Herbert Rulands Lebenswerk: Geschichten vom Leben und Überleben im Ersten Weltkrieg

Herbert Rulands Lebenswerk: Geschichten vom Leben und Überleben im Ersten Weltkrieg

Herbert Ruland ist ein passionierter Sammler. Seit Jahrzehnten trägt er Geschichten aus der Zeit des Ersten Weltkrieges zusammen. Es sind Geschichten von Menschen aus unserer Region, dem deutsch-belgisch-niederländischen Grenzland – persönliche Geschichten, Alltagsgeschichten, Geschichten vom Leben und Überleben.

Gestoßen ist er auf sie in abgegriffenen Büchern und vergilbten Zeitungen, in Archiven, aber auch während zahlloser Gespräche mit Zeitzeugen oder deren Nachfahren. Viele dieser kleinen Geschichten hat Ruland nun zu einer großen Geschichte zusammengefügt. Erschienen ist sie soeben im Eupener Grenz-Echo Verlag. „Der Erste Weltkrieg und die Menschen im Vierländerland“ heißt das Buch. Es ist eine ebenso umfangreiche wie beeindruckende Arbeit, die nicht nur die Ereignisse im Grenzland zwischen 1914 und 1918 schildert, sondern sehr viel über die Lebensumstände seiner damaligen Bewohner erzählt – häufig auch aus deren Perspektive.

Als eine Welt zusammenbrach

In seinem Buch schlägt Ruland einen kleinen und einen großen Bogen. Klein ist der geografische Radius. Im Mittelpunkt von Rulands Betrachtungen steht ein Gebiet, das sich etwa 20 bis 30 Kilometer rund um das heutige Dreiländereck erstreckt. Bis 1918 war es wegen eines völkerrechtlichen Kuriosums, nämlich dem nur wenige tausend Einwohner zählenden Zwergstaat Neutral-Moresnet, noch ein Vierländereck.

Groß ist hingegen der historische Radius des Buchs. Ruland bettet zum einen die Erzählungen aus der Region in die weltpolitischen Zusammenhänge ein. Gleichzeitig zeigt er, welch tiefe und langanhaltende Auswirkungen der Erste Weltkrieg auf das deutsch-belgische Verhältnis im Allgemeinen und auf die Menschen des Grenzlandes im Besonderen hatte. „Damals wurden aus guten Nachbarn plötzlich Feinde“, sagt der gebürtige Dürener, der bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr die Abteilung Grenzgeschichte an der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien leitete.

Derzeit plant Ruland ein Filmprojekt zum jüdischem Leben im Eupener Land. Foto: barth

Mit dem deutschen Überfall auf das neutrale Belgien brach in unserer Region eine Welt zusammen, die zwar alles andere als heil war, die aber zumindest kaum Grenzen kannte, vor allem nicht in den Köpfen ihrer Bewohner. „Die Menschen aus Aachen, Eupen, Vaals, Gemmenich oder Montzen fühlten sich bis dahin eng miteinander verbunden, allein schon, weil weite Teile mit dem Grenzland-Platt eine gemeinsame Sprache hatten“, sagt Ruland. „Es war völlig normal, untereinander zu heiraten, gemeinsam zu feiern oder im Nachbarland zu arbeiten.“

In den Tagen nach dem 4. August 1918 änderte sich das schlagartig. Denn die von Aachen aus vorrückenden deutschen Truppen hinterließen bei ihrem Einmarsch in den belgischen Orten östlich der Maas eine mörderische Spur. Immer wieder kam es zu blutigen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Tausende Menschen, darunter alte Männer, Frauen und selbst Kinder, wurden erschossen. Zahlreiche Ortschaften, wie etwa Visé oder Battice, versanken in Schutt und Asche.

Zwei Versionen

Über die Gründe für das blutige Wüten der Soldateska gibt es zwei Versionen. Ruland stellt sie in seinem Buch gegenüber. Zum einen sind es deutschnationale Stimmen. Sie behaupten, die Morde seien Vergeltungsmaßnahmen für Schüsse von belgischen Zivilisten auf deutsche Truppen gewesen. „Überfälle von sogenannten Franc-tireurs hat es nie gegeben“, hält Ruland dem entgegen und verweist auf zahlreiche Aussagen von Beobachtern aus Belgien und den Niederlanden, die Massaker erlebt hatten. „Angeheizt von der deutschen Propaganda herrschte unter den kaiserlichen Soldaten lediglich eine Angst vor solchen Angriffen.“ Verstärkt durch exzessiven Alkoholgenuss und einen tiefen Ärger angesichts des unerwartet heftigen Widerstandes der belgischen Armee habe diese Phobie häufig dazu geführt, dass die deutschen Besatzer in den ersten Kriegswochen über „verdächtige“ Zivilisten herfielen oder aus Rache Geiseln erschossen.

Dass von einem deutschen Historiker die Franc-tireurs-These neuerdings wieder „aufgewärmt“ wird, stößt bei Ruland auf völliges Unverständnis: „Der Kollege beruft sich dabei auf ein 1915 in Berlin herausgegebenes Weißbuch, in dem deutsche Soldaten von Überfällen berichteten. Dabei handelt es sich aber um ein übles Propaganda-Machwerk. Es ist bereits in den 50er Jahren von einer deutsch-belgischen Historiker-Kommission als völlig unseriös und für die Forschung ungeeignet eingestuft worden.“ Seither – so Ruland – habe sich an der Quellenlage nichts geändert.

Neben den Massakern geht Ruland in seinem Buch auf viele andere Aspekte des alltäglichen Lebens und Überlebens weit hinter den Frontlinien ein. Zum Beispiel auf die schwierige Ernährungslage, die nicht nur in den östlichen Teilen des besetzten Belgiens herrschte, sondern bald auch in Aachen und Umgebung. Damals blühte der Schmuggel vor allem von Lebensmitteln aus dem niederländischen Südlimburg auf. Ruland beschreibt, wie Zehntausende Menschen aus dem Osten Belgiens über die Grenze nach Maastricht oder in andere Gemeinden des Nachbarlandes flohen und wie sie dort aufgenommen wurden. Er porträtiert belgische Widerständler. Er erwähnt den elektrischen Zaun, der ab 1915 die Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden dicht machen sollte. Er schildert den Rückzug der deutschen Truppen durch die Region nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 und wie sich in Aachen die ersten Arbeiter- und Soldatenräte gründeten.

Zäsur mit langfristigen Folgen

In einem Epilog des Buches ordnet Ruland schließlich den Ersten Weltkrieg als große Zäsur für das belgisch-deutsche Verhältnis ein. „Für die Belgier war es der ‚Große Krieg’“, sagt Ruland. „Selbst die deutsche Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs wurde subjektiv als weniger schlimm empfunden.“ Das habe vor allem im wallonischen Teil des Landes zu einem Hass gegenüber allen geführt, die Deutsch sprachen. Gleichzeitig sei durch die Kollektiverfahrung erst ein belgisches Nationalbewusstsein, ein belgischer Nationalismus entstanden. „Die Deutschen haben ihn in das Land regelrecht hineingeprügelt“, sagt der 66-Jährige, der inzwischen seit mehreren Jahrzehnten in der Nähe von Eupen lebt.

Ruland bezeichnet das Buch als sein „kleines Lebenswerk“. Es sticht heraus, weil es vom Autor mit vielen alten, zum Teil sehr seltenen Postkarten sowie zahlreichen zeitgenössischen Fotos aus privaten Nachlässen herausragend illustriert wurde. Vor allem aber macht das Buch deutlich: Ruland ist nicht nur ein großer Sammler, er ist auch ein großer Erzähler.

Mehr von Aachener Zeitung