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„Eine offene Wunde“: Hannelore Kraft erinnert an das Loveparade-Leid

„Eine offene Wunde“ : Hannelore Kraft erinnert an das Loveparade-Leid

Zehn Jahre sind seit der Loveparade-Tragödie in Duisburg vergangen. Zum Jahrestag hält Ex-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft eine bewegende Rede. Die „Kümmerin“ lässt die Katastrophe bis heute nicht los.

Die Loveparade-Katastrophe in Duisburg bleibt juristisch ungesühnt, aber das Leid der Opfer endet nicht. Zum zehnten Jahrestag des Unglücks hat der Landtag am Donnerstag in einer bewegenden Debatte den Opfern und Hinterbliebenen weitere Hilfe zugesagt. Doch nicht die zusätzlichen fünf Millionen Euro stehen im Fokus, sondern die Schicksale der Menschen, die bis heute körperlich und seelisch unter den Folgen des tödlichen Gedränges leiden. Und es ist Ex-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die bei ihrer ersten Rede im Landtag seit ihrer Wahlniederlage 2017 mit brechender Stimme dem Leid eine Stimme gibt.

Im schwarzen Kostüm tritt die SPD-Politikerin ans Rednerpult. Kraft bittet die Opfer und Hinterbliebenen um Vergebung, dass die Tragödie ungesühnt bleibe. „Die Loveparade-Katastrophe ist eine offene Wunde am Herzen der Stadt und des Landes“, sagte Kraft. „Diese Wunde hat sich nicht geschlossen.“ Als sie die Vornamen und das Alter aller 21 Todesopfer aufzählt, kippt ihre Stimme.

Kraft war erst zehn Tage Ministerpräsidentin, als die Katastrophe am 24. Juli 2010 auf dem einstigen Güter- und Rangierbahnhof geschah. Im Gedränge starben 21 Menschen, 650 Menschen wurden verletzt. Erst im Mai 2020, nach fast zehn Jahren, wurde der Mammutprozess um das Unglück beendet - ohne Urteil. Das Landgericht Duisburg hatte bei den drei verbliebenen Angeklagten eine „vermutlich geringe Schuld“ gesehen. Für die Angehörigen, Verletzten und Traumatisierten der Opfer sei das „schwer zu ertragen“, sagte Kraft.

Bei der Trauerfeier im Juli 2010 hatte die damalige Regierungschefin versprochen: „Ihnen allen und nicht zuletzt uns selbst sind wir es schuldig, das Geschehene und Unfassbare lückenlos aufzuklären.“ Sie sei damals fest überzeugt gewesen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden, sagt Kraft nun. „Ich habe nicht Recht behalten.“ Doch eine Forderung stellt die heutige Oppositionspolitikerin, die seit drei Jahren als einfache Abgeordnete im Parlament weitgehend geschwiegen hat: Künftig müsse eine bessere und schnellere juristische Aufarbeitung solcher komplexer Katastrophenfälle erfolgen.

Zweimal bekommt Kraft Applaus der Fraktionen für ihre jahrelange Unterstützung der Opfer und Angehörigen. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) dankt ihr und erinnert an ihre einstige Trauerrede: Kraft habe das, was 18 Millionen Menschen in NRW damals empfunden hätten, „so eindrucksvoll formuliert, dass ein Stück des Respekts gegenüber dem Staat und dem Land wiedergewonnen wurde“.

Bei jüngeren Abgeordneten sitzt die Erinnerung an die Katastrophe tief. Der Grünen-Politiker Matthi Bolte-Richter ringt um Fassung, als er von dem Tag spricht, der das Leben für viele so einschneidend verändert habe. Er erinnert an die, die bis heute „allein geblieben sind in ihrer Trauer, in ihrer Suche nach Sinn und der einfachen Antwort nach der Frage der Schuld“.

„Die Bilder haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eines ganzen Landes eingebrannt“, sagt auch CDU-Fraktionschef Bodo Löttgen, ein ehemaliger Kriminalhauptkommissar. Er liest aus dem letzten Polizei-Funkspruch des 24. Juli 2010 vom Unglücksort vor: „... unten an der Rampe Tote rausgezogen ... Schlachtfeld ... es soll eine Loveparade sein und keine Tot-Tret-Parade.“

Nur sechs Minuten redet Ex-Regierungschefin Kraft. Die Tragödie hatte sie menschlich tief getroffen, auch ihr Sohn war auf einer Loveparade-Party gewesen. Er blieb unverletzt. Krafts Beistand für Opfer und Hinterbliebene trug damals maßgeblich zu ihrem Image als „Kümmerin“ bei. Zehn Jahre später wird klar, wie tief sich die Loveparade-Tragödie nicht nur in die Seele der einstigen Spitzenpolitikerin eingebrannt hat.

(dpa)