Hamburg/Geilenkirchen: „Gorch Fock”-Kadettin: Chronik eines bis heute rätselhaften Todes

Hamburg/Geilenkirchen : „Gorch Fock”-Kadettin: Chronik eines bis heute rätselhaften Todes

Das Segelschulschiff heißt anders, die junge Frau ebenfalls, aber es gibt keinen Zweifel, dass der vielfach ausgezeichnete Autor und Regisseur Raymond Ley in seinem Drama „Tod einer Kadettin“ die letzten Lebenswochen von Jenny Böken aus Geilenkirchen rekonstruiert. Das Drehbuch, das er wie stets zusammen mit seiner Frau Hannah verfasst hat, basiert auf dem Sachbuch „Unser Kind ist tot“, in dem unter anderem auch Jennys Eltern zu Wort kommen.

Ihre 18-jährige Tochter ist aus Gründen, die bis heute nicht vollends geklärt sind, in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 über Bord der „Gorch Fock“ gegangen. Der Film, heißt es im Nachspann, sei zwar „von einer wahren Geschichte“ inspiriert, doch er „erhebt nicht den Anspruch, die Ereignisse authentisch wiederzugeben.“

Im Anschluss schildert die Dokumentation „Der Fall Gorch Fock“ die wahren Ereignisse. Hier kommt neben Jenny Bökens Eltern, ihren Freunden und früheren Lehrern auch ARD-Journalist Jörg Hafkemeyer zu Wort, der in der Unglücksnacht an Bord der „Gorch Fock“ war. Er bezieht neben den Eltern am deutlichsten Stellung: Fehler, sagt er, seien in der „Tradition seemännischen Lebens“ der Marine nicht vorgesehen und würden daher auch nicht zugegeben. Kein Wunder, dass ein Marine-Sprecher mehrfach betont, der Fall sei abgeschlossen.

Seltsamerweise gehen die Autoren (das Ehepaar Ley sowie Jan Lerch) nicht der Frage nach, warum bei der Obduktion kein Wasser in der Lunge der jungen Frau gefunden worden ist; ein Gespräch mit einem Rechtsmediziner wäre sicher aufschlussreich gewesen. Die Entschädigungsklage der Eltern durch mehrere Instanzen wird nur am Rande erwähnt. Die Dokumentation bedient sich vieler Ausschnitte aus dem Fernsehfilm und zeigt zudem Fotos, die Jenny auf dem Schiff gemacht hat.

„Tod einer Kadettin“ funktioniert auch ohne die Ergänzung, zumal das Drama nicht nur wegen der erst kürzlich wieder bekanntgewordenen sexuellen Übergriffe in der Bundeswehr von trauriger Aktualität ist.

Raymond Ley, für Filme wie „Eichmanns Ende“ oder „Meine Tochter Anne Frank“ vielfach ausgezeichnet, erzählt die Geschichte von Lilly Borchert, einer jungen Frau, die zur Marine will, um dort Ärztin zu werden. Zunächst muss sie jedoch eine harte Ausbildung absolvieren, für die sie offensichtlich nicht geschaffen ist. Obwohl mehrfach attestiert wird, dass sie den Bedingungen an Bord körperlich und wohl auch seelisch nicht gewachsen ist, zieht keiner ihrer Vorgesetzten die Konsequenzen; das ist der eine Skandal.

Für den anderen sind die sogenannten Kameraden verantwortlich: Lehrertochter Lilly zeichnet sich durch eine gewisse Streberhaftigkeit aus und macht sich entsprechend schnell unbeliebt; prompt wird sie nach Strich und Faden gemobbt. Dass sie aus unerklärlichen Gründen immer wieder mitten im Unterricht einschläft und einige Übungen frühzeitig abbrechen muss, weil sie beispielsweise unter Höhenangst leidet und deshalb nicht in die Takelage klettern kann, bietet den anderen Marine-Azubis willkommene Anlässe, sie zu schikanieren.

Die Vorfälle unterstreichen aber auch, wie absurd es ist, dass die junge Frau nicht schon längst für untauglich befunden worden ist. Eingesprochene Tagebuchpassagen über ihren Traum, Ärztin zu werden und den Menschen zu helfen, liefern die Erklärung dafür, warum sie nicht von sich aus den Dienst quittiert hat.

Zu der düsteren Konsequenz, mit der Ley diese Chronik eines angekündigten Todes erzählt — der Film beginnt mit dem Sturz ins Meer — gehört auch die Besetzung der Titelrolle: Maria Dragus, für ihre Nebenrolle in Michael Hanekes Drama „Das weiße Band“ 2010 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, ist mit ihren kantigen Gesichtszügen keine Darstellerin, der die Sympathien allein durch bloße Präsenz zufliegen. Dennoch verdankt der Film seine Spannung nicht zuletzt der Mischung aus Fragilität und Trotz, mit der sie Lilly versieht. Als Erzähler fungiert der Journalist, der herausfinden will, ob ihr Tod Mord, Suizid oder bloß ein Missgeschick war.

Gedreht wurde der Film auf einem polnischen Schiff; die deutsche Marine hat nach Angaben des Ehepaars Ley jede Form der Kooperation abgeblockt. Sie revanchieren sich, indem sie die Zustände auf dem Segelschiff mit den antiquierten Ritualen, dem peinlichen Machogehabe und dem unverhohlenen Sexismus hoffnungslos anachronistisch wirken lassen.

In der Dokumentation stellt ein Militärjournalist mit Blick auf Bökens Beurteilungen und ihr Autoritätsproblem nüchtern fest, dass sie sich den falschen Beruf ausgesucht habe.

„Tod einer Kadettin“, Mittwochabend, 20.15 Uhr, in der ARD

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