Düsseldorf: Halbtagsgymnasium ist möglich. Fast.

Düsseldorf : Halbtagsgymnasium ist möglich. Fast.

Nach jahrelangem Streit bekommen Eltern in NRW nun ihren Willen. Zumindest beinahe. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ermöglicht es Schulen, mit der Rückkehr zu G9 auch zum Halbtagsunterricht zurückzukehren.

Das hatten einige Elterninitiativen gefordert. Im jetzigen Abitur nach acht Jahren, das gern „Turbo-Abitur“ genannt wird, haben die Schüler häufig am Nachmittag Unterricht. Sportvereine und Musikschulen beklagten, dass für außerschulische Aktivitäten keine Zeit mehr bliebe. Mit der Rückkehr zum G9 kann sich das ändern.

Bei dem Abitur nach neun Jahren sind pro Woche im Schnitt 30 Stunden Pflicht für die Sekundarstufe I, also von der fünften bis zur zehnten Klasse. Auf die fünf Wochentage verteilt wären das im Schnitt sechs Schulstunden pro Tag — dann wäre mittags, theoretisch um 13.15 Uhr, Schulschluss.

Aber eben nur theoretisch. Der Entwurf für die sogenannte Stundentafel, die das Schulministerium am Donnerstag vorlegte, enthält nämlich noch eine Spezifizierung. In der Erprobungsstufe (5. und 6. Klasse) sind nur 28,5 Stunden pro Woche vorgesehen. In der Mittelstufe (7-10. Klasse) sind es 30,75. Deswegen ist es unabdingbar, dass Kinder in einem Schuljahr an zwei Nachmittagen oder auf zwei Schuljahre verteilt an einem Nachmittag zur Schule gehen müssen. Hintergrund ist, dass nach 13 Uhr eine Zwangsmittagspause vorgesehen ist. Erst danach beginnt dann die 7. Schulstunde.

Das Ministerium begründet die Entscheidung aber. „Die ganz jungen Schüler sollten entlastet werden“, sagte Gebauer unserer Zeitung. Deshalb sehe der Entwurf etwas weniger Stunden für die Erprobungsstufe vor — und dagegen etwas mehr für die Mittelstufe. „Auch an anderen Schulformen gibt es mal an einem oder zwei Nachmittagen in der Mittelstufe Unterricht, das halte ich für vertretbar.“

Elternvertreter: „Sprachlos“

Ganz anders sieht das die Elterninitiative „G9 jetzt“, die unerbittlich für eine Abkehr von G8 gekämpft hatte. „Ich bin sehr negativ überrascht, weil das Halbtagsgymnasium nicht komplett möglich ist“, sagte der Sprecher der Initiative, Marcus Hohenstein jetzt. „Ich bin sprachlos und verstehe nicht, warum die Ministerin ohne Not die Möglichkeit zum Halbtag verbaut.“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW hält den Vorschlag hingegen für gut. Die Vorsitzende Dorothea Schäfer sagte unserer Zeitung: „Es war auch vielfach der Wunsch, dass die Kinder, die frisch aus der Grundschule kommen, nicht direkt jeden Tag sechs Schulstunden haben.“ Die Entlastung der Kleinen sei richtig.

Wenn jedes Schuljahr pro Woche im Schnitt 30 Schulstunden unterrichtet werden, sind das 180 Stunden. Es gibt aber acht Ergänzungsstunden, die „nicht verbindlich“ sind, wie es seitens des Ministeriums heißt. Die Schulkonferenzen, bestehend aus Lehrern, Eltern und Schülern, entscheidet, ob sie genutzt werden. Schulen können mit den Zusatz-Stunden ihr Profil schärfen, sagte Gebauer. „Die Schulfreiheit ist mir sehr wichtig.“

Im Vergleich zum alten G9 haben die Kinder im neuen G9 auf die komplette Sekundarstufe I gesehen eine Stunde mehr. Also 30 statt 29,83 im Schnitt pro Woche. Die Verteilung der Stunden auf die Fächer ist im Vergleich zu früher kaum verändert. Das Ministerium betonte zwar, es gebe etwa eine Schulstunde mehr für Mathe. Das stimmt aber nicht ganz. Im alten G9 gab es auf sechs Jahre verteilt 22 bis 24 Stunden, heute sind es 23. Das entspricht dem Mittelwert von früher. Klar geregelt ist, dass in der Gesellschaftslehre Wirtschaft einen höheren Stellenwert bekommt, in den Naturwissenschaften das Fach Informatik.