warum?“. Mit fast höflichem Unverständnis kommt die Frage aber auch hier zu Hause. In der Summe ist immer Neugier mit dabei.

Hast Du eigentlich einen Führerschein und ein Auto, oder bist Du auch im Alltag hier nur auf dem Rad unterwegs?

Fabian: Einen Führerschein habe ich, aber kein Auto. Die alltäglichen Strecken fahr‘ ich mit dem Fahrrad. Ein Auto leihe ich mir nur ab und zu, wenn die Arbeit als Fotograf das nötig macht. Ich seh‘ das Radfahren auf keinen Fall dogmatisch.

Kannst Du Dich an Dein erstes Fahrrad erinnern?

Fabian: Ja. Das war ein weißes Puky-Rad mit einem kleinen Fähnchen am Schutzblech. Irgendwann ist das aber abgebrochen, als ich damit umgefallen bin.

Auf Deinen langen Touren hast Du beide Erfahrungen bereits gemacht: Du warst alleine unterwegs und in Begleitung. Was ist denn angenehmer?

Fabian: Das ist beides sehr eigen. Ich reise schon gerne mit jemandem zusammen, weil es einfacher ist, in einem Land oder einer Region anzukommen. Es fällt leichter, sich gemeinsam zurecht zu finden. Anders, aber auch schön ist es, alleine zu fahren. Der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung ist dann intensiver.

Nach einem langen Tag auf dem Rad packt einen irgendwann die Müdigkeit. Je nachdem, wo Du gerade bist, ist sicher nicht immer ein Hotel erreichbar. Hast Du das Zelt immer dabei?

Fabian: Immer! In entlegenen Ecken mit dünner Besiedlung übernachte ich im Zelt mangels anderer Schlafgelegenheit. Wenn aber Dörfer oder kleinere Städte in der Nähe sind, dann ist meistens auch eine entsprechende Infrastruktur vorhanden, kleine Gästehäuser oder Unterkünfte, in denen ich ein einfaches Zimmer bekommen kann. Mein Zelt hab‘ ich aber auch dann schon mal im Innenhof aufgeschlagen, weil‘s im Zimmer einfach zu schmuddelig war. Eine Dusche ist da selten. Angenehmer ist es aber meistens trotzdem, weil es warmes Wasser gibt, um sich zu waschen und essen zu können. Im Himalaya hab‘ ich in Klöstern Unterkunft gefunden oder war bei Familien zu Gast und hab‘ gegessen, was sie gegessen haben.

Vom Gedanken an ein Stück Fleisch mit Klößen und Soße musst Du Dich unterwegs sicher frei machen. Wie läuft das mit der Versorgung auf der Straße, hast Du immer Proviant in den Satteltaschen?

Fabian: Eine Portion Essen und eine extra Tafel Schokolade ist eigentlich ständig dabei. Der Rest verhält sich wie bei den Übernachtungen. Ich schaue auf die Karte und hab‘ im Blick, wo es eine größere Siedlung gibt und vielleicht ein einfacher Laden sein könnte. Danach plane ich, für wie viele Tage ich etwas zu Essen einpacken muss. Auf großen Transitstrecken, wo Lkw unterwegs sind, gibt es meistens kleine Garküchen.

Das heißt, Du kommst immer auch in den Genuss der lokalen Küche. In Asien oder Afrika gibt es ja bestimmt nicht immer die Lebensmittel, an die ein westlicher Magen gewöhnt ist. Ist Durchfall auf Deinen Reisen ein Thema?

Fabian: Bis jetzt hatte ich mit lange anhaltendem Durchfall oder Reisekrankheiten überhaupt zum Glück noch keine Probleme. Natürlich hat der Magen mal gegrummelt, aber nichts, mit dem ich nicht klar gekommen wäre.

Um beim Thema zu bleiben: Hast Du immer Toilettenpapier dabei, oder sparst Du Dir den Platz und das Gewicht?

Fabian: Man kann ja die Papprolle in der Mitte entfernen. Deren Gewicht hat man dann gespart und das Papier lässt sich platt zusammendrücken. Also Toilettenpapier fährt mit.

Und mit der übrigen Technik hast Du bisher immer Glück gehabt?

Fabian: Nicht immer. Bei meiner letzten Reise im Himalaya war ich erst mit meiner Schwester zu Fuß unterwegs. Als ihre Heimreise anstand, habe ich sie verabschiedet und mich entschlossen, mit dem Fahrrad alleine weiter zu fahren. Für 40 Dollar hab ich ein billiges indisches Mountainbike gekauft. Das bröselte mir wirklich unterm Arsch weg. Im Prinzip war das schon am Anfang schrottreif. Ich bin die Sache dann mit einer sportlichen „Ach, egal“-Haltung angegangen.

Hört sich an, als ob Langeweile auf Deinen Reisen keine Chance hat ...

Fabian: Zwischendurch gibt es sicher Momente, die lang sind oder einem lang vorkommen, wenn ich etwa an einem Grenzübergang auf ein Visum warte und festsitze. Meistens treffe ich dann aber irgendwelche interessanten Menschen oder es passieren unvorhergesehene Dinge.

Wäre spannend, da mal ein Beispiel zu hören. Kannst Du Dich spontan an ein solches Treffen erinnern?

Fabian: In Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, haben mein Begleiter Tim und ich auf das Visum für den Sudan gewartet. Da haben wir die einzige DJane Äthiopiens getroffen, die nachts im Staatsradio ihre Show macht und in einem kleinen Kabuff Mixtapes zusammenstellt. Das war eine sehr energiereiche junge Frau, die das ganze Land mit ihrer Musik beschallt — eine Begegnung, die schon sehr besonders war.

Den schönsten Moment — gibt es den, oder ist es unmöglich, einen herauszupicken?

Fabian: Einen einzelnen Moment könnte ich nicht nennen. Es gibt viele — Landschaften, Eindrücke, für die ich die Kamera zücke, weil sie einfach so atemberaubend sind. Und Begegnungen oder kleine Gesten. Eine unheimlich schöne und bewegende Situation gab es in Äthiopien, an der Grenze zu Somalia. Da kam eine Gruppe Kinder zu mir und meinem Begleiter Tim. Wir witzelten ein bisschen mit ihnen rum und sie wollten uns Kinderreime beibringen. Die Menschen dort sind richtig arm — drei Glasmurmeln waren alles, was eines der Kinder besessen hat. Als wir uns verabschiedeten, hat das Kind Tim zwei seiner Glasmurmeln geschenkt. Das hat uns absolut die Sprache verschlagen.

Wo Licht ist, ist immer auch ... Du weißt schon. Ist auf den Reisen je etwas passiert, wo Du gedacht hast: „Das ist mein Ende“?

Fabian: Verdammt tief durchatmen und vom Rad steigen musste ich zwischendurch immer wieder wegen des Straßenverkehrs. Das ist sicher die größte Gefahr. Kritische zehn Minuten haben Tim und ich mal in Sambia, an der Grenze zum Sudan erlebt. Wir hatten gerade unser Zelt aufgeschlagen, als ein Geländewagen angerast kam. Männer sind rausgesprungen, haben uns Maschinengewehre vors Gesicht gehalten und immer wieder „Passports, Passports“ geschrien. Ich hab‘ dann in meine Tasche gegriffen, um den Ausweis rauszuholen, im gleichen Moment aber gemerkt, dass auf der anderen Seite die Luft gerade absolut eingezogen wird. Da hab‘ ich registriert: Die haben nackte Panik und wissen überhaupt nicht, wie sie mit uns umgehen sollen. In deren Wahrnehmung griff ich ja gerade in die Tasche, um eine Waffe zu ziehen. Die Hand hab‘ ich dann ganz langsam zurückgezogen. Am Ende klärte sich alles auf, wir haben sogar zusammen gegessen.

Habt ihr erfahren, warum die Grenzsoldaten so empfindlich reagiert haben?

Fabian: Ja, der Kommandant hat versucht, das mit seinen paar Brocken Englisch zu erklären. Sie haben uns für israelische Spione gehalten, die ins Apartheidregime nach Südafrika geschickt worden sind.

Dann wünsche ich Dir, dass auch die nächste Tour kein Horrortrip wird. Hast Du schon Pläne?

Fabian: Noch keine spruchreifen. Ich habe mit Tim mal ein bisschen rumgesponnen, dass wir 2016 vielleicht durch Zentralamerika radeln könnten. Wir überlegen, wenn wir schon da sind, auch mit einem Seekajak durch die Karibik zu paddeln.

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