Region: Hebammenmangel: Krankenhausgeschäftsführer auf Lösungssuche

Region : Hebammenmangel: Krankenhausgeschäftsführer auf Lösungssuche

Eines der für die Existenz des Menschen wichtigsten Berufsbilder ist Mangelware geworden. Manche Krankenhäuser versuchen eigenen Angaben zufolge mittlerweile händeringend, vakante Hebammenstellen zu besetzen.

Beispiel Rhein-Maas Klinikum in Würselen: Seit Monaten ist die Entbindungsstation auf Marienhöhe außer Betrieb. Auf krankheitsbedingte Ausfälle während der Grippewelle folgten drei Kündigungen, „zwei wegen Schwangerschaft, eine, weil der Ehemann beruflich an einen anderen Ort ziehen musste“, wie Geschäftsführer René A. Bostelaar im Gespräch mit unserer Zeitung darlegt.

Seither sei man auf der Suche nach entsprechend qualifiziertem Ersatz. Die drei unlängst noch neu gestalteten und modern ausgestatteten Entbindungsräume u.a. mit Wanne für Wassergeburten, Gebärhocker sowie bei Bedarf unmittelbarem Zugang zum OP-Bereich sind derweil verwaist.

Weiterhin Besichtigungstermine

Zwar veranstaltet die Klinik weiterhin regelmäßige Besichtigungstermine, an denen im Schnitt vier bis fünf werdende Elternpaare teilnehmen. Doch die seien dann stets enttäuscht, „wenn sie erfahren, dass sie hier zur Zeit gar nicht entbinden könnten“, sagt Bostelaar, wohl wissend, wie sehr die Zeit drängt: „Das darf nicht mehr lange dauern.“ Je länger eine Klinik abgemeldet ist, umso mehr läuft sie Gefahr, aus dem Bewusstsein der Bevölkerung zu verschwinden.

Vor allem vor dem Hintergrund, dass die endgültige Schließung der Würselener Geburtsklinik vor gut zwei Jahren in der Tat einmal angedacht gewesen war. Was letztlich am Einspruch der Bezirksregierung respektive dem politischen Willen in der Städteregion scheiterte. Bostelaar möchte in diesem Punkt denn auch keine Zweifel mehr aufkommen lassen, auch wenn sein Haus mit rund 430 Geburten im Jahr weit unter dem liegt, was wirtschaftlich wäre — laut einer Faustregel wäre dies bei rund 1000 Geburten der Fall: „Das Rhein-Maas Klinikum steht zur Geburtshilfe“, betont er. „Wir haben einen Gesellschafterbeschluss, der das vorsieht. Und ich werde alles tun, um das zu gewährleisten.“

Die Personalausstattung lasse einen durchgehenden Dienst zurzeit aber nicht zu. Sechs Vollzeitstellen würden dazu benötigt, mindestens zwei volle Stellen gelte es nunmehr neu zu besetzen. Neben der Veröffentlichung einschlägiger Stellenanzeigen im Dreiländereck habe man 15 Personalvermittlungsfirmen und sogar einen Headhunter kontaktiert, dazu diverse Hebammenpraxen. Bislang vergeblich. „Wir zahlen die besten Tariflöhne, die es gibt“, wirbt Bostelaar mit „gutem Ärzteteam, Weiterbildungsmöglichkeiten sowie einer guten Arbeitsumgebung“.

Würselen steht mit dem Problem nicht alleine. So sind die verbliebenen, in Teilzeit beschäftigten Hebammen des RMK derzeit nach Stolberg ausgeliehen, wo ebenfalls zwei Stellen nicht besetzt sind. Bostelaar: „Das RMK stellt mit seinen Hebammen das Aufrechterhalten der Entbindungsstation in Stolberg sicher!“ Gemeinsam arbeite man daran, eine Lösung zu finden, bestätigt dies Dirk Offermann, Geschäftsführer des Bethlehem Gesundheitszentrums: „Wir haben die Vereinbarung getroffen, dass die Hebammen des Rhein-Maas Klinikums, die mit offenen Armen empfangen worden sind, für drei Monate, also bis Ende Juli, im ‚Bethlehem‘ eingesetzt werden.“

Bis 22. Mai 2018 gab es in Stolberg bereits 680 Geburten. Perspektivisch werde die Geburtenzahl noch steigen. Mit Gründung des RegioNetzwerks für die Frau und einer Investition von 1,8 Millionen Euro in den Kreißsaal der neuesten Generation sei die Grundlage in Stolberg geschaffen worden. Personalstruktur sowie technische und räumliche Voraussetzungen seien darauf ausgerichtet, Mutter und Kind „hochqualitativ zu versorgen“ und „auch Spitzen aufzufangen“. Zurzeit augenscheinlich nur mit Hilfe aus Würselen.

Für RMK-Geschäftsführer Bostelaar offenbart sich mit dem Mangel an Hebammen eine allgemeine Entwicklung in der Pflege, der man längst hätte entgegensteuern sollen. „Vor vielen Jahren schon habe ich dem damaligen NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann gesagt, dass wir Probleme bekommen.“ Mit einer Delegation des Deutschen Pflegerats sei er seinerzeit bei ihm gewesen. „Aber nichts ist passiert, die Politik hat versäumt, die richtigen Weichen zu stellen.“ Jetzt müsse Geld in die Hand genommen werden, müssten die Kostenträger die Geburt aufwerten und die Versicherungsprämien auffangen, fordert Bostelaar den Gesetzgeber auf, das Berufsbild Hebamme attraktiv zu machen.

Die Hebammenschule der Christlichen Bildungsakademie für Gesundheitsberufe am Aachener Luisenhospital hat derweil die bislang 30 Ausbildungsplätze auf 35 aufgestockt. Um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden, werden in Kooperation mit dem Dürener St.-Marien-Hospital zusätzliche 19 Plätze geschaffen, wie die Schule auf Anfrage mitteilt. Auch René Bostelaar hat Kontakte zur Akademie geknüpft, um weitere fünf Hebammen fürs RMK auszubilden. „Die aber erst in drei Jahren zum Einsatz kommen können.“

Das Luisenhospital indes verweist auf 1200 Geburten in 2017 und eine „sehr gute personelle Ausstattung ... vor allem bei den Hebammen“.

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