Düren: Grüne in Düren diskutieren über den Tierschutz in Schlachthöfen

Düren: Grüne in Düren diskutieren über den Tierschutz in Schlachthöfen

Als es um die Wurst ging, ist kein Vertreter der Metzgerinnung im Raum. Die Dürener Grünen hatten zu ihrer Podiumsdiskussion um den „Tierschutz in Schlachthöfen“ natürlich auch den Chef der Dürener Schlachtbetriebs, Hans-Reiner Frenken, eingeladen. Schließlich hat er — wenn auch unfreiwillig — den Anlass für die Diskussion geliefert. Indes: Er reagierte nicht auf die Einladung.

Und so sind an diesem Abend im Dürener Komm-Zentrum nur Leute an den Mikrofonen, die das System der Fleischverarbeitung in Deutschland für dringend reformbedürftig halten.

Der radikalste unter ihnen ist Friedrich Mülln, der sich „Tierrechtler“ nennt und sehr auf das Ende der Fleischindustrie und ihrer „mafiösen Mechanismen“ hofft. „Wieso maßen wir uns an, Tiere für ein Genusserlebnis zu töten?“

Eigentlich wollte Mülln an diesem Abend einen Tiertransport in Ungarn überwachen, er hat dann die Anreise in das Rheinland vorgezogen. Mülln ist der Gründer der Soko Tierschutz, die mit ihren Undercover-Recherchen für den „ARD Report München“ erst vor ein paar Wochen die Missstände im Dürener Schlachthof (und später auch in Eschweiler) aufgedeckt hat. Zwei Minuten lang laufen zum Auftakt der Veranstaltung heimlich aufgenommene Bilder aus dem Dürener Schlachthof, einige der etwa 80 Besucher schließen lieber die Augen. Sie machen es wie kleine Kinder, die Unangenehmes mit der Hand vor dem Gesicht einfach ausblenden.

„Das ist der Alltag in einem deutschen Schlachthof“, raubt der streitlustige Mülln schon früh am Abend den Zuhörern alle Illusionen. In jedem Schlachthof habe man bei den Recherchen in den letzten Jahren „am laufenden Band Rechtsbrüche und Betäubungsversagen“ festgestellt — unabhängig von der Größe, unabhängig von der Qualifikation der Metzger. Der Fehler liegt im durchkommerzialisierten System: „Deutschland ist Europas billigste Schlachtbank.“

Düren ist auf der Landkarte der Fleischindustrie nur ein vergleichsweise kleiner Standort. Die Recherche vor Ort war zufällig, weil da gerade ein Subunternehmer Arbeitsmöglichkeiten anbot.

Missstände zur Anzeige gebracht

Wie immer, wenn sie Verstöße gegen das Tierschutzgesetz glaubt dokumentiert zu haben, hat die Soko die Missstände zur Anzeige gebracht. In Düren haben sie später auch die Leiterin des Veterinäramts angezeigt. Und mit dem laufenden Ermittlungsverfahren hat der zuständige Landrat Wolfgang Spelthahn seine Absage an diesem Termin begründet. Die Situation am Standort Düren ist der Aufhänger für eine zuweilen emotionale Debatte, die der Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer moderiert. Astrid Hohn, die stellvertretende Vorsitzende der Kreistagsfraktion Düren, setzt auf bauliche Veränderungen im Schlachthof, setzt auf personell verstärke Kontrollen vor Ort, setzt darauf, dass die Zahl der täglich geschlachteten Tiere reduziert wird.

Aber irgendwann an diesem Abend geht es nicht mehr um den Schlachthof Frenken, es geht um die generelle Haltung zum Tierschutz. Mülln erfährt an diesem Abend durchaus Widerspruch — aus dem Publikum, aber auch von Norwich Rüße, dem Sprecher der Grünen für Landwirtschaft, Natur- und Tierschutz im Landtag. Dem Politiker geht so manche Position Müllns zu weit. Rüße will das System verbessern, nicht abschaffen. Der Parlamentarier kritisiert, dass der Gesetzgeber an einer guten Fleischqualität interessiert sei, den Tierschutz dabei vernachlässige. Aber auch der selbst betroffene Bio-Landwirt hält fest, dass Fleisch deutlich zu billig sei, wenn das Kilo Paprika teurer als das Kilo Schweinefleisch sei. „Diese Dumpingkultur auf Kosten von Tier und Mensch muss beendet werden.“ Auch Rüße spricht von einem System, das auf Ausbeutung basiere und fordert, das Akkordsystem der Großschlachtereien aufzugeben.

Kaum den Mindestlohn gezahlt

Auch um die Billiglohnkräfte in den Massenbetrieben geht es an diesem Abend, die zeitweise kaum den Mindestlohn für ihre Schwerarbeit kassieren. In Düren würden häufig Asylbewerber eingesetzt, die in ständiger Angst vor der Abschiebung lebten. „Wenn man Fleisch isst, muss man sehen, dass man auch Menschenrechtsverletzungen begünstigt“, sagt Mülln.

Seine Ablehnung ist genereller Art. Das System Schlachthof könne selbst im optimalen Fall nicht funktionieren, sagt er. „Es gibt und gab noch nie eine würdevolle Tötung.“

Er fordert statt der „sozial korrumpierbaren“ regionalen Veterinäre eine übergeordnete, unabhängige Aufsichtsbehörde. Der Tierschützer wundert sich, dass sich die Tierärzte nicht schon längst im Massenstreik befinden, wenn sie die Zustände in den Schlachtereien mitbekommen. „Sie sind es nicht, weil sie längst ein Teil des Systems, manchmal auch willfährige Helfer sind.“ Und noch eine Forderung: öffentliche Videoüberwachung der Schlachtbetriebe via Internet. „Die Betriebe haben eine Heidenangst davor, dass nicht nur ein paar Veterinäre, sondern 100.000 Menschen zuschauen bei der Schlachtung.“

Am Ende der zweistündigen Debatte, will jemand noch wissen, was jeder einzelne Verbraucher ausrichten könne? „Schauen Sie, dass sie den Fleischkonsum verringern können“, sagt der vegan lebende Mülln. „Das ist die einzige Sprache, die diese Branche versteht. Achten Sie darauf, was Sie im Kühlschrank haben, im Restaurant bestellen oder aufs Einkaufsband legen.“

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