Geldwäsche: Polizei kommt Bande bei Aachen auf die Spur

Polizei kommt Bande bei Aachen auf die Spur : Zufallsfund führt zu Geldwäschern

Die Schlagzeilen an diesem heißen Sommertag gehörten dem damaligen Innenminister des Landes. Ralf Jäger (SPD) überlegte laut, ob er die wachsende Zahl an Flüchtlingen demnächst in Hallen oder Zeltstädten untergebracht werden sollten. Keine Schlagzeilen machte an diesem 29. Juli 2015 ein Vorgang, der sich auf einem Parkplatz an der Autobahn 44 ereignete.

Heute weiß man, dass an diesem Tag bei Aachen eines der größten Geldwäsche-Netzwerke in Europa aufgeflogen ist. Erst jetzt, mehr als drei Jahre später, macht der Fall tatsächlich Schlagzeilen.

Seit ein paar Tagen sind 15 Männer in Paris unter anderem wegen „Geldwäsche“ und „Krimineller Vereinigung“ angeklagt.

Unter ihnen ist einer der Beschuldigten von dem Aufgriff in Aachen aus dem Juli 2015. Bei der zweiten Person, die damals vorübergehend festgenommen wurde, handelt es sich um den Neffen eines weiteren Angeklagten in Paris. Das Großverfahren soll Ende des Monats beendet sein, so ist die Planung.

An jenem Sommertag hatten zwei Bundespolizisten „kontrollwürdige Personen“ entdeckt. Sie lotsten den Mercedes mit dem Bremer Kennzeichen auf den Parktplatz „Königsberg“. Die beiden Männer, in Libanon geboren, mit deutschem Pass ausgestattet, berichteten von einer kleinen unverfänglichen Einkaufstour in Belgien. Es fanden sich zwei Designerunterhosen. Sehr überzeugend war der Vortrag nicht.

Verbindung zur Drogenmafia in Kolumbien

Die Beamten jedenfalls schauten intensiver nach und entdeckten im Kofferraum der Limousine zwei Sporttaschen mit 489.745 Bargeld. Die kleine Stückelung ließ schnell den Verdacht aufkommen, dass das Geld aus Schleuserkriminalität oder Drogengeschäften stammen könnte. Die Männer wurden festgenommen, die Zollfahndung Essen stellte bald darauf Kokainrückstände sowohl an Geldscheinen als auch an einer Tasche fest.

Die Männer waren wohl unterwegs nach Deutschland, um das „schmutzige“ Geld zu waschen. Die Polizisten waren einem der größten Geldwäsche-Netzwerke Europas unverhofft auf die Schliche gekommen, mit Verbindung in den Libanon, in die USA und zu Drogenmafia nach Kolumbien. Über den Fall hatte als erstes der Rechercheverbund von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung berichtet, die Einblick in die Ermittlungsakten nehmen konnten.

Nach dem Fund am Grenzübergang wurde auch das LKA NRW und die Staatsanwaltschaft Aachen eingeschaltet. Dort meldeten sich schnell französische Fahnder und Europol, deren Ermittlungen schon länger liefen. Sie verfolgten Hinweise der amerikanischen Anti-Drogenbehörde DEA, die ein kolumbianisches Drogenkartell abgehört hatte. In Frankreich wurden daraufhin ebenfalls hunderte Telefonate mitgehört, viele Verdächtige überwacht, um das Netzwerk zu ergründen, das sich fast über die ganze Welt erstreckt.

Hausdurchsuchungen in sechs Ländern

Am Ende der Ermittlungen stand eine europaweit koordinierte Operation am 25. Januar 2016: In sechs Ländern wurden Häuser durchsucht, Beschuldigte festgenommen und mehr als 800.000 Euro Bargeld beschlagnahmt. Die Staatsanwaltschaft Aachen veranlasste im Zuge eines Rechtshilfeersuchens, dass in Deutschland Wohnungen in Düsseldorf, Münster und in Ganderkesee bei Bremen durchsucht wurden. Insgesamt waren daran 140 Beamte und zwei Spezialeinsatzkommandos beteiligt.

In den durchsuchten zehn Objekten wurden neben viel Bargeld, auch ein Range Rover inklusive griffbereiter Pistole, und etwa 100 Verpackungen von Luxusuhren sichergestellt. Vier Verdächtige wurden festgenommen, auch sie sind derzeit in Paris angeklagt. In dem Verfahren sitzen fast nur Libanesen oder aus dem Libanon stammende Männer. Die Fahnder haben deswegen die Ermittlung „Cedar“ genannt, angelehnt an das englische Wort für Zeder in der libanesischen Flagge.

Zehn Millionen durch den Kauf von Uhren gewaschen

Nach den Vermutungen von Europol hat das südamerikanische Drogenkartell die Bande beauftragt, die Umsätze aus dem Drogenverkauf in Europa zu waschen. Die Ermittler vermuten, dass sie Schmuck und sündhaft teure Uhren ebenso erworben haben wie Luxusautos, gezahlt wurde immer in bar. Alleine im Jahr 2015 sollen so zehn Millionen Euro nur durch den Kauf von Uhren gewaschen worden sein.

Die Wertgegenstände wurden zurück in den Libanon gebracht, andere Bandenmitglieder verkauften sie da. Nach Medienberichten wurden dann etliche Millionen an die Drogenbarone, den Nachfolgern von Pablo Escobar, nach Kolumbien geschaffen. Die Ermittler vermuten auch Geldflüsse an die iranisch-libanesische Terrorgruppe Hisbollah, die damit Waffen für den Syrien-Krieg beschafft haben soll. Angeklagt wird dieser Punkt nun indes nicht, offenbar, weil die Belege nicht ausreichen.

Es ändert aber nichts daran, dass es eine Schnittmenge zwischen Geldwäsche und Terrorfinanzierung gibt, sagt Sebastian Fiedler, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). „Es gibt deutliche Zusammenhänge.“

Weltweit agierende Banden bieten längst ein ganzes Repertoire an kriminellen Dienstleistungen an. Neu ist das für die Fahnder alles nicht, aber Fälle wie dieser schärfen den öffentlichen Fokus für das Thema. Zwei Drittel aller Straftaten in Europa sind Eigentumsdelikte, sagt der Experte. Hehlerei und Geldwäsche sind die üblichen Folgestraftaten. Umgesetzt werden Milliarden. „Das funktioniert aber nur, wenn es solche Waschanlagen gibt.“

„Waschmaschine“ Deutschland?

Die attraktivste „Waschmaschine“ scheint Deutschland zu sein. Die „Cedar-Gruppe“ koordinierte nach den bisherigen Erkenntnissen die „Wäsche“ von Belgien aus, Geld wurde dann im ganz großen Stil im Nachbarland gereinigt, das geht aus Unterlagen vor, die das Recherchenetzwerk eingesehen hat. Eine Million Euro haben die libanesischen Dienstleister zeitweise jede Woche gewaschen, so steht es jedenfalls in den Akten. „Deutschland ist hochattraktiv für schmutziges Geld“, sagt Fiedler. „Das Dilemma ist, dass wir keine funktionierenden Aufsichtsbehörden haben.“ Die Gesetze existieren, aber sie werden kaum überwacht. Händler werden kaum kontrolliert, zudem müssten sie für das Thema sensibilisiert werden.

 Das deutsche Geldwäschegesetz verpflichtet Banken, aber auch Händler dazu, auffällige Zahlungen zu melden. Das gilt dann auch für mehrere Juweliere, bei denen die teuersten Chronometer mit Geld aus Plastiktüten bezahlt werden. Die Staatsanwaltschaft Aachen ermittelt gegen vier von ihnen wegen des Verdachts der leichtfertigen Geldwäsche“, sagt ihr Sprecher Jost Schützeberg. Zwischen 2011 und 2015 sollen die Juweliere, die nicht in der Region angesiedelt sind, 23 Millionen Euro umgesetzt haben. Verdacht hatte angeblich keiner von ihnen geschöpft - trotz der kuriosen Zahlmethoden. Ihnen droht ein Verfahren vor dem Landgericht in Aachen.

Geldwäsche kann mit einer Freiheitstrafe zwischen drei Monaten bis fünf Jahren, in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahren geahndet werden. Es gibt kaum ein Unrechtsbewusstsein in Händlerkreisen, entsprechen liegen der zuständigen Financial Intelligence Unit, angesiedelt beim Zoll, nur wenige Meldungen vor.

Der BDK veranstaltet bereits seit vielen Jahren Geldwäsche-Symposien. Intern ist dieser stetig wachsende Kriminalitätszweig ein großes Thema. Geändert hat sich nicht sehr viel, überall herrscht große Personalmangel. Fiedler spricht von einem „einzigen Desaster“. Eine im Auftrag des Bundesfinanzministeriums vor zwei Jahren erstellte Dunkelfeldstudie geht davon aus, dass Jahr für Jahr 100 Milliarden Euro, die auf illegalen Märkten erwirtschaftet werden, in Deutschland gewaschen werden.

Fiedler ordnet die gewaltige Summe ein und orientiert sich an aktuellen gesellschaftlichen Problemen: „Deutlich weniger als 20 Prozent dieser Summe wäre erforderlich, um den deutschen Lehrermangel, den Pflegenotstand in Krankenhäuser und Altenheimen komplett zu beseitigen und zudem die klaffenden Lücken bei Zoll- und Steuerfahndern, Polizisten, Kriminalisten, Staatsanwälten, Strafrichtern und Mitarbeiter von Nachrichtendiensten zu schließen.“

 Die Ermittlungen haben sich auch aus Personalmangel so lange hingezogen, auch die lange Zeit bis zur Verfahrenseröffnung in Paris hat damit zu tun. Und selbst der Anfang des Verfahrens im Sommer 2015 war ein reiner Zufall. Die Bundespolizei soll auch die Grenzübergänge kontrollieren, aber das Netz ist extrem grobmaschig. Die Behörde ist chronisch unterbesetzt, die bereits mehrfach angekündigte personelle Entlastung bleibt seit Jahren aus. 290 Planstellen gibt es bei der Bundespolizei in Aachen. Theoretisch. Derzeit stehen dem Inspektionsleiter etwa 200 Beamte zur Verfügung.

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