Aachen: Gesundheitsbericht: Aachener dünner, Dürener rauchen mehr

Aachen: Gesundheitsbericht: Aachener dünner, Dürener rauchen mehr

Wie gesund sind die Menschen in der Region? Sind sie dicker als im Landesdurchschnitt? Ist die Säuglingssterblichkeit in der Städteregion Aachen und den Kreisen Düren und Heinsberg höher als anderswo? Gibt es innerhalb der Region Unterschiede, etwa bei den Todesursachen? Und wenn ja, warum ist das so?

Eindeutige Antworten auf solche Fragen liefert der sogenannte Basisgesundheitsbericht für die Städteregion Aachen sowie die Kreise Düren, Heinsberg und Euskirchen nicht unbedingt, räumt Thilo Koch ein. „Eigentlich wirft er sogar mehr Fragen auf“, sagt der Gesundheitsberichterstatter der Städteregion. Und doch liest sich die Zusammenstellung von Basisdaten zum Gesundheitszustand der Bevölkerung, den die Gesundheitsämter in der Region jetzt vorgelegt haben, spannend wie ein Krimi. „Allerdings muss man schon in die Tiefe gehen, mit Sachverstand. Sonst gibt es Fehlinterpretationen“, sagt Koch. Man dürfe nicht nur die Einzeldaten sehen, sondern müsse sie zusammen mit anderen betrachten. Koch ist in dieser Hinsicht ausgewiesener Experte: Er hat vor zehn Jahren Pionierarbeit geleistet und den ersten Gesundheitsbericht für die Region erarbeitet, wovon auch seine Kollegen in den Nachbarkreisen profitiert haben. Inzwischen entstehen die Berichte — gerade ist die gut 170 Seiten starke 4. Fortschreibung der Daten erschienen — in interkommunaler Zusammenarbeit.

Messbare Wirkung von Aufklärung

Spannend und reizvoll ist für Experten wie Koch und Hubert Plum, Leiter des städteregionalen Gesundheitsamtes, vor allem der Vergleich der aktuellen Daten mit solchen von vor zehn, 20 oder gar 30 Jahren. Denn das erlaubt beispielsweise Rückschlüsse darauf, ob Präventionsmaßnahmen gewirkt haben oder nicht. „Sehr gut lässt sich das an der Säuglingssterblichkeit zeigen“, erklärt Plum. Starben im Jahr 1980 in NRW von 1000 Lebendgeborenen — statistisch betrachtet — 14,6 Säuglinge innerhalb des ersten Lebensjahres, sank die Zahl über 10,2 im Jahr 1985 und 5,5 im Jahr 1995 auf jetzt 4,2 im Jahr 2010.

Diese enorme Entwicklung zum Positiven ist laut Plum vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen: „Anfang der 1980er Jahre hat es eine dramatische Verbesserung in der Kinderintensivmedizin gegeben, wodurch die Zahl der Todesfälle innerhalb der ersten Lebenswoche zwischen 1980 und 1990 von 7,1 auf 2,7 je 1000 Lebendgeborene sank. Auf das gesamte erste Lebensjahr bezogen ist die Verbesserung etwas später eingetreten, als es gelang, den sogenannten plötzlichen Kindstod um 90 Prozent zu reduzieren.“ Und das sei, da seien sich die Experten einig, ein Erfolg von Prävention. „Es gab intensive Aufklärung darüber, dass Säuglinge nicht in Bauch-, sondern in Rückenlage schlafen sollten, und dass ein Schlafsack fürs Baby besser sei als eine Bettdecke.“

Eine ähnlich positive Auswirkung von Aufklärungsarbeit lässt sich laut Koch beim Thema Ma­sern­ erkennen. „Im Jahr 2002 hat die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut empfohlen, dass Kinder bereits im zweiten Lebensjahr die zweite Masernschutzimpfung erhalten sollten. „Damals war bei den Schuleingangsuntersuchungen festgestellt worden, dass nicht mal die Hälfte der Sechsjährigen ein zweites Mal geimpft war“, berichtet Koch.

Die Wirksamkeit der Impfaufklärungskampagne lasse sich an den danach kontinuierlich gestiegenen Impfzahlen ablesen. „Inzwischen sind 95 Prozent der Sechsjährigen zweimal gegen Masern geimpft.“ Und die Krankheit ist in der Region nahezu ausgerottet: 2010 gab es in der Städteregion Aachen keinen Fall, in den Kreisen Düren und Heinsberg erkrankten — statistisch — 2,6 von 100000 Kindern. Warum es im Jahr 2006 im Kreis Heinsberg (24 Fälle auf 100000 Kinder bis 14 Jahren) und in der Stadt Aachen (13) einen einmaligen Ausrutscher nach oben gab, lässt sich mit dem Basisdatenbericht jedoch nicht erklären.

Der Interpretation bedürfen auch andere Tabellen in dem Bericht, betonen Plum und Koch. „Die Stadt Aachen beispielsweise schneidet sehr günstig ab bei den sogenannten vermeidbaren Sterbefällen“, sagt Plum. So sterben in der Kaiserstadt beispielsweise signifikant weniger 35- bis 64-Jährige an einer Erkrankung der Herzkranzgefäße als im Landesdurchschnitt und in den Nachbarkreisen. Eine mögliche Erklärung: In Aachen leben weniger übergewichtige und adipöse Menschen als andernorts. 47 Prozent der Einwohner sind hier laut Mi­krozensus übergewichtig, darunter sind 10,5 Prozent adipös. In den neun übrigen Kommunen der Städteregion sind es 54 Prozent (darunter 14,2 Prozent adipös), im Kreis Düren sind gar 55,5 Prozent der Einwohner übergewichtig, darunter 14,8 Prozent adipös, Im Kreis Heinsberg sind es 55,1 Prozent, darunter 13,4 Prozent adipös.

Raucher in Heinsberg raucht mehr

Zudem rauchen Öcher, wenn sie schon am Nikotin hängen, deutlich weniger als andere. So konsumieren 5,9 Prozent der Aachener Raucher mehr als 20 Zigaretten pro Tag, im Altkreis Aachen gibt es mehr als doppelt so viele Starkraucher und in den Kreisen Düren und Heinsberg gar fast viermal so viele. Möglicherweise erklärt das auch, weshalb die Lebenserwartung der Stadt Aachener deutlich über der ihrer Nachbarn liegt.

Da inzwischen unstrittig ist, dass Bildung Einfluss auf den Gesundheitszustand eines Menschen hat und Bildung wiederum zu einem großen Teil einkommensabhängig ist, liefert der Bericht nicht nur Gesundheitspolitikern eine Menge Stoff. Wer tiefer in das Zahlenwerk eintaucht, kann ableiten, an welchen Stellschrauben die Politik drehen müsste, um die Gesundheit bestimmter Bevölkerungsgruppen zu verbessern, oder wo sie gegensteuern müsste, um teure Investitionen zu vermeiden.

„Wir diskutieren beispielsweise schon länger darüber, welche Auswirkungen die Tendenz hin zu mehr Übergewichtigen hat“, sagt Plum. Rettungsdienste, Krankenhäuser und Arztpraxen müssten sich auf immer mehr Fettleibige einstellen und in neue medizinische Geräte investieren, die schwergewichtige Patienten überhaupt aufnehmen können. Das reiche von der Trage über das Pflegebett bis hin zum Magnetresonanztomographen. Präventionsmaßnahmen wie Ernährungskurse schon in den Kitas und Stärkung des Gesundheitsbewusstsein der Eltern aller Schichten seien sinnvoll, wirkten aber nicht kurzfristig.

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