Aachen/Hürtgenwald: Historiker Peter Quadflieg räumt mit dem Mythos Graf Schwerin auf

Aachen/Hürtgenwald: Historiker Peter Quadflieg räumt mit dem Mythos Graf Schwerin auf

Knapp 120 Seiten Papier haben im Sommer 2007 das Ende einer Ära eingeläutet. Kurz nach der Veröffentlichung eines Gutachtens der RWTH Aachen machten sich Mitarbeiter der Stadt daran, die Schilder mit der Aufschrift „Graf-Schwerin-Straße“ zu entfernen, die seit 1963 eine Ausfallstraße im Süden der Stadt markierten.

Damit verschwanden die sichtbaren Erinnerungen an einen Wehrmachtsgeneral, der in den Jahrzehnten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder als „Retter von Aachen“ hofiert und sogar mit einer Ehrenbürgerschaft in Verbindung gebracht wurde.

Lange hielt sich in Aachen die Auffassung, befeuert aus verschiedenen Richtungen, der Graf habe die Stadt im September 1944 vor der Zerstörung bewahren wollen, indem er sie den Amerikanern kampflos überließ. Sogar direkten Kontakt zu den US-Truppen soll er gesucht haben, schrieb auch die lokale Presse immer wieder. Diese und andere Mythen über Schwerin hat der Aachener Historiker Peter Quadflieg für seine Doktorarbeit erforscht und enthebelt.

Spätestens mit dem Gutachten von 2007, an dem auch Quadflieg mitwirkte, geriet das unsichtbare Denkmal Schwerins in Aachen schließlich zum Einsturz. Dass in dessen Verantwortungsbereich zwei 14-jährige Jungen wegen vermeintlicher Plünderungen erschossen wurden, passte lange Zeit nicht ins allgemeine Bild der Erinnerung an die Jahre des Krieges, sagt Quadflieg. „Offenbar suchte man in Aachen nach einer Heldengeschichte anstatt sich mit der Aufarbeitung der Erfahrungen und Ereignisse des Krieges zu beschäftigen. Das würde zu den in ganz Deutschland verbreiteten Verdrängungsmechanismen passen. Erst mit einer Angehörigen-Initiative sei zu Beginn des Jahrtausends Bewegung in die Sache gekommen.

70 Jahre nach den Ereignissen im September 1944 hat er das Leben und Wirken Schwerins zum Thema seiner Dissertation gemacht: „Bei der Recherche bin ich auf eine Biografie voller Brüche und Widersprüche gestoßen. Über Jahrzehnte hinweg spielt die Stadt Aachen immer wieder eine Rolle“, sagt Quadflieg.

Gerhard Graf von Schwerin, am 12. September 1944 mit seiner 116. Panzerdivision nach Aachen beordert, um einem bevorstehenden Einmarsch der US-Armee entgegenzuwirken, hatte sich mit seiner vermeintlichen Heldentat einen Platz im Kriegsandenken der Stadt gesichert. „Es existiert zwar eine handschriftliche Notiz von Schwerin an die Alliierten, in der er im Falle eines Einmarschs um eine Verschonung der Stadt und ihrer Bevölkerung bittet“, sagt Quadflieg. „Allerdings hat er dieses Anliegen nicht aktiv an die US-Truppen herangetragen, sondern sie vielmehr bei einem in Aachen verbleibenden Postbeamten hinterlegt.“

Die Notiz geriet jedoch in die Hände der NSDAP, bereits am 15. September 1944 wurde Schwerin dafür als Kommandeur seiner Division abgesetzt — ein Umstand, der für den Historiker „den Mythos des fürsorglichen Generals in den Augen der Aachener nur noch befeuert hat“. In der Folge hielt sich das Gerücht, Schwerin sei degradiert, strafversetzt, vor ein Kriegsgericht gestellt, gar exekutiert worden. „Die Gerüchte und Presseberichte waren zum Teil tollkühn“, resümiert Quadflieg. „Daran hatten sowohl die Propaganda-Organe der US-Armee als auch die lokale Presse ihren Anteil.“

Schwerin sei durch seine Aktion keinesfalls zum Märtyrer geworden, betont Quadflieg. „Im Endeffekt wurde ein Untersuchungsverfahren eingeleitet, das mit seiner Versetzung in die Führerreserve und einer strengen Ermahnung endete. Später hat man ihn sogar noch befördert.“

Für die Stadt Aachen war damit allerdings der Mythos Schwerin besiegelt, glaubt er. „In den Jahren nach dem Krieg hat man immer wieder den roten Teppich für ihn ausgerollt. Erst der Eintrag ins goldene Buch der Stadt. Dann gab es die Umbenennung der Straße, im zeitlichen Umfeld eines Divisionstreffens in Aachen, samt entsprechender Pressewürdigung.“

Was aber bewog die Stadt und nicht zuletzt manchen Pressevertreter dazu, bis in die 80er Jahre an dem Mythos Schwerin festzuhalten? Der Historiker sieht verschiedene Ansätze. „Seitens der Stadt Aachen und ihrer Amtsträger gab es offenbar so etwas wie eine Erbdeutung der Ereignisse. Da wurde einfach nicht hinterfragt, was seit Jahren schon kommuniziert wurde. Und was die Presse angeht, so haben durchaus beide Seiten etwas davon gehabt.“

Quadflieg nimmt dabei einen früheren Redakteur der Aachener Volkszeitung ins Visier, der Interviews mit Schwerin führte und verschiedene Bücher über den Zweiten Weltkrieg veröffentlichte. „Er hat mit den quasi exklusiven Erinnerungen Schwerins und abenteuerlichen Schilderungen der Kriegsgeschehnisse obendrein eine ganze Menge Bücher verkauft“, sagt Peter Quadflieg. Beim Lesen der Interviews, die dieser Redakteur mit Schwerin führte, „spürt man, wie der Journalist an den Lippen des hochdekorierten Kriegsveteranen gehangen haben muss. Das möchte ich dem Redakteur nicht zum Vorwurf machen. Das unkritische Abdrucken von Schwerins Sicht schon“. Zuletzt hatte der frühere Redakteur am 24. Dezember 1974 dem alternden General ausführlich die Möglichkeit zur Äußerung gegeben.

Dabei hätten sich Schwerins eigene Darstellungen über die Jahre deutlich gewandelt, zeichnet der Historiker nach. „An einem Punkt in seinem Leben hat der Mann beschlossen, sein Bild in den Geschichtsbüchern mitzuzeichnen. Dass er sich damit auf eine Gratwanderung begeben hat, scheint ihn kaum gestört zu haben.“

Der aus pommerschem Adel stammende Schwerin, der seit seinem 15. Lebensjahr nur das Leben als Militär gekannt hatte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Wehrberater im Kabinett Adenauers — dann aber nicht, wie erhofft, in die neue Bundeswehr übernommen. „Eine persönliche Niederlage, die ihn zeitlebens beschäftigt hat“, glaubt Quadflieg. Die einzige Konstante im Nachkriegsleben von Schwerin sei der Veteranenverband der „Windhunde“ gewesen, wie die Soldaten seiner Division sich nannten. „Hier war er, wie schon im Krieg, die Vaterfigur, die Instanz, die Männern Halt gab, die wie er ihren Platz im Nachkriegsdeutschland finden mussten.“ Erst, als sich Schwerin in die Nähe des Widerstands gegen das NS-Regime rückte, regte sich Unmut in Kreisen der Veteranen.

Quadflieg charakterisiert den Grafen als „gescheitert, aber nicht gebrochen“. Was seine Rolle im September 1944 angeht, sei das Attribut als „Retter von Aachen“ im Rückblick schlichtweg unangebracht. „Wen oder was soll er denn gerettet haben?“, fragt Quadflieg. „Die Stadt war schon vor dem Einrücken seiner Division erheblich zerstört. Und am Ende der Kämpfe am 21. Oktober waren 60 Prozent der Gebäude vernichtet oder beschädigt, die Bewohner evakuiert oder in Kellern versteckt.“

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