Aachen: „Höhner Rockin‘ Roncalli Show“: Band und Artisten rocken das Zirkuszelt

Aachen : „Höhner Rockin‘ Roncalli Show“: Band und Artisten rocken das Zirkuszelt

Lichtpunkte wirbeln wie Schneeflocken durch die rot-blau erstrahlende Arena, streuen Lächeln über die Gesichter der erwartungsvollen Zuschauer im Zeltpalast auf dem Chio-Geände — das Abenteuer beginnt: „Funambola — Capriolen des Lebens“ ist der Titel des aktuellen Projekts von Circus Roncalli und Höhnern, das jetzt in Aachen Premiere gefeiert hat.

Bei der „Höhner Rockin‘ Roncalli Show“, die noch bis zum 6. Mai zu sehen ist, geht von Anfang an die Post ab — aber nicht nur.

Der Kolumbianer José Henry Caycedo geistert als Leitfigur der Show „„Funambola“ durch die Manege. Foto: Dagmer Meyer-Roeger

Hier sind Zirkus-Show-Experten am Werke, gibt es einen unaufdringlichen Rhythmus, bei dem sich flotte Musik, Spannung und Spaß ergänzen. Die Höhner und Roncalli? Das hat sich längst bewährt. Seit 18 Jahren besteht die Zusammenarbeit der beiden Kölner „Institutionen“, und man spürt, wie stark die Band inzwischen mit den Artisten zusammengewachsen ist. Frontmann Henning Krautmacher bewährt sich als lockerer Moderator, ist ab und zu mitten unter den Akteuren, lässt sich am Seil singend in die Höhe ziehen.

„Funambola“: Ein Märchen für Erwachsene

Er agiert mit seinen Bandkollegen entspannt, vergnügt, zeigt sich aber auch ernsthaft berührt. Sie alle tragen ein circensisches Outfit, das an den Sergeant-Pepper‘s Loneley Hearts Club der Beatles erinnert. Die Band spielt live, stilsicher bis zur Klassik, bietet grandiose Soli, lockt zum Mitklatschen und Mitsingen, und kann sich im richtigen Moment zurückziehen. Das Märchen für Erwachsene umspielt den Kernbegriff „Funambola“, der italienische Wort für Seiltanz.

Der „Seiltanz des Lebens“, dem die Höhner den Motto-Song gewidmet haben, verbindet sich mit artistischen Höchstleistungen. Und das kann sehr skurril sein, etwa dann, wenn der Kolumbianer José Henry Caycedo als wilder Faun mit spitzen goldfarbenen Ohren, wiegendem Zehengang und fragendem Blick die Künstler umrundet, dekorativ auf dem Seil „herumhängt“, um im nächsten Augenblick atemberaubende Balance, Sprungkraft und Gelenkigkeit zu beweisen.

Ihn hat Roncalli-Chef Bernhard Paul zur archaischen Leitfigur von „Funambola“ bestimmt, die immer wieder still auftaucht, und man schaut ihm gern nach, wenn er in seiner Lederhose gemächlich durch den roten Samtvorhang verschwindet. Jeder Artist ist ein Unikat, eine Besonderheit, ob nun die zarten Novruzov-Brothers als Slapstick-Akrobaten mit polterigem Charme und wilden Ideen oder geschmeidige Schönheiten — Alena Ershova im reizvollen ornamentalen Trikot als Schlangenfrau, die aus dem Seestern krabbelt und im Handstand den Hula-Hopp-Reifen um die Füße kreisen lässt, die anmutige Anna de Carvalho mit weicher, kraftvoller Körpersprache und enormen Leistungen an der wirbelnden Pole-Stange oder Mila Roujilo, Herrin der Bälle.

Cyr-Rad-Artistik in Weltklasse

Eine der stillsten und stärksten Persönlichkeiten an diesem Abend ist der ernste, groß gewachsene Alexandre Lane, der poetische Cyr-Rad-Artistik bietet. Später steht er sicher und verlässlich auf dem „Standing Cradle“ als Fänger zwischen den beiden kleinen Plattformen. Hier wirbelt er Partnerin Emilie (die beiden nennen sich Chilly & Fly) in fünf Metern Höhe durch die Luft, fängt sie, schwingt nach, lässt kreisen, greift stets im richtigen Moment zu, hochkonzentriert. Eine bewegende, gefährliche Nummer, die unbedingtes Vertrauen beweist und zärtlich-sportliche Ausstrahlung hat.

Mit Tempo und fröhlicher Präsenz begeistern Gruppen wie die leichtfüßigen kenianischen Jambo Brothers, die grandios aufeinander eingespielt sind und immer wieder mit großen Schausbildern überraschen. Die nachdenklichen Ukrainer von Crazy Flight bieten eine spannende Performance mit schönen Flugelementen und einer geheimnisvollen Dramatik. „Quick Change“ nennt das Duo Minasov seinen rasend schnellen Kleiderwechsel. Man käme gern dahinter, wie die beiden das machen, doch so genau man auch hinschaut und aufpasst — keine Chance.

Dass es beim Spaß schon mal derb zugehen kann und das Thema Mann-Frau unendliche Facetten hat, beweisen Bert & Fred. Eindrucksvoll und ein wenig gruselig: der Mann aus dem Ei, Victor Minasov, der im weißen Ballon verschwindet und wie eine überdimensionale Zelle immer neu wabernd mutiert. Was immer in der Arena geschieht, die Höhner haben den richtigen Text, den richtigen Song — ob nun „Am Engk mäht et Peng“, „Kumm halt mich fest“ oder „Wir halten die Welt“ an — hübscher Running-Gag, denn beim Wörtchen „Welt“ heißt es für alle „freeze“, bis der Sänger den Befehl wieder auflöst.

Und alle tanzen

Rundum ein gelungener Abend, zu dem sogar Regisseur Thomas Bruchhäuser aus Köln nach Aachen gekommen ist, großer Jubel, zum Schluss noch ein bisschen Schunkeln zu einem Höhner-Medley, Leuchtfeuer und — wie beim Start — ein munteres getanztes, buntes Durcheinander mit allen Artisten, die sich ein paar glückliche Zuschauer auf die Tanzfläche unter dem spitzen Zeltdach holen. Am Ausgang gibt es langstielige Rosen für die Damen.

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