Region: Großer Preis von Belgien: Eine Strecke „für echte Kerle“

Region: Großer Preis von Belgien: Eine Strecke „für echte Kerle“

Sein erster Großer Preis von Belgien war vor allem eines — fettig. 1998 steht Alain Charlier in einer Bude auf der Rennstrecke von Spa-Francorchamps und verkauft Frikandeln und Fritten an hungrige Motorsportfans. Ein Superferienjob für den damals 15-jährigen Schüler aus dem belgischen Henri-Chapelle bei Eupen.

Die Welt um ihn herum duftet für den Teenager nach Abenteuer, Motorsport und nach der Glamour-Welt der Rennfahrer. Dass es nun auch gerade ein bisschen nach Frittenfett riecht, ist eine kleine, leicht zu verschmerzende Nebensache — zumal es ausgerechnet in seinem ersten Jahr auf der Strecke in Spa-Francorchamps richtig spannend wird.

Eigentlich ist beim Formel-1-Rennen 1998 alles auf einen Zweikampf Häkkinen/Schumacher angelegt, die nur sieben Punkte auseinanderliegen. Doch dann kommt es auf der regennassen, kurvigen Bahn zum großen Crash: 13 Autos fahren ineinander, und das Rennen wird für eine Stunde unterbrochen. Zum Glück ist niemand schwer verletzt. Später kommt es zu einem weiteren Zusammenstoß, diesmal zwischen David Coulthard und Michael Schumacher. Der Schotte will den Deutschen, der schon klar in Führung liegt, ausbremsen und riskiert einen Zusammenprall, der sie beide den Sieg kostet — zur Freude von Damon Hill, der den Grand-Prix-Sieg schließlich holt.

Alain Charlier bekommt davon in seiner Frittenbude natürlich immer nur das mit, was ihm die Kundschaft erzählt. Aber klar ist damals schon, dass der Rennzirkus ihn nicht mehr loslassen wird.

„Ich habe schon als kleiner Junge die Rennen im Fernsehen geguckt und war fasziniert von Michael Schumacher. Als ich dann als Jugendlicher vor Ort war, hat mich die Atmosphäre noch mehr gepackt. Es ist einfach spannend. Die Rennen, die Menschen, aber auch der Krach“, erzählt der 33-Jährige.

Seinen Frittenbudenjob hat er zweimal gemacht, dann — als er in Brüssel und Gießen Politik studierte, hatte er bereits Chancen, andere Aufgaben beim Grand Prix zu übernehmen. 2005 wechselte er ins Organisationsteam, seit 2008, als er sein Studium beendet hatte, arbeitet Charlier ausschließlich für die Firma „Spa Grand Prix“, die das komplette Rennen organisiert. Und zwar das ganze Jahr über.

„Der Tag nach dem Rennen ist der Tag, an dem wir beginnen, das nächste Rennen vorzubereiten“, sagt Charlier.

Er und seine Kollegen sind für Logistik und Sicherheit zuständig. Sie organisieren die Ströme von Besuchern, sorgen dafür, dass sie nicht alle gleichzeitig auf den Straßen rund um Francorchamps im Stau stehen. Sie bau- en Tribünen mit 20.000 Sitzplätzen auf, die um die Strecke herum so verteilt sind, dass man von den Tribünenplätzen aus einen guten Blick auf das Geschehen hat. Hinzu kommt die Verteilung der 20.000 Autos und der Campingplätze, die während der Renntage mit 80.000 Menschen gut gefüllt sind.

Sie bewältigen den Ticketverkauf und wissen bis zur letzten Frittenbude, wer was auf dem Gelände anbietet. Sieben Kollegen arbeiten das ganze Jahr über daran, in der letzten Woche vor dem Rennen wächst das überschaubare Team dann auf 3000 Leute an. Sie alle werden gebraucht, damit an den drei Tagen alles reibungslos klappt.

Dass Spa-Francochamps eine besondere Strecke ist, ist Alain Charlier heute noch mehr als früher bewusst. Schließlich guckt er sich auch andere Grands Prix an. In Hockenheim war er noch vor ein paar Wochen, doch Francorchamps ist und bleibt für ihn einfach einzigartig. Vor genau 25 Jahren, am 25. August 1991, ist Michael Schumacher sein erstes Formel-1-Rennen hier gefahren. Ein Jahr später siegte er in Spa zum ersten Mal bei einem Grand Prix. „Das ist eine wirklich historische Strecke, und sie ist bei den Rennfahrern beliebt, weil sie ihnen viel Fahrkunst abverlangt“, sagt Alain Charlier. „Auf Französisch haben wir einen Ausdruck dafür: Es ist eine Strecke ‚pour grands garcons‘ — eine Strecke ,für echte Kerle‘. Nur die Allerbesten gewinnen hier“, lacht Charlier.

In den Wochen vor dem Großen Preis von Belgien steigt die Spannung quasi täglich. So viel muss bedacht werden, so vieles verlangt permanentes Improvisieren. Entspannung kommt da erst in der Mitte der Woche vor dem Rennen auf, wenn die ganzen Camper aus Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden anreisten. Dieses Rennpublikum bringe einfach eine gute Stimmung mit, die eher der auf einem großen Festival ähnele als der bei einem Sportereignis. „Im Motorsport gibt es keine Hooligans, hier ist alles entspannt.“

So war es zumindest bis zum Jahr 2015. 2016 gibt es nach den vielen Anschlägen eine andere Situation, gibt Alain Charlier zu. „Ich persönlich habe keine Angst, weil ich weiß, was wir für die Sicherheit tun“, sagt er. Genaueres will er nicht verraten: „Wir haben natürlich viel mehr Personal und haben unser Sicherheitskonzept ständig überarbeitet und weiter verfeinert“, verspricht Charlier, „wir haben den sichersten Platz, der möglich ist.“

Mehr von Aachener Zeitung