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Neuss: Hier qualmen nicht nur die Schornsteine

Neuss : Hier qualmen nicht nur die Schornsteine

Der Waldarbeiter mit Kiepe, rotem Rock und schwarzer Schirmmütze ist ein stattlicher Bursche.

Sein Kreuz ist breit, seine Figur schneidig und seine Gesichtsfarbe überaus gesund. Dass der flotte, Pfeife rauchende Schnurbartträger allerdings um die 1200 Nachkommen produzieren würde, war in den 40er Jahren, als er das Licht der Welt erblickte, noch nicht abzusehen.

„Wir hatten nicht viele Spielsachen, aber ein Räuchermännchen”, erinnert sich die Wuppertalerin Brigitte Voswinkel, „das hat mich zu Weihnachten fasziniert, wie es so paff, paff den Rauch ausbläst”.

Jenes Räuchermännchen war der stattliche Bursche aus den 40er Jahren, und er legte den Grundstein der Sammlung des Ehepaars Brigitte und Manfred Voswinkel, die heute rund 1200 Objekte umfasst. Eine Auswahl aus diesem Fundus, Schaustücke aus zwei weiteren Sammlungen, aber auch Spielzeug, szenische Installationen, Bücher, Konstruktionspläne, Zeichnungen und historische Werbeanzeigen sind derzeit im Neusser Clemens-Sels-Museum zu sehen.

„Himmlischer Duft und irdische Typen - Erzgebirgische Räucherfiguren aus der Sammlung Voswinkel” heißt die Schau mit insgesamt 600 Exponaten. Die, die beim Betrachter spontan weihnachtliche Rührung aufkommen lassen, sind Seemänner, Schornsteinfeger oder Schumacher, sie präsentieren sich exotisch, märchenhaft oder militärisch, und sportlich sind sie allemal: unter ihnen gibt es Skifahrer, Bergsteiger oder stramme Walker.

Putzige Duftspender

Die ältesten Räuchermännchen - Figuren, die innen hohl sind, aus Holz, Brotteig oder Pappmache gedrechselt, gebohrt oder gepresst werden und denen, statt des Atems, aromatischer Rauch von den Lippen strömt - entstanden zwischen 1830 und 1830 in Thüringen und im Erzgebirge, die jüngsten unter den putzigen Duftspendern sind neuzeitliche Plagiate aus Fernost.

Der Goliath unter den schmauchenden Gesellen, ein Töpfer mit Teller und Krug, erreicht fast die Länge eines Armes, sein winzigster Kollege ist ein Haushaltswarenverkäufer, der in einen Handteller passt.

Zu sehen sind aber nicht nur paffende Kerle, sondern auch Weibsvolk, das ein gutes Pfeifchen zu schätzen weiß. Hier rauchen nicht nur Köpfe, sonder auch Kappen von Pilzen und Schornsteine auf Häusern.

In der Ausstellung selbst - die mit ihren Holzsammlern am Kamin, Topf bewehrten Köchinnen und von Haremsdamen umschwärmten Paschas, den Astholz-Hirten, Lack-Soldaten und Seidenhaar-Schönheiten, mit Schneemännern, Nussknackern, und Schaukelpferden allerliebst anzuschauen ist - geht es aber nicht nur ums pure Gefühl.

Vielmehr soll im kulturhistorischen Sinne erläutert werden, woher die Räucherfiguren stammen, wieso sie im Erzgebirge heimisch wurden, was ihren eigentlichen Boom auslöste und warum sie bis heute noch so beliebt sind. Erst um das 18. Jahrhundert begann die Produktion von Spielzeug im Erzgebirge, das schon seit dem 16. Jahrhundert Holz verarbeitete.

Die Spielzeugproduktion stehe in Zusammenhang mit der Aufwertung des kindlichen Spiels, so Ausstellungskurator Thomas Ludewig. „Dieser Prozess ging einher mit dem Wandel des Weihnachtsfestes, das sich zu einer Familienfeier und einem Bescher-Fest entwickelte.”

Ein Teil ihrer Beliebtheit verdanken die Figuren jedoch zweifelsohne ihrem himmlischen Duft: die Räucherkerzen, die in ihrem Inneren schwelen, riechen nach Tannennadeln, Vanille oder Lavendel, Weihrauch, Myrrhe oder Orange, Honig, Sandelholz oder Zimt.