Hambacher Forst: Gedenkstätte wird abgebaut

Räumung geht weiter: Gedenkstätte für toten Blogger im Hambacher Forst wird abgebaut

Am Dienstagmorgen ist die Räumung der Baumhäuser im Hambacher Forst fortgesetzt worden. Die Polizei ist indes dabei, einen besonders emotionalen Ort im Hambacher Forst zu umstellen.

Nach dem Einsatz am Montag hatte die Polizei mitgeteilt, 44 Baumhäuser geräumt und abgerissen zu haben.

Die Zahl der im Hambacher Forst festgestellten Baumhäuser hat sich offenbar kontinuierlich erhöht. Im Sommer war noch von etwa 30 bis 40 Baumhäusern die Rede, vor Beginn des Einsatzes am 13. September von mehr als 40. Nach dem 13. September sprach die Polizei dann schnell von 51 Baumhäusern, am Tag des tödlichen Sturzes eines Bloggers, also am 19. September, dann von etwa 55 Baumhäusern. Am Montagabend erklärte die Polizei, es seien inzwischen „über 70 Baumhäuser“ festgestellt worden. Eine überraschend hohe Zahl, nachdem zwischen April 2012, dem Beginn der Waldbesetzung, und März 2018 nicht mehr als 30 Baumhäuser errichtet worden waren.

Die Frage ist: Wie kommt es zu der wundersam schnellen Baumhausvermehrung? Eigentlich gibt es nur drei Möglichkeiten:

a) Die Polizei zählt ungenau.

b) Die Waldbesetzer bauen in rasender Geschwindigkeit immer neue Baumhäuser.

c) Möglichkeiten a) und b) sind beide irgendwie richtig.

Ein Sprecher der Waldbesetzer erklärte am Dienstagmorgen im Gespräch mit unserer Zeitung, die Polizei sei „weniger blöd, als viele denken“, weswegen Möglichkeit a) vermutlich ausscheide. Es sei richtig, dass „unsere Bewegung immer weiter wächst und deswegen immer mehr Menschen in Baumhäusern“ im Hambacher Forst wohnen würden. Er sagte auch, dass trotz vieler Polizisten, die in den zurückliegenden Wochen im Wald gewesen sind, „einige neue Baumhäuser und Plattformen entstanden“ seien. Dass aber zwischen dem 19\. und dem 24\. September, also dem Tag des tödlichen Unglücks und der Fortsetzung der Räumungen am Montag, mehr als 15 neue Baumhäuser entstanden sein sollen, wie es nach den Mitteilungen der Polizei den Anschein erweckt, hält er „für ausgeschlossen“.

Sonja Baslanti, Sprecherin der Aachener Polizei, erklärte am Dienstagmorgen, dass die Polizei desto mehr Baumhäuser feststellen würde, je weiter sie in den Wald vordringe. Deswegen sei es wahrscheinlich, dass die Zählung vor oder kurz nach Beginn des Räumungseinsatzes am 13\. September nicht alle zu diesem Zeitpunkt tatsächlich errichteten Baumhäuser eingeschlossen habe. Doch auch sie geht davon aus, dass die Waldbesetzer seit Beginn des Einsatzes „insbesondere nachts“ neue Plattformen errichtet haben. Da die Polizei nur einige Bereiche des Waldes ausleuchte, sei es nicht möglich, alle Geschehnisse im Hambacher Forst nachzuvollziehen und zu kontrollieren,

Wie viele Baumhäuser und Baum-Plattformen sich also tatsächlich im Hambacher Forst befinden, weiß derzeit niemand. Und das könnte auch der Grund dafür sein, warum sich die Polizei bislang vermieden hat, das Ende des Räumgseinsatzes zu prognostizieren.

Am Dienstagmorgen wurde den Bewohnern des Baumhausdorfes „Beechtown“ der Räumungsbeschluss des zuständigen Ordnungsamtes verlesen. Dort war am 19\. September der 27 Jahre alte Blogger und Aktivist Steffen M. aus Leverkusen durch eine Hängebrücke zwischen zwei Baumhäusern aus 15 oder mehr Metern in die Tiefe gestürzt und kurz danach gestorben.

Am Unglücksort ist eine kleine Gedenkstätte aufgebaut, an der in den vergangenen Tagen Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen Abschied von Steffen M. genommen haben.

Die Räumung der Gedenkstätte lief am Dienstagmorgen ruhig und friedlich ab, wie ein dpa-Reporter berichtete. Eine kleine Gruppe von Aktivisten habe nach einer Schweigeminute die Kerzen ausgepustet und gemeinsam mit den Blumen und Fotos in bereitgestellte Kisten gepackt. Die Polizei half ihnen dabei. Nach Abschluss der Arbeiten könne die Gedenkstätte wieder am Unglücksort aufgebaut werden, versprach die Polizei.

In der Nacht hatten Unbekannte unterdessen die Webseite von RWE mit einem Hackerangriff lahmgelegt. Ob die Tat in Verbindung zu den Protesten gegen die Rodung des Hambacher Forsts steht, ist derzeit jedoch noch nicht geklärt.

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