Hürtgenwald: Urteil gegen Ex-Beamten Carsten E. fällt am 6. August

Veruntreuung in Hürtgenwald : Staatsanwaltschaft fordert mehr als vier Jahre Haft für Carsten E.

Wenn am 6. August das Urteil gegen Carsten E. fällt, geht ein „herausragender Fall“ am Aachener Landgericht zu Ende. So bezeichnet Oberstaatsanwältin Anja Lütje den Prozess. Sie habe in den vergangenen Jahren keinen ähnlichen Fall gehabt, in dem einer Person im öffentlichen Dienst derart viele Straftaten zur Last gelegt werden.

625 Fälle hatte Lütje am 14. Juni zum Prozessauftakt vorgetragen, in ihrem abschließenden Plädoyer finden sich aus „verfahrensökonomischen Gründen“ noch 549 wieder. In 543 Fällen geht es um gewerbsmäßige Untreue im Amt in Tateinheit mit gewerbsmäßiger Urkundenfälschung, in zwei Fällen um gewerbsmäßige Untreue im Amt und in vier weiteren um Urkundenfälschung. Der Schaden, den E. in diesen Fällen mit gefälschten Rechnungen der Gemeindekasse verursacht hat, summiert sich auf rund 597.500 Euro. Carsten E. hat bereits zu Prozessbeginn alle Taten gestanden. Für Oberstaatsanwältin Lütje ist klar, dass Carsten E. ins Gefängnis muss: Sie fordert eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten.

Der 40-Jährige habe jahrelang „kreativ“ und „gewieft“ gehandelt, weil er stets den gemeindlichen Haushalt im Blick haben musste, damit seine illegalen Machenschaften nicht auffielen. Angeklagt war der strafrechtlich relevante Zeitraum von August 2013 bis November 2017, E. hat aber bereits 2009 begonnen, Rechnungen zu fälschen und sich Geld auf private Konten überweisen zu lassen. „Zu Beginn waren noch finanzielle Schwierigkeiten der Grund, danach aber hat sich der Angeklagte seinen Luxus finanziert“, sagte die Oberstaatsanwältin. Der Angeklagte habe sich ständig „etwas aus den Fingern gesogen“, damit er sich Dienstleistungen oder Bargeld erschleichen konnte.

412.000 Euro aufs eigene Konto

Aus einem Aprilia-Motorrad wurde mit einer gefälschten Rechnung etwa ein Spielgerät für einen gemeindlichen Spielplatz; und als Fliesenleger in seiner privaten Küche gearbeitet hatten, ließ er angebliche Arbeiten an einem Sportheim abrechnen. Das sind nur zwei Beispiele. In der Endabrechnungen stehen 311 Fälle, in denen E. Waren und Dienstleistungen für rund 185.500 Euro fingiert bestellt hatte. Hinzukommen 234 Taten, mit denen er sich rund 412.000 Euro auf private Konten hat überweisen lassen.

Die Taten seines Mandanten wollte Anwalt Christian Franz nicht schmälern, das geforderte Strafmaß hielt er jedoch für überzogen. Für ihn erscheinen zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung angemessen. Warum? „Was haben Staat und Gemeinde davon, wenn mein Mandant in Haft muss?“, fragte er. Carsten E. habe einen neuen Job, verdiene über 2000 Euro netto und zahle seine Schuld ab, wo er nur könne.

Wie im Prozesstag am 10. Juli ging es vor der 9. Großen Strafkammer um die Vorsitzende Richterin Melanie Theiner auch um die Frage, ob Carsten E. vermindert schuldfähig ist. Denn E. befinde sich seit seiner Untersuchungshaft Ende 2017 in Therapie, er leide unter einer attestierten Kaufsucht und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. In Kurzform: Nach Ansicht von Anwalt Franz waren die beiden Krankheiten dafür verantwortlich, dass E. derart lange kriminell gehandelt hat.

Der bundesweit renommierte forensische Psychiater Henning Saß hatte diese Sichtweise von Therapeuten und Psychiatern, die E. derzeit behandeln, widerlegt. Saß machte keinerlei Anzeichen einer Sucht aus, weil sie sich in keinem anderen Lebensbereich bemerkbar gemacht hat. Carsten E. sei schlicht ein Betrüger und Hochstapler.

Saß war am Montag nicht anwesend, Anwalt Franz kritisierte den Psychiater dennoch stark. „Das Gutachten von Professor Henning Saß ist nicht brauchbar, weil Herr Saß mit 74 Jahren zu alt ist und veraltete Methoden anwendet, er forscht auch nicht zu diesem Thema“, sagte Franz – und beantragte ein zweites Gutachten. Er führte an, dass es europaweit Gegenpositionen zu Saß gebe. Die Kammer lehnte den Antrag ab, unter anderem weil Saß eben so renommiert sei.

Mehr von Aachener Zeitung