Internationaler Karlspreis zu Aachen: Große Leere, großer Bahnhof, starke Worte

Internationaler Karlspreis zu Aachen : Große Leere, großer Bahnhof, starke Worte

António Guterres erhält den Karlspreis

Der Aachener Markt um 10.22 Uhr, die Prozession der Ehrengäste trifft ein: Wo sich bei früheren Karlspreisverleihungen schon mal Schaulustige und Demonstranten in drangvoller Enge gegenseitig auf die Füße traten, herrscht am diesjährigen Himmelfahrtstag gähnende Leere.

Mit Karlspreisträger António Guterres und Oberbürgermeister Marcel Philipp an der Spitze schreiten die Honoratioren die Rathaustreppe hinauf, auf der gegenüberliegenden Pressetribüne klicken Kameras, aber auch dort war es schon einmal voller. Die Aktivisten von „Pulse of Europe“ sorgen für etwas Farbe auf dem Markt, ein paar Demonstranten erinnern an das Elend von Flüchtlingen im Mittelmeer, und gelangweilte Passanten verfolgen das Eintreffen der einen oder anderen Limousine. Der spanische König Felipe entsteigt einem Wagen, winkt und verschwindet im Rathaus, ebenso Jean-Claude Juncker, der Präsident der EU-Kommission. Das war es fürs Erste.

Bei „Pulse of Europe“ sinniert man derweil über die Wahl des Preisträgers. Sie sei zunächst sehr skeptisch gewesen, sagt Beate Roderburg aus dem Aachener Organisationsteam der Europabewegung. „Ein bedeutender Mann – klar. Aber man fragt sich, was er mit Europa zu tun hat.“ Überzeugt habe sie letztlich der Auftritt des UN-Generalsekretärs am Vorabend auf dem Katschhof. „Er hat zu den Preisträgern des Jugendkarlspreises geschaut und gesagt: Dieser Preis ist der wichtigere. Das fand ich sehr sympathisch.“

Im Krönungssaal des Rathauses werden derweil die Fernsehkameras in Position gerollt, das Orchester stimmt noch einmal die Instrumente, und die Gäste aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft nehmen ihre Plätze ein. Anders als rund um den Markt ist es voll. Der Karlspreis ist nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis für die Stadt, sondern er strahlt tatsächlich weit darüber hinaus, und Aachens gute Stube bietet den gewohnt großen Bahnhof für die Zeremonie. Zu den anwesenden Honoratioren gehören unter anderen auch der portugiesische Ministerpräsident António Costa und – in seiner Heimatstadt – der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Außerdem sind ehemalige Preisträger anwesend wie der britische Historiker Timothy Garton Ash oder die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaitė.

Bemerkenswert ist die Begrüßung durch Oberbürgermeister Marcel Philipp, der in seiner Rede schon viele starke inhaltliche Akzente setzen kann und vor allem das Thema Klimawandel in die konkrete Lebenswirklichkeit der Menschen holt. Sein Fazit: Wenn sich etwas ändern soll, müssen wir uns ändern. Anschließend würdigt König Felipe seinen Freund António Guterres in einer sehr persönlich gehaltenen Ansprache.

Während der spanische König seine Laudatio auf den Preisträger hält, gesellen sich ein paar katalanische Protestanten zu der überschaubaren Gruppe an Demonstranten. Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko (Linke) mischt sich unter die Menschen. „Da oben“, sagt er lächelnd und zeigt Richtung Krönungssaal, „fühle ich mich nicht so wohl.“ Als Linker sehe er den „Karlskult“ in Aachen zwar eher kritisch. „Aber dass Guterres als UN-Generalsekretär ausgezeichnet wird, finde ich gut. Alles, was im Moment die UN und das Völkerrecht stärkt, ist angesichts dieser Weltlage positiv zu sehen“, sagt Hunko. „Ich würde mir wünschen, dass das Völkerrecht eine sehr viel größere Wahrnehmung findet – auch in Deutschland, gerade angesichts der aktuellen Auseinandersetzungen in Venezuela und im Iran.“

Zustimmung findet Guterres grundsätzlich auch bei den Demonstranten von der Seebrücke Aachen. „Allerdings muss man sich schon fragen, wie es zusammenpasst, wenn Europa hier seine christlichen und humanitären Werte feiert, während die Seenotrettung im Mittelmeer kriminalisiert wird“, sagt Christoph Allemand, UWG-Ratsherr und Sprecher der Seebrücke Aachen. Es könne auch nicht angehen, dass Europa Flüchtlinge nach Libyen zurückbringen lasse, „wenn wir doch alle wissen, dass dort unmenschliche Verhältnisse in Flüchtlingslagern herrschen – bis hin zu Vergewaltigungen und Folter“.

Eine Frage müssten sich die Aachener Karlspreismacher aber gefallen lassen: „Was ist der tiefere Sinn dieses Preises? Geht es darum, Aachen voranzubringen? Um den Preis an sich? Oder geht es um Werte?“ Dann, meint Allemand, könne man doch auch die Seenotretter selbst auszeichnen – „als Anerkennung dafür, dass diese Leute einen wahnsinnigen Job machen – auch für uns“.

Auch Guterres widmet sich im Krönungssaal dem Thema Flucht und Migration. Zehn Jahre lang, von 2005 bis 2015, war er Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. Es ist sein Thema. Und er erhält Applaus für seine humanistische, solidarische Haltung.

Dann folgt der Höhepunkt: Oberbürgermeister Philipp und der Vorsitzende des Karlspreisdirektoriums, Jürgen Linden, hängen Guterres die Medaille um, Linden verliest die Urkunde. Der anschließende obligatorische Eintrag ins Goldene Buch der Stadt gerät Guterres lang und länger. Raunen im Saal, freundliches Lachen, schließlich Applaus. Guterres wird später auf dem Katschhof sagen, dass es ihm ein Anliegen gewesen sei, der Stadt seine Dankbarkeit auszudrücken.

Als der Preisträger seine Rede beendet, ist auch auf dem Markt zarter Applaus zu hören. Beate Roderburg von „Pulse of Europe“ sieht sich in ihrer Einschätzung bestätigt. „Ich fand seine Rede gut. Guterres hat ja sehr hervorgehoben, dass man nur gemeinsam etwas bewegen könne, sowohl bei der Flüchtlingsproblematik als auch beim Klimawandel, dass man zusammenhalten muss und Europa ein großes Vorbild sein muss und auf uns eine große Verantwortung zukommt. Das muss Europa nun aber auch annehmen und aktiv werden!“

„Ich fand seine Rede gut“, sagt Beate Roderburg, die zusammen mit Arne Bratz den Worten von António Guterres folgte. Foto: Marco Rose

Martin Bröckelmann-Simon, der die Preisverleihung als Geschäftsführer der Hilfsorganisation Misereor im Krönungssaal verfolgt hat, will aber auch den Preisträger selbst in die Pflicht nehmen: „Guterres hat jetzt viel Arbeit vor sich, und er muss konsequenter als bisher unangenehme Wahrheiten ansprechen. Wir haben in Sachen Klima weltweit kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.“ Allerdings sei nun nicht die Zeit für Pessimisten: „Wir glauben an die Zukunft, wir glauben an die Zivilgesellschaft, und wir glauben an den Menschen. Wenn die Botschaft dieses Preises ist, dass die Verhältnisse nicht so bleiben müssen, wie sie sind, und dass die Zeit zum Handeln jetzt ist und nicht morgen, dann gibt das Hoffnung.“