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Aachen: Großer Moment: Hammerschläge in der Stille

Aachen : Großer Moment: Hammerschläge in der Stille

Vor sieben Jahren hat Georg Comouth ganz hinten im Dom gestanden. Irgendwo kurz hinter der Pforte. Den entscheidenden Moment konnte er nur Dank seines feinen Gehörs vernehmen. Die metallenen Schläge. Gezählt hat er sie nicht. Zu weit weg war er, um nicht einen Schlag zu überhören.

Am 1. Juni wird Georg Comouth wieder im Dom stehen. Doch diesmal ganz vorne in der ersten Reihe. Wenn man so will, ist der Obermeister der Aachener Goldschmiedeinnung einer der Hauptdarsteller der Eröffnung der Aachener Heiligtumsfahrt. Denn mit Silberschmied Stephan Bücken und dem ehemaligen Aachener Dom-Goldschmied Lothar Schmidt ist er für den entscheidenden Moment verantwortlich: das Öffnen des Marienschreins.

Keine eingeflogenen Spezialisten, sondern feine Handwerker aus der Heimat. Schmidt als Erschaffer des noch schützenden Schlosses wird die Bügel aufschlagen. Er wird die Marienfigur, die das Schloss verdeckt, abnehmen und dann mit dem Hammer ansetzen. „Dann ist es immer mucksmäuschenstill und die Menschen werden Schläge zählen. Ein wundervoller Moment”, schwärmt Wallfahrtsleiter Hans-Günther Vienken.

Vereidigung

Obermeister Georg Comouth wird dabei den Amboss halten und Bücken den Beiden assistieren. Er wird dann am 10. Juni zum Ende der Aachener Heiligtumsfahrt den Marienschrein mit seinem neuen Schloss versiegeln - und in sieben Jahren den Hammer schwingen. Demnächst werden sie für ihre ehrenvolle Aufgabe vereidigt.

Für Georg Comouth - also der Mann mit dem Amboss - steckt die Aufgabe voller Faszination. „Die Eröffnung der Heiligtumsfahrt ist mit das Größte, was ich als gläubiger Mensch je erlebt habe.”

Und ganz nebenbei ist da noch die unermessliche Faszination für die Goldschmiedekunst an Schrein und Schloss. Quasi Berufsinteresse. „Das wird eine ganz emotionale Sache - Wir stehen hier in einer unglaublichen Tradition”, fügt er hinzu. Ja, das stehen sie in jedem Fall. Denn der Ritus des Schreinöffnens lässt sich bis in das Mittelalter zurückverfolgen. Er ist eine der Konstanten der Heiligtumsfahrt. Alle sieben Jahre wurden Schlösser aufgeschlagen, neue gefertigt und der Schrein wieder verschlossen. In der Domschatzkammer liegen die alten Schlösser in einer Vitrine. „Filigrane Kunst”, beschreibt sie Stephan Bücken.

Vor drei Jahren wurde er mit der Aufgabe betraut, das neue Schloss anzufertigen. „Eine wunderbare Aufgabe, für sieben Jahre den Marienschrein irgendwie mitzugestalten”, sagt er. Sein Schloss steht kurz vor der Vollendung. „Hier sind Menschen über Jahrhunderte zur Heiligtumsfahrt gepilgert. Es ist bemerkenswert, welche Kraft die Heiligtümer auf die Menschen hat. Und es bewegt mich, ein Teil des Ganzen zu sein.”

Zum Ende der Heiligtumsfahrt wird er sein Schloss anbringen, abschließen und die Öffnung mit Blei ausgießen. Der Schlüssel wird zerbrochen und geht zur Hälfte an die Kirche und die Stadt. Das hat sich Letztere im Mittelalter vom Papst zusichern lassen. Clever.

Doch zurück zur Eröffnung. „Das wird ungemein spannend, und irgendwie werden wir ein Teil der Geschichte der Heiligtumsfahrt”, sagt Stephan Bücken. „Ich halte zwar nur den Amboss, aber es wird sehr bewegend”, ergänzt Comouth. Und sein Platz wird gewiss nicht hinten an der Tür sein.