Mit 84 Jahren auf die politische Bühne: Hermann Hartong rückt im hohen Alter in den Städteregionstag nach

Mit 84 Jahren auf die politische Bühne : Hermann Hartong rückt im hohen Alter in den Städteregionstag nach

„Langeweile habe ich noch nie gehabt“, sagt Hermann Hartong und erstickt damit gleich mal alle Spekulationen, die in diese Richtung gehen könnten. Jahrzehntelang hat der Aachener sich ehrenamtlich eingesetzt – in der Arbeiterwohlfahrt, im Kleingartenverein, bei der Gewerkschaft und in der SPD. Wenn Hartong gebraucht wird, ist er zur Stelle. „Das war schon immer so“, bestätigt seine Frau Waltraud. Und das gilt auch heute noch.

Kein Zweifel: Dieser Mann ist ein Phänomen. Und ab Donnerstag eine – mindestens – kleine Sensation. Denn dann wird Hermann Hartong mit 84 Jahren und ziemlich genau fünf Monaten in den Städteregionstag einziehen – als Nachrücker für seine Eschweiler Kollegin Kristina Klinkenberg, die sich aus persönlichen Gründen zurückgezogen hat.

„Ich weiß, dass das nicht alltäglich ist“, räumt der Pensionär ein. Doch in den Vordergrund möchte er mit seiner außergewöhnlichen Entscheidung, für die er – natürlich – nicht lange überlegen musste, dennoch nicht: „Das ist doch nur für einen überschaubaren Zeitraum.“ Die nächsten Kommunalwahlen finden im Herbst 2020 statt. Dann wird Hermann Hartong, der am 10. November 1934 geboren wurde, knapp 86 Jahre alt sein. Wer ihn so sieht, wie er mit bescheidenem Lächeln und leuchtenden Augen über die Gesellschaft und die Politik spricht, kann es kaum glauben.

Überzeugter Sozialdemokrat

Hartong ist ein überzeugter Sozialdemokrat. Auch in Zeiten, in denen seine Partei in einem Stimmungstief zu stecken scheint. Eingetreten in die SPD ist er 1968 – aus Begeisterung und Empörung. „Willy Brandt hat mich mitgerissen“, erinnert sich der zweifache Vater und dreifache Großvater.

Und dann berichtet er von der verzweifelten Suche nach einer Wohnung in Düsseldorf, wo er seine Frau 1963 kennengelernt und schon ein Jahr später geheiratet hatte. „Ohne Trauschein gab es quasi keine Chance auf einen Mietvertrag“, blickt er kopfschüttelnd zurück. Und nicht nur das: „Kinder waren damals unerwünscht. Viele Vermieter forderten von jungen Paaren sogar, schriftlich zu versichern, dass sie keine Kinder haben wollten.“ Für die Hartongs kam die Unterzeichnung einer solchen Erklärung nicht in Frage. Eine Wohnung haben sie letztlich trotzdem bekommen – und 1965 ihre erste Tochter.

Soziale Ungerechtigkeit ist Hermann Hartong, der im niedersächsischen Vechta geboren wurde und aus beruflich Gründen über Düsseldorf 1967 den Weg nach Aachen fand, von jeher ein Dorn im Auge gewesen. Sein Gegenbild zeigt eine solidarische Gemeinschaft, in der auch die Schwächeren einen Platz haben. Und in der die Lebensleistung des Einzelnen honoriert wird. „Es kann doch nicht sein, dass Menschen, die jahrzehntelang gearbeitet haben, im Alter um das Existenzminimum kämpfen müssen“, empört sich der gelernte Elektriker und fügt hinzu: „Dass es so viel Armut in diesem reichen Land gibt, ist wirklich erbärmlich.“

„Wir müssen mit den Leuten reden“

Die Kritik geht auch an die eigenen Leute: „Unsere Parteioberen müssen begreifen, dass wir uns wieder an den Strömungen in der Gesellschaft orientieren sollten“, findet er. Wäre da ein Linksruck gut? „Nein, das ist mir zu pauschal. Wir müssen mit den Leuten reden, ihnen zuhören und eine Politik bieten, die für eine breite Mehrheit wählbar ist.“

Dafür will sich Hermann Hartong in der Städteregion einsetzen. Neuland betritt er dabei nicht: Von 1984 bis 1989 war er Mitglied des Stadtrates in Aachen. Und auch dem Städteregionstag als höchstem Gremium der Städteregion hat er in der ersten Legislaturperiode nach deren Gründung, von 2009 bis 2014, schon einmal angehört. „Die Idee, dass sich viele Kommunen zusammentun, um ihre Interessen gemeinsam zu vertreten, hat mich von Anfang an begeistert. Und das Ziel, dabei Synergieeffekte zu erzielen, finde ich ebenfalls sehr gut.“

2014 verfehlte Hartong das neuerliche Direktmandat im Aachener Osten knapp, als Sachkundiger Bürger blieb er der SPD aber erhalten. Sehr zur Freude von Martin Peters: „Hermann Hartong ist ein Glücksfall für uns. Er ist unglaublich engagiert und absolut zuverlässig“, schwärmt der städteregionale Fraktions- und Parteivorsitzende. „Ich bin sehr froh, dass er der Fraktion jetzt wieder angehört.“

Kunst, Natur, Familie

Seine übrigen Hobbys will der Pensionär dennoch nicht vernachlässigen. Für moderne Kunst begeistert er sich, seitdem er in den letzten Berufsjahren als Hausmeister im Ludwig Forum gearbeitet hat. Seiner Freude an der Natur geht er nicht nur auf der Terrasse, sondern immer noch auch im Kleingarten nach. Auch das Reisen soll nicht zu kurz kommen – und selbstverständlich die Familie nicht – allen voran die Enkelkinder. Die Sorge, sich in der Summe selbst zu überfordern, hat der 84-Jährige nicht. „Ich bin doch geistig und körperlich fit.“

Und so soll es auch noch lange bleiben. Mit Einschränkungen plant Hartong in absehbarer Zeit jedenfalls nicht. Schon jetzt hat er seiner Partei versprochen, beim Kommunalwahlkampf im kommenden Jahr wieder kräftig mitzumischen. Als Helfer, wohlgemerkt. Und als Kandidat? „Nein, das kommt wohl nicht mehr in Frage“, sagt Hermann Hartong und setzt ein schelmisches Grinsen auf: „Aber man soll ja bekanntlich niemals nie sagen.“

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