Invasive Arten breiten sich aus: Gekommen, um zu bleiben

Invasive Arten breiten sich aus : Gekommen, um zu bleiben

Invasive Arten beschäftigen Forscher, Tierschützer und sogar die Europäische Union. Denn immer wieder bedrohen sie die heimische Flora und Fauna. Auch in NRW gibt es einige Arten, die Experten Sorge bereiten.

Wenn am Rhein die Angler sitzen und auf einen leckeren Fisch für das Abendessen hoffen, hört man sie immer wieder fluchen. „Schon wieder eine Grundel!“ Denn dem kleinen Fisch, der hier eigentlich gar nicht hingehört, schmeckt nahezu alles. So hat er sich in den vergangenen 30 Jahren stark ausgebreitet - obwohl er in Deutschland eigentlich nicht heimisch ist. Der BUND spricht sogar von einer der invasivsten Fischarten weltweit. Doch die Grundel ist nicht die einzige Art, die sich hierzulande angesiedelt hat.

Die Zahl der invasiven Arten steigt. Auch die Europäische Union führt eine Liste mit solchen Arten und hat sie im vergangenen Jahr noch erweitert. In der ersten Fassung von 2016 waren hier noch 37 Tier- und Pflanzenarten aufgeführt, nach einer ersten Erweiterung um zwölf in 2017 und einer zweiten 2019 sind es nun 66. Invasiv nennen Biologen eine Art, wenn sie sich besonders stark ausbreitet. Bei der Liste der EU kommt es außerdem darauf an, ob die Neulinge ökologischen oder ökonomischen Schaden anrichten.

„Die Zunahme invasiver Arten hat damit zu tun, dass auch weltweiter Handel und Warenverkehr zunehmen“, sagt Ingolf Kühn, Professor für Makroökologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der sich seit 20 Jahren mit biologischer Invasion beschäftigt. Die Grundel etwa ist im Ballastwasser oder an den Schiffsrümpfen größerer Schiffe eingewandert. Vor allem aber Insekten- und Pilzarten werden häufig versehentlich bei Transporten eingeschleppt, wenn diese nicht richtig dekontaminiert wurden. Etwa der Asiatische Laubholzbockkäfer hat es sich erst in Holzverpackungen und dann in Mitteleuropa bequem gemacht. Anders ist es bei Pflanzen, Säugetieren und Vögeln. Davon sei ein Großteil bewusst eingeführt worden, sagt der Forscher. Etwa für botanische oder private Gärten oder Zoos.

Vielfältige Probleme

Die Probleme, die invasive Arten hervorrufen können, sind vielfältig. Die Kanadagans zum Beispiel sei mit ihren Hinterlassenschaften in Naherholungsgebieten, etwa in den Düsseldorfer, Kölner und Dortmunder Parks, vor allem lästig.

Kanadagänse mit ihren Küken überqueren am in Düsseldorf einen Fahrradweg. Foto: dpa/Federico Gambarini

Ähnlich ist es mit den bunten Halsbandsittichen, die sich etwa auf den Platanen an der Düsseldorfer Königsallee wohlfühlen und die Sitzbänke darunter verdrecken.

Ein wildlebender Halsbandsittich, auch „Kleiner Alexandersittich“ genannt, fliegt durch einen Park in Düsseldorf. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Der Riesenbärenklau, der sich in NRW immer mehr verbreitet, könne in Verbindung mit Sonnenlicht schmerzhafte Verbrennungen hervorrufen. Die Asiatische Hornisse, die in Baden-Württemberg schon gesichtet wurde und auch in NRW kurz vor der Ausbreitung steht, fresse heimische Bienen und Wespen. Die Asiatische Tigermücke, die sich erst langsam in Deutschland zeigt und es noch nicht nach NRW geschafft hat, kann Infektionskrankheiten, wie den Zika- oder Dengue-Virus übertragen.

Warum diese fremden Arten sich hier so wohlfühlen, darüber ist man sich in der Forschung noch nicht einig. Im Klimamonitoring des Düsseldorfer Umweltamtes etwa, das die Stadt im vergangenen Sommer veröffentlicht hat, ist beim Halsbandsittich von einem „Klimagewinner“ die Rede - er profitiere vom wärmer werdenden Klima. Vielleicht, so Kühn, gebe es auch weniger Konkurrenz, vielleicht werden durch menschliches Eingreifen in ein Ökosystem auch Ressourcen für fremde Arten frei, vielleicht haben diese Arten auch noch andere Vorteile gegenüber den heimischen.

Sicher sind sich Forscher, Umweltverbände und Politik aber, dass dagegen etwas unternommen werden muss. Ein erster wichtiger Schritt sei, das Einführen invasiver Arten zu verhindern. Seien sie schon angekommen, müsse die Ausbreitung eingedämmt werden - vor allem in sensiblen Bereichen, wie Naturschutzgebieten. Pflanzen, wie der Riesenbärenklau werden entfernt. Um die Population der Halsbandsittiche einzudämmen, setzt man in Düsseldorf auf ein Wanderfalken-Paar, das in der Nähe nistet - man wolle so das natürliche Gleichgewicht stärken, teilte die Stadt mit. Den Kanadagänsen, werden in den Düsseldorfer Parks Eier aus den Nestern genommen. Jüngster und umstrittener Vorschlag ist der Einsatz von Drohnen, um die Kanadagänse zu vertreiben.

Denn zu verhindern, dass invasive Arten sich ausbreiten, ist auch eine Frage des Tierschutzes. Ein gutes Beispiel dafür sei das Grauhörnchen, das durch einen Krankheitserreger, gegen den es selbst immun ist, die heimischen roten Eichhörnchen bedroht. „Hätte man da früh gehandelt und die ersten paar Tiere getötet, hätte man das Sterben vieler hunderter roter Eichhörnchen verhindern können“, erklärt Ingolf Kühn.

Ein graues amerikanisches Eichhörnchen, auch Grauhörnchen genannt, sitzt in einem Park. Die Tiere wurden Ende des 19. Jahrhunderts aus Nordamerika nach Großbritannien importiert und werden dort mittlerweile als Plage wahrgenommen, weil sie die Population der roten Eichhörnchen gefährden. Foto: dpa/Tim Brakemeier

Bei den Grundeln haben die Angler am Rhein eine ganz eigene Art, die Ausbreitung einzudämmen. Paniert und in Fett ausgebacken machen die sich nämlich gut als Fischstäbchen-Ersatz.

(dpa)