Aachen/Sarajevo: Heinz Jussen: Energieriese mit Flamme im Herzen

Aachen/Sarajevo : Heinz Jussen: Energieriese mit Flamme im Herzen

Unterwegs beim Friedensfackellauf Flame for Peace im Sommer 2014 von Sarajevo nach Aachen, noch irgendwo im bosnischen Hinterland, merkte man erstmals, dass der Lauf Heinz Jussen zusetzte. Es war, trotz aller Hitze, nicht das Körperliche: Ein paar Kilometer am Tag joggt Jussen locker, auch mit 73 Jahren.

Es war seine Sorge um das Drumherum: Klappt auch alles? Stimmt die Route noch? Wo ist das andere Begleitfahrzeug? Warum geht da keiner ans Telefon? Wo zum Teufel sind die Unterlagen — Teilnehmerurkunden, Startnummern, das Ersatzöl für die Fackel?

Heinz Jussen wollte sich um alles selbst kümmern. Ja, sagt er heute, „ich hatte ein wenig meine Gelassenheit verloren. Ich war so beseelt vom Projekt und gleichzeitig fühlte mich ständig in der Primärverantwortung.“

Vielleicht kann man sagen, dass Jussens Energielevel die Balance verloren hatte. Energie ist ein Leitwort in seinem Leben. Er selbst hat reichlich davon. Und schafft es, Energien bei anderen zu erzeugen, zu bündeln. „Wir lösen keine Probleme“, sagt er nachdenklich, „wir können nur Energien punktuell stärken.“

Bis 1992 hatte Jussen kaum Bezugspunkte zum Balkan. Dann kam im Bosnienkrieg der 16-jährige Flüchtling Suad traumatisiert an seine Schule, die Abendrealschule in Aachen. Dessen Freund erklärte: „Eltern von Suad tot. Granata. In Tuzla.” Jussen sagt heute: „Ich war ganz hilflos. Herzliches Beileid verstand er nicht. Er weinte und schämte sich dafür. Plötzlich sprach es aus mir heraus: ‚Suad, ich fahre nach Tuzla.‘“ Das war ein Versprechen. „Im Dezember 1992 bin ich als Erster überhaupt mit Hilfsgütern in die eingeschlossene Stadt durchgekommen.“

Gegen „heimliche Vorurteile“

Daraus wurden, teilweise unter Beschuss, einmal Gefangennahme, elf Fahrten mit dem LKW. Später bekam Jussen dafür das Bundesverdienstkreuz, heute weiß er nicht mehr, wo es ist. „In irgendeiner Schublade. Solche Dinge ehren mich und unsere Arbeit, klar. Aber sie sind mir persönlich auch nicht so wichtig.“

Jussen gründete mit Freunden das Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit, leierte Schulpatenschaften an und das Jugendtheaterfestival Bina Mira („Bühne des Friedens“), das seit 2007 mal hier und mal in den Balkanländern stattfindet. „In ihren Geschichtsbüchern lesen die jungen Leute auf dem Balkan bis heute völlig unterschiedliche Wahrheiten über ihre Nachbarn und den Bosnienkrieg. Wir versuchen, die Streumunition in den Köpfen der Jugendlichen zu entschärfen. Ich selbst hatte vorher auch meine Klischee-Bilder von den bösen Serben, teils von bösen Kroaten und den armen Bosniaken als Opfern. Vor allem durch Kontakte zu jungen Serben haben sich meine heimlichen Vorurteile aufgelöst.“

Dann hatte er im vergangenen Jahr die Idee zum achtwöchigen Lauf durch zwölf Länder, über fast 3000 Kilometer. Die Welt dadurch verändern? Ach was, sagt Jussen. „Ein bisschen Bewegung in den Köpfen da unten“ möchte er erreichen. „Und was bei uns wie das Friedensgesäusel von Gutmenschen klingt, ist dort elementar.“ Ob durch Theaterspiel oder durch Flame for Peace: „Hunderte Kinder sind in den Etappenorten mitgelaufen, ganz berührend war das jedes Mal. Ich habe vor 20 Jahren Tuzla erlebt, Srebrenica, die Konzentrationslager, die elenden Flüchtlingstrecks, verreckende Menschen vor meinen Augen. Und jetzt sind wir genau da gelaufen — das waren erhabene Momente für mich, aber mit den Erinnerungen auch zehrend.“

An den 54 Etappenorten gab es immer eine Ankunftszeremonie. Alle Läufer, mal waren es 15, mal gut 50, bildeten einen Kreis, die Friedensfackel loderte, und alle fassten sich an den Händen. Dann lief der Flame-Song, Beethovens „Ode an die Freude“, umgetextet und eingespielt von der Aachener Rockband Neogene: „Shine the light, nationwide — Flame for Peace, a love supreme. Lightens everybody’s heart and burns the fear and hate within...“ Das heißt so viel wie: Die Flamme des Friedens leuchtet über alle Grenzen hinweg in jedermanns Herz und brennt Angst und Hass nieder...

Klingt niedergeschrieben eher kitschig. Vor Ort war es jedes Mal neu ergreifend, auch wegen Jussens Ernsthaftigkeit und Ausstrahlung. „Dieses Gemeinschaftsgefühl für einen Moment. Selbst die Bürgermeister“, erinnert er sich, „denen vielleicht gerade die nächste Sitzung durch den Kopf ging, hatten plötzlich diese kurze Ergriffenheit. Wie der Stadtchef in Visegrad — seine Hand hat ständig gezuckt in meiner...“ Und dann ist da wieder dieses Stichwort. „Bei der Zeremonie entstand immer so eine große Energie für einen kleinen Moment.“

Am 3. Oktober bekommt Heinz Jussen den „Europäischen Sozialpreis zu Eschweiler“. Was ihm das bedeutet? „Im ersten Moment war es ein Gefühl wie als Schüler früher, wenn man eine Eins zurück bekommt. Jetzt ist es Anerkennung für unsere Projekte und eine schöne Werbung dafür.“

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