Zahlen rückläufig: Große Kirchen in NRW verlieren Mitglieder

Zahlen rückläufig : Große Kirchen in NRW verlieren Mitglieder

Der Trend hält an: Seit Jahren werden die beiden großen Kirchen in NRW kleiner. Jetzt hat die Zahl der Austritte aber noch einmal deutlich zugenommen. Auf katholischer Seite gibt es dafür einen besonderen Grund.

Fast 50.000 Menschen sind im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Die genaue Zahl betrage 49 755, teilte die Deutsche Bischofskonferenz am Freitag in Bonn mit. Das sind deutlich mehr als 2017, als gut 38.000 Menschen in NRW der katholischen Kirche den Rücken kehrten. Die Gesamtzahl der Katholiken im bevölkerungsreichsten Bundesland fiel von 6,86 Millionen auf 6,75 Millionen.

Bei den Protestanten nahm die Zahl der Kirchenaustritte ebenfalls zu. Aus der Evangelischen Kirche von Westfalen traten knapp 16.000 Menschen aus - gegenüber 14.000 im Vorjahr 2017. Der Evangelischen Kirche im Rheinland kehrten 22.864 Menschen den Rücken. 2017 waren es dort 20.130.

Ein Grund für die gestiegene Austrittszahl auf katholischer Seite dürfte die im September veröffentlichte Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz sein. Insbesondere danach sei die Zahl der Austritte deutlich angestiegen, teilte das Bistum Aachen am Freitag mit. „Haben im September 624 Menschen der Kirche im Bistum Aachen den Rücken gekehrt, waren es im Oktober 885 Menschen.“

Ebenso folgert das Bistum Essen: „Ein Anstieg der Austrittszahlen im letzten Drittel des Jahres 2018 legt den Schluss nahe, dass die im vergangenen Herbst neu entbrannte Diskussion über Missbrauchsfälle durch Priester und andere Mitarbeiter der katholischen Kirche Katholiken verstärkt zum Kirchenaustritt bewegt hat.“

Klare Worte fand der Bischof von Münster, Felix Genn: „Die Zahlen lassen sich nicht schönreden“, sagte er. Die Menschen stimmten mit den Füßen ab. „Sicher waren die Ergebnisse der Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden, bei vielen Menschen das auslösende Moment, um zu sagen: Jetzt reicht es mir endgültig. Die Verbrechen, die Priester an Kindern und Jugendlichen begangen haben, können wir nicht ungeschehen machen. Wir können nur alles in unserer Macht Stehende tun, um die Vergangenheit schonungslos aufzuarbeiten.“

Der Paderborner Generalvikar Alfons Hardt sagte, der Anstieg der Austrittszahlen erfülle ihn mit Sorge. Der Kölner Generalvikar Markus Hofmann sagte: „Wir wissen, dass die klassische Form des Kirche-Seins an vielen Stellen nicht mehr mit der Lebensrealität der Menschen zusammenpasst.“

Der Münsteraner Kirchenrechtsexperte Thomas Schüller sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Kirchenaustritte sind kein Naturphänomen, sondern Ausdruck einer Entfremdung der Gläubigen von der Kirche und einer Glaubwürdigkeitskrise der Kirche selbst.“

(dpa)
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