Gemeindekindergarten Titz bewirbt sich um Kita-Preis 2019

Deutscher Kita-Preis 2019 : Kindergarten aus Titz unter Deutschlands Top Ten

Wer über die Flure und durch die Räume schlendert, kann manch Zauberhaftes entdecken. Bezaubernd sind vor allem diejenigen, die hier spielen, turnen, forschen, bauen, singen, rechnen, tanzen, essen, schlafen...

„Zauberwelt“ lautet der Name des Kindergartens. Dass diese Kindertagesstätte in Titz – eine von rund 56.000 in Deutschland – unter 1500 Bewerbern zu den zehn Finalisten im Wettbewerb um den Deutschen Kita-Preis 2019 gehört, hat aber nichts mit Zauberei zu tun, sondern mit einem Konzept, das im Auswahlverfahren bislang offensichtlich überzeugt hat: Die Kinder sind die Bestimmer.

Leona ist fünf Jahre alt und weiß genau Bescheid: „Das ist der beste Kindergarten der Welt.“ Damit das mal klar ist... Alexander (6) gibt ihr vollkommen Recht, und Emma (4) meint: „Heute sind viele hier, die Fotos machen.“ Und das findet sie sehr schön.

Das war in der vorigen Woche, als während der Finalrunde der zehn besten deutschen Kitas drei Expertinnen hier waren – zwei von der Internationalen Akademie Berlin für innovative Pädagogik (INA), die die Finalisten ausgewählt hat, und eine von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die den Preis vergibt. Am 13. Mai werden in Berlin die Sieger bekanntgegeben: ein erster Platz, der mit 25.000 Euro belohnt wird, und vier zweite Plätze (jeweils 10.000 Euro).

Ein Morgen in der Kita „Zauberwelt“ in Titz

Gerta Cremers, seit 2011 Leiterin dieses Gemeindekindergartens, und ihre 16 Erzieherinnen erleben derzeit wichtige und anstrengende Tage und Wochen. Die circa hundert Kinder nehmen die pädagogische und mediale Aufmerksamkeit ganz gelassen und absolvieren ihr selbst gewähltes Vormittagsprogramm – ganz im Sinne des „Zauberwelt“-Prinzips: Alle Kinder sind nicht fest an Gruppen und Räume gebunden, sondern können jeden Tag frei durchs Haus gehen und sich aussuchen, was sie tun wollen. „Kinder können selbst entscheiden, was sie machen und wo sie es machen“, sagt Cremers. „Die Räume werden so gestaltet, wie die Kinder das wollen.“ Nur die Erzieherinnen sind an einen Raum gebunden. Die Auswahl ist groß: Werkstatt und Turnhalle, Bauraum, Forscherraum, Ruheraum, eine Zahlenwerkstatt und ein Zimmer für Theater und Musik.

Der Turm

Dieses offene Konzept haben Cremers und ihre Erzieherinnen in Abstimmung mit den Eltern vor acht Jahren eingeführt, „weil uns die festen Strukturen zu eng wurden. Es passte nicht mehr zu uns und nicht mehr zu Kindern. Denn die seien Akteure, geboren als Forscher, die die Welt mit allen Sinnen entdecken wollen; so heißt es auf der „Zauberwelt“-Homepage.

Leona und Sophie haben mit Bauklötzen einen kunstvollen Turm gebaut, der bereits mehr als zwei Meter hoch ist; die aktuellen Arbeiten können nur mit Hilfe einer Leiter weitergeführt werden. Das Ziel: die Decke. Die Frage des Bauklötzeturm-Laien, wie ein derart hoher Turm nur aus Klötzen überhaupt hält, können die beiden Bauprofis gar nicht verstehen. „Das hält so, guck doch“, sagt Sophie.

Turmbau-Meisterinnen: Leona (oben links) und Sophie bei der Arbeit. Foto: ZVA/Laura Weinberger

Zwischendurch ein kurzes Interview mit fünf reichlich aufgeweckten Gesprächspartnern: Der vierjährigen Greta gefällt das Malen am besten. Annemarie (5) liebt es, den Frühling mit Pinsel und Fingerfarben aufs Papier zu bannen; heute hat sie einen Schmetterling gemalt. Wenig geschätzt werden – wenig überraschend – Zanken, Beißen, Hauen. Auf der Wunschliste steht ein Teich, von dem Arian (5) schon ganz konkrete Vorstellungen hat: „Einen großen für die Vorschulkinder und einen kleinen für die kleinen Kinder. Und im Winter kommt da Eis drauf; dann können wir Schlittschuh fahren.“ Constantin (5) freut sich auf die geplante Matschanlage. Eine Matschküche, in deren Becken Blätter, Dreck und alles Mögliche sonst gesammelt und vermischt werden können, existiert bereits.

Einig sind sich die fünf, dass die tägliche Zeit im Kindergarten eigentlich zu kurz ist. Sie würden lieber länger in der „Zauberwelt“ bleiben. Arian: „Bis es dunkel ist, und man schlafen gehen muss.“ Constantin: „Heäh, Arian, Du weißt schon, die Vorschulkinder schlafen hier manchmal.“ Arian: „Das weiß ich.“ Luca (4): „Dann müssen wir alle einen Wecker mitbringen.“ Annemarie: „Und Kuscheltiere. Mein Skywecker weckt mich. Der kann auch leuchten.“ Arian: „Meiner leuchtet auch, aber nur da, wo die Zahlen sind – nicht ganz.“

Der Beirat

Die Kinder wissen ziemlich gut, was sie dürfen und was nicht. Arian: „Man darf draußen nicht an dem kleinen Häuschen buddeln, sonst fällt das um. Wenn dann ein Kind drin ist, kann es sich am Kopf stoßen.“ Constantin: „Wir dürfen nicht im Flur laufen.“ Luca: „Und keinen Blödsinn machen.“ Greta: „Im Morgen- und im Mittagskreis darf man keinen Blödsinn machen.“ Draußen ist das offensichtlich schon mal möglich; so kann man die Kinder jedenfalls verstehen. Unter welchen Bedingungen? Da wollen sie sich nicht so genau festlegen.

Gespräch mit Fachleuten (von links): Luca, Arian, Annemarie, Constantin und Greta stellen sich Peters Fragen. Foto: ZVA/Laura Weinberger

Können die Kinder tatsächlich mitbestimmen und mitentscheiden? Annemarie: „Im Kinderbeirat sagen die Kinder, was einige Kinder sich gewünscht haben. Dann machen die das auch.“ Greta: „Im Morgenkreis oder Mittagkreis wünschen sich die Kinder was und sagen das den Kindern, die im Kinderbeirat sind.“ Der Kinderbeirat tagt einmal pro Woche mit jeweils zwei Vertretern aus jeder der fünf Stammgruppen, mit Frau Cremers und der ebenfalls von den Kindern gewählten Vertrauenserzieherin. Nach Aussage aller Beteiligten funktioniert es. Auszug aus dem Protokoll einer der letzten Sitzungen: „Der Vorschlag von einem Kind, neue Tassen mit Motiven anzuschaffen, wurde von der Mehrheit abgelehnt. Die meisten Kinder finden die roten Becher noch schön.“

Die Jury

Aleksandra Bielesza und ihre Kollegin Annette Gutsfeld von der INA sowie Katarina Fuchs von der Kinderstiftung haben sich drei Tage lang alles genau angeschaut. „Wir sprechen mit dem Träger, den Erzieherinnen, mit Eltern und natürlich mit den Kindern.“ 40 der insgesamt 106 Kinder sind befragt worden, und die meisten haben davon erzählt, wie sie mitbestimmen können. Das wird nach Erfahrung der INA woanders kaum so formuliert.

Die Meinungen der Kinder seien durchaus wichtig für den rund 15-seitigen Bericht, den die INA-Expertinnen von jeder der zehn Finalisten schreiben und einer Jury aus Bildungsexperten, Pädagogen und Vertretern von Politik, Gewerkschaften und Verbänden vorlegen. Und diese Jury entscheidet über die Preisträger.

Cremers und ihre Kolleginnen sowie Bürgermeister Jürgen Frantzen werden am 13. Mai mit dem Bus nach Berlin fahren. „Es ist wie bei der Oscar-Verleihung“, sagt Frantzen.

Mehr von Aachener Zeitung