Gericht nimmt in IS-Prozess gegen Abu Walaa Ex-Rockerchef in Beugehaft

Beugehaft angedroht : Ex-Rockerchef sagt im Abu-Walaa-Prozess gegen Mitangeklagten aus

Gut zwei Stunden lang gibt sich der tätowierte Rocker aus Duisburg im Zeugenstand des Oberlandesgerichts Celle betont einsilbig: „Das weiß ich nicht mehr“, ist am Dienstag der meistgehörte Satz, als der Ex-Anführer der inzwischen verbotenen Rockergruppe Satudarah im Prozess gegen Abu Walaa, den mutmaßlichen Deutschlandchef der Terrormiliz Islamischer Staat, aussagen soll.

Nach endlosen Antworten wie „Ja, nein“, „Kann sein, weiß ich nicht“, zieht der Vorsitzende Richter Frank Rosenow die Reißleine.

Mitten im Gerichtssaal klicken vor der Mittagspause die Handschellen und der Rocker wird in Beugehaft genommen. Denn der Gedächtnisschwund ist nach Ansicht des Richters nur vorgetäuscht. Mit der Zwangsmaßnahme soll der bärtige Rocker zum Reden gebracht werden. Mit Erfolg, denn nach der Pause liefert der 43-Jährige zumindest bruchstückhafte Antworten.

„Sie kennen doch die Spielregeln“, meint Richter Rosenow. „Aber nicht so“, antwortet der Rocker. Vorerst hat der Richter sich durchgesetzt. Und der Ex-Rocker darf nach seiner Aussage das Gericht wieder als freier Mann verlassen - hätte er weiter geschwiegen, wäre er erneut vorübergehend in Haft gekommen.

Ebenso ungewöhnlich wie der Theaterdonner vor Gericht ist die Vorgeschichte, die den schillernden Rocker aus dem Ruhrgebiet zu einem wichtigen Zeugen werden ließ. Bis vor einem Jahr saß er gemeinsam mit einem Mitangeklagtem in dem Celler Terrorprozess, einem türkischen Reisebüroinhaber aus Duisburg, im Hochsicherheitsgefängnis in Düsseldorf in Haft. Dort bat ihn der Mitangeklagte, Schreiben, mit denen er Zeugen einschüchtern lassen wollte, an Mittelsmänner draußen weiterzuleiten.

Zwar ließ sich der Rockerchef zum Schein darauf ein, schaltete aber über seinen Anwalt das Landeskriminalamt ein. Dort landeten dann die Schreiben des Islamisten, einen letzten Stapel gab der Rocker bei seiner Haftentlassung persönlich beim LKA Düsseldorf ab. Und in Gesprächen mit Fahndern in der Haft signalisierte er bereits, über weitere Informationen zur Organisation des IS in Deutschland und dem Terroranschlag von Barcelona im Sommer 2017 zu verfügen. Gerade das interessierte am Dienstag das Celler Gericht - genaueres dazu lieferte der Zeuge dann aber nicht.

Der Ex-Rockerchef beschreibt den Reisebüroinhaber, mit dem er bis vor kurzem im Hochsicherheitsgefängnis in Düsseldorf saß, als einen Sympathisanten des islamistischen Terrors. Unter anderem habe dieser einen Anschlag in Istanbul gerechtfertigt, ebenso die Selbstmordanschläge von Zwillingen aus dem Ruhrgebiet, die er laut Anklage indoktriniert haben soll. In seinem Reisebüro habe er junge Leute islamistisch unterwiesen und sie an Abu Walaa weitervermittelt. Doch wozu? Um sie nach Syrien und in den Irak zu schicken? So genau kann der Rocker das vor Gericht nicht mehr sagen.

Warum er sich überhaupt an die Behörden gewandt hat, will Richter Rosenow wissen. Er habe keine Mitverantwortung für das Tun der Islamisten tragen wollen, begründet der Rocker seinen Schritt. Seine Auffassung vom Islam sei eine völlig andere gewesen als die der Terrorverdächtigen.

Ging es ihm nicht auch um eigene Vorteile hinter Gittern, seine vorzeitige Haftentlassung? „Reden wir von einem Kuhhandel, was soll man da anbieten“, gibt sich der Rocker begriffsstutzig. Viel schlauer ist das Gericht am Ende des 109. Verhandlungstags des sich seit fast eineinhalb Jahren dahinschleppenden Prozesses dann nicht.

Abu Walaa und vier Mitangeklagte müssen sich in Celle wegen Unterstützung und Mitgliedschaft in der Terrormiliz IS verantworten. Sie sollen junge Menschen insbesondere im Ruhrgebiet und im Raum Hildesheim islamistisch radikalisiert und in die IS-Kampfgebiete geschickt haben. Die Angeklagten haben bislang zu den Vorwürfen geschwiegen. Bis zum August sind weitere Verhandlungstage terminiert.

(dpa)
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