Lehrstellenbilanz: Goldene Zeiten für Karriere im Betrieb

Lehrstellenbilanz : Goldene Zeiten für Karriere im Betrieb

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt in der Region bleibt unausgeglichen. Für Schulabgänger ist das eine komfortable Situation.

Der Nachwuchs im Bäckerhandwerk ist ein kostbares Gut geworden: Gerade mal vier junge Leute haben diesen Sommer beim Aachener Traditionsunternehmen Nobis Printen eine Ausbildung zum Bäcker begonnen, sieben wollen Bäckereifachverkäuferin werden. Für Michael Nobis, den Inhaber der Firma in vierter Generation,  ist das bitter. Er würde gerne doppelt und dreifach so viele Auszubildende einstellen, zehn Prozent der Gesamtmitarbeiterzahl (842) könnten es nach seiner Vorstellung gerne sein.

Ein frisch gebackener Bäckergeselle wie Hekmattulah Hekmatyar, genannt Heki, kommt dem Chef da gerade recht. Der 21-Jährige hat eine Bilderbuchkarriere im Bäckerhandwerk hingelegt: Mit elf Jahren floh Heki ganz alleine aus Afghanistan, ging in Aachen zur Schule, begann eine Lehre bei Nobis und hat im Sommer die Prüfung zum Bäckergesellen als Zweitbester im Innungsbezirk bestanden.

Der Chef strahlt, Heki strahlt, ein unbefristeter Vertrag als Bäckergeselle ist der Lohn für den aufgeweckten jungen Mann. „Leuten wie Heki steht die Welt offen“, schwärmt Michael Nobis, „wir sind glücklich, dass er bei uns bleibt.“ Gleiches gilt für Mailika Boymirzoeva. Die 23jährige aus Tadschikistan ist seit zehn Monaten in Deutschland und möchte eine „gute Bäckerin“ werden. Seit September verstärkt Mailika die kleine Truppe der Auszubildenden – stolz darauf, die einzige Frau zu sein. Auch das eher ungewöhnlich in einer Branche, in der die Frauen meist hinterm Tresen und die Männer am Ofen stehen.

Doch viele Betriebe in der Region konnten erneut ihre Ausbildungsstellen nicht besetzen. Foto: ZVA/Harald Krömer

Die Beispiele zeigen gleich zweierlei: Zum einen bietet der Ausbildungsmarkt Bewerbern eine Fülle von Chancen, denn es gibt jede Menge Ausbildungsplätze und immer weniger junge Leute, die eine Ausbildung statt Studium anstreben. Zum zweiten dürfte inzwischen jedem klar sein, dass es in Zukunft bei Handwerk und Industrie nicht ohne Fachkräfte mit Migrationshintergund gehen wird. Bei Nobis Printen macht diese Gruppe rund ein Drittel der Belegschaft aus, und „wir profitieren auf allen Ebenen davon“, sagt Michael Nobis und nennt dabei ausdrücklich auch die „menschliche Ebene“.

Rein rechnerisch stellt sich die Problematik bei der Agentur für Arbeit Aachen-Düren für das Ausbildungsjahr 2018/19 so dar: Insgesamt waren 7347 Ausbildungsstellen und 7800 Bewerber gemeldet. Somit kamen auf einen Bewerber 0,94 Ausbildungsstellen. Dem Rückgang der Bewerber um 3,7 Prozent stand ein Mehr an Ausbildungsplätzen um 5,5 Prozent gegenüber.

So mühen sich Arbeitsagentur, Handwerkskammer sowie Industrie- und Handelskammer (IHK) nach Kräften, Betriebe und Bewerber in der Region zusammenzubringen. Gelobt wird das vor einem Jahr eingeführte Azubi-Ticket, ebenso wie der jetzt verabschiedete Mindestlohn für Azubis ab 2020. Die Zusammenarbeit wird von allen Beteiligten als positiv und fruchtbringend beschrieben, obwohl der „Konkurrenzkampf unter den Betrieben größer geworden ist“, wie Ulrich Käser von der Agentur für Arbeit Aachen-Düren bei der Verstellung des Zahlenwerks sagte. Die Hälfte seiner Belegschaft ist als Berater in Schulen unterwegs, um darzulegen, dass eine Ausbildung ähnliche Aufstiegs- und Verdienstchancen wie ein Studium bietet. Laut Fachkräftemonitor fehlen im Jahr 2025 nur 1700 Akademiker, – aber 6000 Fachkräfte.

Ein ähnlich erfolgreiches Projekt betreibt die Handwerkskammer mit ihren „Ausbildungsbotschaftern“, berichtet Geschäftsführer Georg Stoffels. 2207 Ausbildungsverträge konnten zum 30. September abgeschlossen werden, 6,5 Prozent davon mit Geflüchteten. Trotzdem: „Es werden händeringend Fachkräfte gesucht“, so Stoffels.

Hekmattulah Hekmatyar und Mailika Boymirzoeva arbeiten bei Nobis. Foto: ZVA/Harald Krömer

Keine Frage: Für Ausbildungswillige sind die Zeiten golden. Und 2020 sei ein „Superjahr“ – wegen der noch geringen Schulabgängerzahlen, sagt Heike Borchers von der IHK, in deren Bezirk zuletzt 4430 Ausbildungsverträge abgeschlossen (-1,6 Prozent) wurden. Bewerber könnten sich ihren Ausbildungsplatz zurzeit regelrecht aussuchen, auch schwächere Kandidaten hätten Chancen, so Borchers. Mit wieder steigenden Schulabgängerzahlen ab 2021 ändere sich das. Ihre Schlussfolgerung: „Wer sich jetzt bewirbt, sitzt quasi schon im Vorstellungsgespräch.“

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