Region: Genealoge untersucht die Ahnentafel Karl des Großen

Region: Genealoge untersucht die Ahnentafel Karl des Großen

Karl ist in uns. Ziemlich sicher in uns allen. Der große Kaiser ließ bekanntermaßen eine fruchtbare Saat in seinem Reich aufgehen, das fast das gesamte heutige Europa umfasste. Er förderte nicht nur Schrift und Sprache, in deren Folge Kunst und Kultur aufblühten, sondern hatte fünf Frauen und 18 Kinder. Offizielle, die von Konkubinen nicht mal mitgezählt.

Wo der streitlustige Frankenkönig geboren wurde, ist nach wie vor ungeklärt. Spekuliert wird etwa über die Eifel oder den Raum Paris. Oder Aachen, dort ist er zumindest 814 beerdigt worden.

Irgendwie Urururur(...)opa aller Westeuropäer? Abstammungslinien von Karl dem Großen zeigt ein Stammbaum im Internationalen Museum für Familiengeschichte in Eijsden. Foto: Henrik Hautermans

Wer heutzutage also, vielleicht nur scherzhaft, behauptet, dass er Karls Nachfahre ist, dürfte richtig liegen. Der Genealoge Funs Patelski aus dem zur niederländischen Gemeinde Voerendaal gehörenden Klimmen formuliert es so: „Wir stammen alle von Karl dem Großen ab. Aber nur zehn bis 15 Prozent der gebürtigen Limburger können es beweisen.“

stammbaum Foto: Henrik Hautermans

Statistiker der Universität Amsterdam haben sogar ausgerechnet, dass die Chance, dass ein Westeuropäer nicht auf irgendeine Weise auf Karl den Großen zurückzuführen ist, gleich null ist. Schließlich haben seitdem etwa 40 Generationen gelebt. Da jeder Mutter und Vater hat, muss die Zahl zwei mit 40 potenziert werden, das ergibt eine Zahl mit 13 Stellen — so viel schafft kein Taschenrechner, und so viele Menschen lebten damals gar nicht, im 9. Jahrhundert.

Verbindungen bis zu André Rieu

Funs Patelski beschäftigt sich seit Anfang der 1980er Jahre mit der Genealogie, über weite Strecken im Dienst des ehemaligen Reichsarchivs in Maastricht, später als Selbstständiger. Eine offizielle Ausbildung für diese anspruchsvolle Tätigkeit hat der gelernte Grafiker und Schriftsetzer nicht absolviert, ein einschlägiges Studium gibt es in den Niederlanden (und auch in Deutschland) nicht.

Sein Lehrer war zunächst der Genealoge Edmond Delhouge (1932-2013) aus Roermond. Darüber hinaus hat er sich die vielfältigen Fertigkeiten selbst beigebracht. Alle Voraussetzungen dazu brachte er mit: viel Geduld, um sich stunden- und tageweise in alte Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunden, Ortschroniken, Kirchen- und Grundbücher sowie Hausverzeichnisse zu vertiefen, die — meist besser dokumentierten, weil mit Besitz verbundenen — Abstammungsverhältnisse von Adelshäusern zu erkunden und alte Schriftarten wie die gotische oder Sütterlin zu entziffern und zu verstehen.

Wobei es deutliche Unterschiede zwischen den Nachbarländern gebe: „In den Niederlanden leben wir in einem genealogischen Paradies, in Deutschland ist es viel schwieriger, an Unterlagen zu kommen.“ Besonders schlimm sei es im Aachener Stadtarchiv gewesen, zumindest im ehemaligen Domizil am Fischmarkt: Dort dürfe man nur Notizen machen, keine Fotografien, die die alten und oft komplizierten Dokumente nicht beeinträchtigten. Zudem seien durch den Stadtbrand 1656 viele Schriftstücke vernichtet worden, auch die Kleinstaaterei der vergangenen Jahrhunderte im Raum Aachen mache die Suche nach alten Dokumenten keineswegs einfacher.

Ist das Interesse an der Ahnenforschung und Stammbaumerkundung in den letzten Jahren gewachsen? „Diese Frage ist mir auch schon vor 30 Jahren gestellt worden, schon damals habe ich dieselbe Antwort gegeben: Genealogie ist immer populär gewesen. Das Interesse der Menschen an ihren Vorfahren ist immer groß gewesen.“

Schon in der Bibel sei ausführlich beschrieben, dass Jesus von König David abstamme. Allerdings sei durch das Internet der Zugang zu Informationen enorm erleichtert worden: „Für das Sammeln und Verarbeiten von Daten ist der Computer ein unschätzbares Hilfsmittel.“ Auffällig ist aber, dass einschlägige Fernsehsendungen hohe Einschaltquoten erzielen und entsprechende Veranstaltungen steigende Besucherzahlen aufweisen.

Funs (limburgische Koseform von Alfons) Patelski sucht im Auftrag von Notaren nach Erben, spürte für die Kardiologie in Maastricht Träger einer Erbkrankheit auf (siehe auch Titelseite Magazin), schrieb Bücher, übernahm die Chefredaktion der „Limburgs Tijdschrift voor Genealogie“ und wurde 2016 wegen seiner Verdienste um die regionale Geschlechterkunde mit dem „Edmond Delhougne Penning“ ausgezeichnet. Patelski fing an, eine Datei aufzubauen, die heute mehr als 80.000 Namen umfasst.

Vor einiger Zeit machte er sich daran, einen bunt gefächerten Strauß von Nachfahren Karls des Großen (natürlich unter besonderer Berücksichtigung der Provinz Limburg) ausfindig zu machen, eine zeitraubende und aufwendige Auftragsarbeit. Wobei es nicht schadete, wenn die Nachkömmlinge bekannt waren, das sorgte für Resonanz und Schlagzeilen. Dichter und Schauspielerinnen sind darunter, Hoteliers und Orchesterleiter wie André Rieu.

Der Anfangsiebziger Patelski legte Wert darauf, nur verlässliche Quellen zu nutzen. Papier war nämlich auch schon im Mittelalter geduldig, Namen änderten sich, weil nur phonetisch aufgeschrieben wurde, die Niederlegung in Schriftstücken war mitunter noch lange kein Beweis für die biologische Elternschaft (sogenannte Bastardkinder).

Ohnehin wird die Verzweigung nach wenigen Generationen so groß, dass Patelski sich auf 79 von 244 Abstammungslinien von Jan II. und Gwijde von Avensis konzentrierte. Ersterer Graf von Henegouwen und Holland, der zweite Bischof von Utrecht am Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts — und beide unzweifelhaft auf Karl den Großen zurückzuführen. Patelski kam in Kontakt mit Leo Barjesteh van Waalwijk van Dorn, der die gleiche Leidenschaft für Genealogie teilt und in Eijsden das Internationale Museum für Familiengeschichte in einem ehemaligen Ursulinenkloster aufbaute.

Er stammt vom persischen Herrscher Fath Ali Shah Qajar ab, der Anfang des 19. Jahrhunderts 109 Kinder in seinem Harem zeugte, das ist niedergelegt auf einer Ahnentafel im Eingangsbereich des Museums.

Mit wenigen Klicks ins 19. Jahrhundert

Der Gedanke lag nicht fern, im Jahr 2014, zum 1200. Todestag Karls des Großen, der ja einen Großteil seines Lebens in der hiesigen Region verbracht hat, einen eigenen Saal einzurichten, den Karel de Grote Paviljoen. Nicht verwunderlich ist es im Grenzgebiet, in dem nicht nur die Grenzen, sondern auch die Menschen immer wieder hin- und herwanderten, dass auf den Wänden des gemauerten Kreises mit einem Durchmesser von 23 Metern („der größte Stammbaum der Welt“) am Ende der Abstimmungslinien auch Verbindungen ins benachbarte Deutschland auftauchen.

Etwa zu Prof. Karl-Heinz Kuck aus Aachen-Horbach, ein renommierter Kardiologe in Hamburg, der schon David Bowie wiederbelebte und Günter Grass, Udo Lindenberg sowie Helmut Schmidt behandelte. Oder zu Klaus Hautermans aus Aachen-Laurensberg, jetzt Hausarzt in Sittard.

Zu meinem Vetter und meinem Bruder also. Ja: Meine Abstammung vom großen Karl ist ebenfalls nachweisbar. Also Ortstermin in Klimmen. Mit wenigen Klicks holt Funs Patelski eine Urkunde vom 7. Januar 1875 auf den Bildschirm, in der einer meiner Vorfahren in Nijswiller, ein Ramaker (ein Zimmermann, der auf Fachwerk spezialisiert ist), heiratet.

Die Mutter der Braut kann nicht schreiben, für sie leistet ein anderer die Unterschrift. Steht alles auf der Urkunde, die wir vor Augen haben, Wahnsinn. Das Original. Und der Gedanke schießt mir durch den Kopf: „Ohne die säßest Du jetzt nicht hier.“ Funs Patelski erweist sich als enormer Wissensspeicher mit einem phänomenalen Gedächtnis. Ein Stichwort, und die Querverbindungen an Namen oder Jahreszahlen sprudeln heraus, ohne Anlauf, Nachdenken oder gar Nachschauen.

In einem Alter, in dem andere die Hände in den Schoß legen, denkt Patelski noch lange nicht ans Aufhören. Dass der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders indische Vorfahren aufweist, hat er ihm schon zukommen lassen — eine Reaktion erfolgte nicht.

Jetzt ist er hinter einem AfD-Vordenker her, der Wurzeln in Tirol hat. Um Näheres zu erfahren, will Patelski nach Italien reisen und Friedhöfe abklappern. Und 2019 soll ein Buch erscheinen, in dem er sich auch mit dem Öcher NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet beschäftigt, dessen Vorfahren kommen unter anderem aus Südlimburg. Aus- und ein- oder weitergewandert sind die Menschen nämlich zu allen Zeiten.

Und was macht man nun mit dem Wissen, dass es eine direkte Linie zwischen Karl dem Großen und zum Beispiel Klaus Hautermans gibt? „Ich habe meinen Kindern gesagt, dass sie ihren Uropa auf dem Markt grüßen, wenn sie am Denkmal vorbeigehen“, nimmt der Hausarzt die Sache mit Humor.

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