Düsseldorf: Haftbefehl gegen Angeklagten im Wehrhahn-Prozess aufgehoben

Düsseldorf: Haftbefehl gegen Angeklagten im Wehrhahn-Prozess aufgehoben

Jahrelang haben die Ermittler Indizien zusammengetragen, trotzdem reichen dem Düsseldorfer Landgericht die Beweise nicht aus. Im Prozess um den Bombenanschlag am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn vor 18 Jahren rangen sich die Richter am Donnerstag zu einer Entscheidung durch, über die seit Wochen spekuliert worden war: Sie setzten den Angeklagten auf freien Fuß.

Gegen den mutmaßlichen rechtsradikalen Attentäter, der über ein Jahr in Untersuchungshaft saß, bestehe kein dringender Tatverdacht mehr, heißt es in dem 51-seitigen Beschluss des Gerichts. So stehen die Ermittler auch nach 18 Jahren wieder mit weitgehend leeren Händen da.

Noch am Montag hatte Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück die ebenfalls auf mehr als 50 Seiten aufgeführten belastenden Indizien stundenlang in seiner Zwischenbilanz im Gerichtssaal vorgetragen. Unisono schlossen sich die Vertreter der Nebenkläger der Bilanz an: Der Angeklagte sei durch das Mosaik eindeutig überführt und habe mehrfach Täterwissen offenbart, befanden Staatsanwalt und Nebenklage-Anwälte.

Doch die Richter sehen das anders: In ihrem Beschluss setzen sie sich mit den Zeugen auseinander, die ausgesagt hatten, der 51-Jährige habe ihnen die Tat angekündigt oder sogar gestanden. Ihre Aussagen seien nicht hinreichend belastbar, um jemanden für lange Zeit hinter Gitter zu schicken.

Die Ex-Freundinnen des Angeklagten waren bei ihre Aussagen in entscheidenden Punkten von früheren Versionen abgewichen. Der Mithäftling, dem der 51-Jährige die Tat gestanden haben soll, ist ein vorbestrafter Betrüger.

Verteidiger Olaf Heuvens hatte erfolgreich argumentiert: Dass Zeugen den Angeklagten im Nachhinein belastet hätten, habe jeweils nachvollziehbare Gründe - von der persönlichen Rache bis zur in Aussicht gestellten hohen Belohnung. Dass der Angeklagte bei der Bundeswehr eine Sprengstoffausbildung erhalten hatte, bestätigte sich im Prozess nicht.

Die selbstgebaute und mit TNT gefüllte Rohrbombe hatte am 27. Juli 2000 ein Blutbad angerichtet. Bei dem Bombenanschlag waren zehn Menschen aus einer zwölfköpfigen Gruppe verletzt worden, einige von ihnen lebensgefährlich. Ein ungeborenes Baby starb im Mutterleib. Bei den Opfern handelt es sich um Zuwanderer aus Osteuropa, viele von ihnen sind Juden. Dem Angeklagten mit Kontakten zur rechten Szene wird zwölffacher Mordversuch aus Fremdenhass vorgeworfen.

Zwar verkennt das Gericht nicht, dass der Mann, den eine Zeugin am Tatort auf einem Stromkasten sitzen sah und der nach der Explosion verschwand, dem Angeklagten ähnelte. Auch halten sie ihn nach wie vor für verdächtig. Für eine Verurteilung reicht ihnen das bislang aber ebensowenig aus wie dessen Hakenkreuz-Tätowierung und die zahlreichen Belege seines Fremdenhasses.

Tatsächlich fehlten in dem Verfahren von Anfang an handfeste Beweise wie Fingerabdrücke oder DNA-Spuren: Die sind, so sie vorhanden waren, durch die Hitze der Explosion buchstäblich verdampft.

Dass sich in der Wohnung des Angeklagten eine Bedienungsanleitung für einen Fernzünder fand, wie er vermutlich verwendet wurde, konnte der Angeklagte nicht wirklich erklären. Am Ende verstieg er sich in die Behauptung, die Ermittler müssten sie ihm untergeschoben haben.

Die Indizienkette ist lang, letztlich war sie nach Überzeugung der Kammer aber war nicht stabil genug. Dabei waren sich die Ermittler ihrer Sache so sicher: Jahrelang hatten sie den Fall trotz eines gewaltigen Aufwands nicht aufzuklären können. 1500 Menschen waren befragt worden, mehr als 300 Spuren wurden verfolgt, 450 Beweisstücke gesammelt. Für viel Geld hatten die Ermittler einen Spezialdetektor gekauft, um im Bahngelände Partikel des Zünders zu finden. Alles vergeblich.

Bis sich 2014 der Durchbruch anbahnte: Die Aussage des Angeklagten gegenüber einem Mitgefangenen, er habe „an einem Bahnhof Kanaken weggesprengt”, brachte das Verfahren endlich wieder in Fahrt, der Mann landete in Untersuchungshaft und vor Gericht. Oberstaatsanwalt Herrenbrück sprach damals von einer bedrückenden Beweislast. Und in ihrer Zwischenbilanz waren die Nebenkläger noch am Montag überzeugt: So viele belastende Momente könnten in der Gesamtschau nicht als Zufall abgetan werden.

Doch sie haben sich getäuscht. Dass die Staatsanwaltschaft in der restlichen Beweisaufnahme das Blatt noch einmal wenden kann, gilt als unwahrscheinlich. Sie prüft nun, ob sie gegen die Freilassung Beschwerde beim Oberlandesgericht Düsseldorf einlegt. Der Prozess soll am 5. Juni fortgesetzt werden.

(dpa)
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