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Einruhr: Hirsch Egon hat ein Faible für Stiefmütterchen

Einruhr : Hirsch Egon hat ein Faible für Stiefmütterchen

Egon ist ein wild lebender Hirsch. Wer ihm den Namen gegeben hat, weiß in dem Eifelort Einruhr keiner mehr so recht. Bekannt ist Egon für seinen gesunden und erlesenen Appetit.

Mit schöner Regelmäßigkeit macht er seit rund zwei Monaten aus seinem Wald-Revier einen Abstecher ins Dorf, springt mit Leichtigkeit über Hecken und Zäune. In den Gärten frisst er die zartesten Triebe von Obstbäumen und Sträuchern, beißt die buntesten Blumen ab und lässt sich auch von Menschen nicht stören. Und weil das alles so lecker ist, bringt Egon auf seinen Streifzügen neuerdings auch Kumpel Paul mit.

„Egon hat uns eine zwei Meter hohe Serbische Fichte abgefressen, der Flieder ist hin, das Efeu ist weg und die Beete sind zertrampelt”, bilanziert eine Gartenbesitzerin den angerichteten Schaden. Empörtes Schimpfen hilft nichts, Egon frisst genüsslich weiter.

Eine Nachbarin hat es mit lautem Topfschlagen versucht. Ohne Erfolg. Egon geht in den Gärten ein und aus - ob Menschen in der Nähe sind oder nicht. Seit einigen Wochen hat er einen kleineren Hirsch im Gefolge, der - warum auch im- mer - den Namen Paul trägt.

„In der Jägerschaft lacht man sich kaputt”, erzählt ein Jäger. Die nicht betroffenen Menschen aus Einruhr lachten zunächst auch. Bis Egon offensichtlich zur nächtlichen Stunde einen kleinen Streifzug über den Friedhof machte und die Gräber kahl fraß. Vor allem auf die Stiefmütterchen hatte er es abgesehen.

Die Untere Jagdbehörde im Kreis Aachen wurde eingeschaltet. Eine Überlegung: Egon betäuben und in ein Wildfreigehege bringen. Das hat mehrere Haken. „Mit seinem Geweih wäre das Tier nicht transportfähig”, sagt Amtsleiter Thomas Pilgrim. Außerdem würde Egon wahrscheinlich aus dem Gehege ausbüxen.

Warum die ansonsten so menschenscheuen Tiere ins Dorf gehen, dafür gibt es keine eindeutige Erklärung, lediglich eine Vermutung. Die Wiesen am Ortsrand werden im Frühjahr sehr früh grün und bieten gutes Futter. „Im Frühsommer braucht ein Hirsch täglich 30 bis 40 Kilo Grünfutter”, hat der Nicht-Jäger Pilgrim recherchiert.

Vielleicht sind die anliegenden Gärten mit ihren Delikatessen zu verlockend. Die Tiere stellten keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar. Deshalb gbe es auch keinen Handlungsbedarf. Bis Ende Juli hat das Rotwild ohnehin Schonzeit und darf nicht geschossen werden.

Auf Bitten des Kreises will die Landesanstalt für Ökologie den Menschen Ratschläge geben, wie sie mit den gehörnten Besuchern am besten umgehen und sie möglicherweise auch vertreiben können.

Einige Anwohner befürchten, dass die Tiere während der Brunft auf Kinder losgehen könnten. Fachleute gehen aber davon aus, dass die jungen Hirsche im Herbst etwas Besseres zu tun haben und sich zur Paarungszeit in den Wald verziehen.

„Alle, die nicht betroffen sind, stehen auf Egons Seite. Ich wäre froh, wenn die Tiere endlich weg wären. Die sind einfach lästig”, sagt ein betroffener Gartenbesitzer, der aus Furcht vor Hohn und Spott seiner Arbeitskollegen seinen Namen nicht nennen möchte.

Besonders geärgert hat den Mann, dass Egon und Paul seinen Kugel- Ahorn und eine Edeltanne „abrasierten” - von den Blumen ganz zu schweigen. „Sie können sich nicht die Größe dieser Viecher vorstellen”, sagt er und beschreibt eine seiner Begegnungen im Garten.

Vieles hat der Mann ausprobiert, um die Hirsche in die Flucht zu treiben. Gewirkt hat vor kurzem nur eins: „Ich habe mir ein Wasserrohr besorgt und durchgebrüllt. Der ist abgegangen wie ein Zäpfchen.”