1. Region

Aachen: Hackathon „Beyond Borders“ geht mit großem Finale zu Ende

Aachen : Hackathon „Beyond Borders“ geht mit großem Finale zu Ende

Bader Zaidan sinkt erschöpft in seinen Stuhl. Auf dem Schreibtisch vor ihm stehen zwei Laptops, auf deren Bildschirmen bunte Buchstaben und Zahlen vor einem schwarzen Hintergrund laufen. Die gesamte Anspannung der vergangenen drei Tage fällt von Zaidan ab.

Gerade hat er sich mit seinen Teamkollegen den kritischen Fragen der Fachjury in der Digital Church in Aachen gestellt und ihnen ihr Produkt „Spyderdata“ vorgestellt, an dem sie drei Tage und zwei Nächte lang gearbeitet haben. Nun hat sich die Jury zur Beratung zurückgezogen. In wenigen Minuten wird sie vier der insgesamt acht Teams auszeichnen. Es wird das große Finale des ersten Hackathons werden, den das Medienhaus Aachen in Zusammenarbeit mit dem digitalHUB Aachen, dem Next Media Accelerator (nma) und dem Google News Lab ausgerichtet hat. Unterstützt wurde die Veranstaltung von NetAachen und der STAWAG.

Drei Minuten haben die Teams Zeit, um die Jury von ihrem Konzept zu überzeugen. Sebastian Hetheier (großes Bild, r.) und seine zwei Mitstreiter werden nach ihrer Präsentation von der Jury für das beste Gesamtkonzept ausgezeichnet. Das Team „Spyderdata“ von Bader Zaidan (kleines Bild) konnte die Jury trotz harter Arbeit nicht ganz überzeugen. Foto: Harald Krömer

Insgesamt rund 50 Teilnehmer haben unter dem Titel „Beyond Borders — Hack the #datadome“ in der Digital Church Ideen entwickelt, Internetseiten programmiert und Apps entworfen. Bader Zaidan ist einer von ihnen. Ursprünglich kommt er aus Libyen, nun studiert er im vierten Semester Elektrotechnik an der RWTH. Sein Studium finanziert er, indem er für Unternehmen Software programmiert. Hacking sieht er als seine berufliche Zukunft an. Regelmäßig besucht er deshalb Hackathons in ganz Deutschland.

Die acht Juroren (Bild unten links, es fehlt Dirk Zeiler) hören sich die Ideen der acht Teams an. Die Gewinner „Omnidata“ (unten r.) und „BeeAzubi (oben l.) überzeugen ebenso wie das Team „Pattle“ (oben r.).

Der Name Hackathon setzt sich zusammensetzt aus den Wörtern hacken und Marathon. Wann und ob die Teilnehmer abends die Digital Church verlassen, konnten sie zwar selbst entscheiden, aber die meisten tüftelten bis spät in die Nacht. Für Schlaf blieb kaum Zeit. „Bis zwei Uhr habe ich nachts programmiert, dann kurz geschlafen und um fünf Uhr wieder am Rechner gesessen“, sagt Zaidan. Bei einem Hackathon geschehe schließlich alles im Zeitraffer, erklärt Dirk Zeiler von nma. „Normalerweise brauchen Start-up-Gründer für diesen Prozess etwa ein halbes Jahr, hier sind es nur drei Tage“, sagt er.

Die Gewinner „Omnidata“ und... Foto: Marc Heckert

Im Fokus des Hackathons stand die kreative Nutzung von offenen Datenquellen (open Data), also von Daten, die von jedem und für jegliche Zwecke genutzt, weiterverarbeitet und weiterverbreitet werden können. Darunter fallen beispielsweise Karten, Satellitenaufnahmen oder auch kommunale Haushaltspläne. Das Ziel lautete, ein digitales Konzept zu entwickeln, das den Menschen ihr Leben und den Kontakt über regionale Grenzen hinweg erleichtert.

Die acht Juroren um Dirk Zeiler (Bild unten links, l.) hören sich die Pitches der acht Teams an. Die Gewinner „Omnidata“ (unten r.) und „BeeAzubi (oben l.) überzeugten ebenso wie das Team „Pattle“ (oben r.).

Designer, Programmierer, Informatiker

...das Team „Pattle“. Foto: Marc Heckert

Die groben Ideen, die die Designer, Programmierer, Informatiker und Studenten zu Beginn des Hackathons vorstellten, reichten von einer App, die die Entscheidungsfindung in Gruppen vereinfacht, bis hin zu einer Plattform, auf der Bürger Schlaglöcher an ihre Gemeinde melden können.

Ein Profi für Hackathons: Dirk Zeiler (nma). Foto: Harald Krömer

Schnell fanden sich die Teilnehmer in Teams zusammen, in denen sie die folgenden zwei Tage und Nächte gemeinsam tüfteln und arbeiten würden. Dabei trafen Designer auf Programmierer, Journalisten auf Studenten, Start-up- Gründer auf Informatiker. Dies unterscheide den Hackathon des Medienhauses von anderen Veranstaltungen dieser Art, sagt Zeiler, der regelmäßig Hackathons organisiert. „Hier sind viele technisch begabte Teilnehmer, die sich an den Laptop setzen und versuchen, Lösungen für Probleme zu finden“, sagt er. Normalerweise würden mehr lose Entwürfe entstehen als fertig programmierte Webseiten und Apps.

Bader Zaidan und seine Gruppe „Spyderdata“ legten sich schnell auf ein Konzept fest. Sie wollten eine Plattform entwickeln, die Daten so aufbereitet, dass verschiedene Städte in unterschiedlichen Kategorien — von Haushaltsausgaben bis hin zu den häufigsten Todesursachen — verglichen werden können.

Doch Zeiler warnte zunächst vor einigen Stolperfallen, bevor aus einer groben Idee ein profitables Konzept werden könne. „Die Jury achtet darauf, wie weit das Team in den drei Tagen gekommen ist, wie gut sich das Produkt für den Markteintritt eignet und wie machbar die Umsetzung des Konzepts tatsächlich ist“, erklärte Zeiler den Teilnehmern, bevor sie mit dem Hacken beginnen konnten. „Macht mich mit eurem Projekt wütend darüber, dass es nicht schon vor einem Jahr existiert hat“, spornte er die Teams an. „Die entscheidende Frage ist: Wird das Produkt die Leute überzeugen, Geld dafür zu bezahlen?“

Ideen wieder verwerfen

Der Juror ermutigte die Teilnehmer dazu, mit potenziellen Kunden ins Gespräch zu kommen und, wenn nötig, Ideen wieder zu verwerfen. „Spyderdata“ blieb allerdings seiner ursprünglichen Idee treu und nutzte die Zeit, in der andere Teams mit potenziellen Kunden sprachen, ihre Konzepte revidierten und nach neuen Ideen suchten, lieber dafür, konzentriert zu arbeiten. Zaidan ließ sich nicht ablenken. Auch nicht, als eine Yoga-Trainerin den Teilnehmern des Hackathons am Freitagabend kurze Übungen gegen Verspannungen in Händen, Nacken und Rücken anbot.

Der größten Herausforderung stellte sich der Student am Samstagmorgen. Nach wenig Schlaf und flaschenweise koffeinhaltigen Getränken galt es, die Arbeiten von ihm und den beiden anderen Programmierern aus seinem Team — einer Studentin aus Estland und einem Studenten aus der Türkei — zu einem einzigen funktionierenden Produkt zusammenzufügen. Sie gewannen den Wettkampf gegen die Zeit: 30 Minuten vor dem großen Finale war die Plattform fertig und, was noch wichtiger war, sie funktionierte auch.

Für die Präsentation der Ergebnisse, die sogenannten Pitches, hatte jedes Team drei Minuten Zeit, um die Jury von seiner Idee zu überzeugen. Um diese kurze Zeit professionell zu nutzen, erhielt jedes Team Einzeltraining von Juror Dirk Zeiler und Mentorin Josefin Zeiler. Wenige Minuten seien dabei vollkommen ausreichend, befand Zeiler. „Was man in drei Minuten nicht erklären kann, funktioniert sowieso nicht“, sagte er. Seine Begründung: „Man kann in drei Minuten eine ganze Geschichte erzählen. Die besten Songs sind drei Minuten lang, gute Filmtrailer oder Werbespots kommen sogar mit 30 Sekunden aus.“ Was einfach klingt, war für die Teilnehmer eine große Herausforderung. „Das ist ein enormer Druck, der auf uns lastet, weil jede Sekunde zählt“, sagte Zaidans Teamkollege Stefan Meinhardt, der die Plattform gerade vor Jury, Zuschauern und den konkurrierenden Teams vorstellte.

Jury zeichnet vier Teams aus

Beim großen Finale zeichnen acht Juroren die besten Teams für ihre Demoversionen, Prototypen und funktionsfähigen Apps mit insgesamt 3000 Euro Preisgeld aus — als kleine Start-Up-Finanzierung. Schließlich sollen die Teilnehmer ihre Ideen im Anschluss weiterentwickeln. Zusätzlich wurden den Gewinnerteams ein bis sechs Monate Coworking-Space in der Digital Church an der Jülicher Straße zur Verfügung gestellt.

Neben Dirk Zeiler bewerten Stefan Fritz, ein Experte für digitale Plattformen, die Geschäftsführerin des digitalHUB Aachen, Iris Wilhelmi, der Leiter von Interactive Pioneers, Carlo Matic, die Unternehmerin Andera Gadeib, der Geschäftsführer des Medienhauses Aachen, Andreas Müller, und Nina Leßenich, Leiterin der Onlineredaktion des Medienhauses Aachen, sowie Andreas Schneider, Geschäftsführer von NetAachen, als Fachjury die Teams.

Für Zaidan und seine Mitstreiter wird es nun ernst. Konnten sie die Jury von ihrer harten Arbeit der vergangenen Tage überzeugen?

Zuerst wird Ruslan Goryanyy mit seinen Mitstreitern aus dem Team „BeeAzubi“ für den besten Pitch ausgezeichnet. Das Team hatte eine App entwickelt, in der Azubis kurze Videos hochladen können, in denen sie erzählen, warum sie ihren Beruf besonders mögen. Damit wollen „BeeAzubi“ gegen das schlechte Image einiger Ausbildungsberufe, beispielsweise in der Pflege, ankämpfen.

Als innovativstes Team wählt die Jury danach „Omnidata“, für die Idee, öffentlich verfügbare Daten aus verschiedenen Quellen in eine Plattform einfließen lassen zu können. „Uns ging es in erster Linie nicht darum, Geld zu verdienen, sondern Daten gut aufbereitet öffentlich zur Verfügung zu stellen“, sagt Carolina Warkentin. „Alle Teams waren sehr innovativ, aber ‚Omnidata‘ hat das Thema Open Data am besten umgesetzt“, begründet Dirk Zeiler die Entscheidung der Jury.

Den Zeitgeist getroffen

Nach wenigen Minuten ist klar: Auch der Preis für das beste Gesamtkonzept geht nicht an „Spyderdata“. „Eupinions“ nimmt ungläubig, aber überglücklich die Auszeichnung von Juror Andreas Schneider entgegen. Das Team um den 28-jährigen Sebastian Hetheier hatte eine Plattform entwickelt, die Nachrichten aus europäischen Ländern nach Themen bündelt und in alle Sprachen übersetzt. So bekommen Bürger die Möglichkeit, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und die neusten Meldungen zum politische Geschehen in Europa aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. „Sie haben den Zeitgeist getroffen und setzen dem zunehmenden Nationalismus etwas entgegen“, begründet Schneider.

Der Sonderpreis mit zusätzlichen 1000 Euro Preisgeld für die beste Idee oder Weiterentwicklung des digitalen Stadtmagazins Klenkes geht schließlich an Team „Pattle“. Mit der gleichnamigen App haben die Teilnehmer ein Spiel entwickelt, bei dem Teams aus Aachen beim Feiern in der Innenstadt gegeneinander antreten können.

Nach der Preisverleihung packt Bader Zaidan erschöpft seine Laptops ein. Obwohl sein Team leer ausging, sei er nicht enttäuscht. „Nur müde“, sagt er. „Wir haben an nur einem Wochenende ein gesamtes Produkt entwickelt, das tatsächlich funktioniert. So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt er, während er seinen Fahrradhelm aufsetzt und die Digital Church verlässt.