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Würselen/Aachen: Geklautes Metall längst über der Grenze

Würselen/Aachen : Geklautes Metall längst über der Grenze

Anzeigen wegen Metalldiebstahls sind für die Polizei Alltag geworden. Kabel, Regenfallrohre, sogar Bronzeskulpturen - alles von Wert verschwindet. Doch das, was in der Nacht zum Sonntag auf einem Friedhof in Würselen-Broichweiden geschah, stellt einen traurigen Rekord dar.

Mit roher Gewalt haben sich dort Diebe an 178 Gräbern zu schaffen gemacht. Was sich ohne große Mühe abschrauben ließ, wurde abgeschraubt, anderes kurzerhand abgebrochen oder mit schwerem Gerät vom Sockel geschlagen. Auf Grablampen aus edlen Metallen hatten sie es abgesehen, auch einige bronzene Madonnenfiguren wurden zu ihrer Beute. „In dieser Masse hat es das bislang nicht gegeben”, sagt Paul Kemen vom Polizeipräsidium Aachen.

Der Grund: Die Metallpreise sind nach Angaben des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung (WSM) seit wenigen Monaten auf einem Allzeithoch. 100 Kilo reinsten Kupfers kosten demnach derzeit 650 Euro. Noch vor zwei Jahren lag der Preis nach Angaben des WSM-Rohstoffexperten Andreas Schneider lediglich bei 350 Euro. Eine Preisexplosion um fast 100 Prozent.

„Kauft hier kein Schrotthändler”

Selbst mit den Preisabschlägen, die man beim Schrotthändler für bereits verarbeitetes Kupfer hinnehmen muss, sei das derzeit für Kriminelle ein interessanter Markt. Auch, wenn die in Broichweiden geklauten Grablampen in der Region unverkäuflich sind. „Die kauft hier kein Schrotthändler auf”, sagt Franz Plum. Der 82-jährige Alsdorfer weiß, wovon er spricht. Er hat in seinem Leben nie etwas anderes getan, als mit Schrott zu handeln. In Deutschland gälte die Nachweispflicht. Das heißt, dass Metallhändler von jedem, der ihnen etwas verkauft, die Personalien aufnehmen müssen. Metalldiebe lösen das Pro­blem deswegen gerade in unserer Region jenseits der Grenzen: Schon ein paar Kilometer von Würselen entfernt, in den Niederlanden, nimmt jeder Schrotthändler alles, ohne zu fragen, wer das Metall anliefert. Dort sei die Friedhofsware wahrscheinlich längst. „Wir brauchen eine internationale Nachweispflicht”, sagt Plum.

Auch er ist von der rasant steigenden Diebstahlsrate betroffen. „Von dem, was bei uns gestohlen wird, können drei Familien leben”, schimpft er. Dabei ist sein Betrieb massiv gesichert. Ein Wachdienst schaut nachts nach dem Rechten. Doch immer wieder ist eines seiner Tore aufgebrochen.

„Die Zahl der Vorfälle ist in den vergangenen zwei bis drei Monaten sprunghaft angestiegen”, sagt Polizeisprecher Kemen. Und: Die Diebstähle werden immer spektakulärer, die Täter immer unvorsichtiger angesichts von Hochspannungskabeln oder Gasleitungen und die Gefahr für Unbeteiligte immer größer. Vorige Woche etwa wurden in Aachen in einem stillgelegten Haus Gasleitungsrohre geklaut. Doch der Gashahn war noch nicht geschlossen. Wäre der Gasgeruch nicht früh genug aufgefallen, wäre beinahe ein Straßenzug inklusive zweier Schulen in die Luft geflogen. Die Deutsche Bahn, die mit genügend anderen technischen Problemen zu kämpfen hat, beziffert den durch Kabelklau entstandenen finanziellen Schaden inzwischen auf „zig Millionen”. Erst vor zwei Wochen hatten Kabeldiebe für zehn Stunden die Leittechnik und damit den Bahnverkehr in der gesamten Region stillgelegt.

Hoffnung darauf, viele Täter dingfest zu machen, hat die Polizei nicht. „Diesen Tätern ist schwer beizukommen, weil viel Metall an abgelegenen Orten zu finden ist”, sagt Kemen. Und sei der eine Täter festgenommen, wachse der nächste gleich nach: „Das ist derzeit wie bei den Zähnen im Haifischgebiss.”

In Broichweiden entlädt sich die Wut der Angehörigen über die geschändeten Gräber in Tränen. „Diese Pietätlosigkeit ist furchtbar”, sagt eine ältere Dame. Sie ist entsetzt darüber, dass das Grab ihres Liebsten von Kriminellen nur noch als eines gesehen wird: als eine gute Quelle, um fette Beute zu machen. Auf dem Grab ihres Mannes liegen noch zertrümmerte Teile des Sockels, auf dem eine Grablampe stand. „Die müssen mit dem Hammer auf seinem Grab herumgeschlagen haben. Machen Menschen denn vor nichts mehr halt, um Geld zu machen?”