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Gruppenvergewaltigung in Aachen wird angeklagt

Ermittlungen abgeschlossen : Aachener Gruppenvergewaltigung wird angeklagt

Seit Mitte Oktober erregten vier von mehreren Männern begangene Sexualdelikte bundesweites Aufsehen. Eine Folge der Zuwanderung? Ein Psychiater und eine Juristin ordnen das Phänomen ein.

Die Aachener Staatsanwaltschaft wird in den kommenden Tagen Anklage gegen vier junge Männer erheben, die im Aachener Pontviertel an einer Gruppenvergewaltigung beteiligt gewesen sein sollen. Das Opfer ist eine junge Frau aus der Region Aachen, zu deren Identität die Ermittler aus Opferschutzgründen keine näheren Angaben machen. Den vier polizeibekannten und zum Teil vorbestraften jungen Männern zwischen 17 und 20 Jahren wird vorgeworfen, die Frau in der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober nicht weit vom Audimax der RWTH entfernt vergewaltigt zu haben.

Im Aachener Polizeipräsidium ist in den vergangenen Jahren außer dem aktuellen kein Fall von Gruppenvergewaltigung bekannt geworden. Bundesweit allerdings erregten allein in den vergangenen sechs Wochen mindestens vier Gruppenvergewaltigungen bundesweites Aufsehen.

Die vier Fälle in Aachen, Ulm, Biberach und Düsseldorf ereigneten sich zwischen dem 15. Oktober und dem 12. November. Besonders in Sozialen Medien wird das Phänomen der Gruppenvergewaltigung immer wieder auch mit der massenweisen Migration junger Männer aus muslimisch geprägten Kulturkreisen in Verbindung gebracht.

„Ein gewisser Gewöhnungscharakter“

Der Aachener Psychiater Henning Saß, bis 2010 Ärztlicher Direktor des Aachener Klinikums und einer der renommiertesten forensischen Sachverständigen des deutschsprachigen Raumes, sagte am Mittwoch im Gespräch mit unserer Zeitung, dass Gruppenvergewaltigungen, auch wenn sie in Europa möglicherweise zugenommen hätten, kein fremdes Phänomen seien.

Einer der renommiertesten Psychiater Deutschlands: Henning Saß aus Aachen, bis 2010 Ärztlicher Direktor des Klinikums. Foto: dpa/Andreas Gebert

Er erinnert etwa an die gruppenweise begangene Sexualverbrechen in Kriegen bis in die heutige Zeit und auch an sogenannte Gangbangs, bei denen Männergruppen Geschlechtsverkehr mit einer einzigen Frau haben. „Dieses Phänomen ist also im Umgangsrepertoire von Männern über alle Kulturen hinweg angelegt und offenbar mit einem gewissen Reiz verbunden“, sagte Saß.

Die natürliche Hemmung, den Geschlechtsverkehr mit einer Frau zu erzwingen, sei in einer Gruppe leichter zu überwinden, „da ein Teil der Verantwortlichkeit an die Gruppe delegiert werden kann“. Saß vermutet überdies, dass durch die wachsende Anzahl von Fällen und die entsprechende mediale Berichterstattung „ein gewisser Gewöhnungscharakter entstehen“ könnte, der die Hemmschwelle potenziell herabsetze. Saß erklärte jedoch, dies sei seine persönliche Einschätzung, eine statistische Evidenz gebe es noch nicht.

Im Aachener Fall, der sich Mitte Oktober ereignet haben soll, konnten Polizei und Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen auch deshalb so schnell abschließen, weil zwei der Verdächtigen Videoaufnahmen von Teilen der Gruppenvergewaltigung im Pontviertel angefertigt hatten. Ein Aspekt, den Psychiater Saß hervorhebt, da das prahlerische Verbreiten solcher Videos die Macht der Täter in gewissen sozialen Gruppen erhöhen könne.

15,9 Prozent der Tatverdächtigen waren 2017 Zuwanderer

Die Juristin Tatjana Hörnle, Direktorin des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg, erklärte diese Woche gegenüber dem „Focus“, dass 2017 bei den Straftaten „Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexuelle Übergriffe“ 15,9 Prozent aller Tatverdächtigen Zuwanderer waren.

Zwei Verdächtige im Aachener Fall besitzen einen deutschen Pass. Ein dritter kommt aus Nigeria, die Nationalität des vierten ist ungeklärt, wie die Polizei mitteilte.

Dass laut polizeilicher Kriminalstatistik im Jahr 2017 etwa 0,15 Prozent bis 0,2 Prozent der männlichen Zuwanderer ab 16 Jahren wegen sexueller Übergriffe als Täter erfasst wurden, bedeute laut Hörnle umgekehrt allerdings auch, dass dies bei 99,85 bis 99,8 Prozent der Zuwanderer nicht der Fall war. Von einem migrantischen Phänomen zu sprechen, sei daher „eindeutig unangebracht“.

Der Strafprozess gegen die Männer könnte in den ersten Wochen des nächsten Jahres beginnen. Aller Voraussicht nach wird der Prozess vor einer Jugendstrafkammer geführt; dass die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird, kann zumindest als wahrscheinlich gelten.