Aachen: Geistreiche Ideen für leere Kirchen

Aachen : Geistreiche Ideen für leere Kirchen

Die Gerüchteküche kocht im Bistum Aachen. Doch den reihenweisen Verkauf von Kirchen wird es derzeit trotz halb leerer Gotteshäuser und dramatischer Finanzsituation nicht geben.

Aber rund 30 Gemeinden haben gänzlich Neues mit geweihtem Raum vor: Abriss, Verkleinerung, Umwidmung zu Konzerthäusern oder sogar kompletten Wohnkomplexen stehen zur Debatte. Erst eine Pfarrei, St. Martin in Aachen, verhandelt offiziell schon mit potenziellen Käufern.

Genau da, wo vor kurzem noch der Altar stand, spült jetzt ein Klo, daneben liegt die schmucke Küche. Der Blick aus dem Wohnzimmer fällt durch hohe Chorfenster, geschlafen wird in der alten Seitenkapelle.

Vor drei Jahren wechselte die Rheydter Friedenskirche ihren Hausherren. 18 hübsche Wohneinheiten baute die Gemeinnützige Kreisbau Aktiengesellschaft Mönchengladbach in das majestätische, ehemals evangelische Gotteshaus.

Pfarrer Olaf Nöller betont: „Es gab überhaupt keine andere Lösung. Auch für mich war die Aufgabe des Gotteshauses schmerzlich. Aber den Umbau halte ich für äußerst gelungen.” Sämtliche Wohnungen - zwischen 46 und 96 Quadratmeter groß - sind vermietet. Ein Modell für das Bistum Aachen?

Nur noch etwa zwölf Prozent der Katholiken sitzen regelmäßig auf den halb leeren Kirchenbänken, die finanzielle Lage ist angesichts horrender Kirchensteuer-Ausfälle dramatisch.

Etwa 30 Gemeinden des Bistums Aachen denken über eine - wie auch immer geartete - Umstrukturierung ihrer geweihten Immobilien nach. Gleichzeitig brütet eine Kommission im Generalvikariat über einem neuen Regelwerk: Welche Richtlinien sollen für Verkauf, Vermietung oder Umnutzung gelten?

„Klar ist, dass wir uns weder eine Diskothek noch ein Einkaufszentrum in Kirchenräumen vorstellen können”, erklärt Bistumssprecher Jobst Rüthers. Gewünscht sind Investoren, die Museen, Bibliotheken, Ateliers, Konzertsäle oder auch Mietwohnungen in die Gotteshäuser bauen.

Beispiele gibt es zuhauf: Die Benediktiner-Abtei in Kornelimünster begrenzt den Gebetsraum mit einer Glasfront auf die Chorhalle und will das Hauptschiff als Seminarraum anbieten.

Vom alten Klostergebäude, dessen Unterhalt Unsummen verschlingt, möchte man sich trennen, bestätigte Pater Oliver. Mit den Fachhochschulen in Aachen und Wuppertal entwickelten die Aachener Gemeinden St. Elisabeth und St. Josef eigenständige Konzepte: Die einen möchten eine Bücherei im Kirchenraum installieren, die anderen mehr Gemeindeaktivitäten in der Kirche zentrieren, um andere Pfarrgebäude aufgeben oder vermieten zu können.

St. Peter geht noch weiter: Dort befindet sich das Pfarrbüro seit Juli 2002 direkt unter der Orgelempore - der Blick vom Schreibtisch inklusive Computer fällt durch eine Scheibe direkt auf das Taufbecken.

Doch St. Peters „Projektgruppe Kirchenraum” will noch mehr. „Denkbar ist alles, wozu man einen großen Raum braucht”, sagt Peter Grube, Geschäftsführer im Kirchenvorstand. Ein Sinfonie-Orchester könnte hier proben. Nur noch 60 bis 80 Gläubige füllten bei Messen die derzeit 380 Sitzplätze des Gotteshauses. Zu wenig.

Andere Aktivitäten könnten - wenn die Finanzierung steht - weit mehr Publikum nach einem Umbau anlocken . . .

500 Sitzplätze und 120 Gottesdienstbesucher verbucht St. Martin. Die sollen ins umgebaute Pfarrgemeindehaus umziehen, wenn ein Käufer für den eher schmucklos mit Eternit-Platten verkleideten Kirchenbau aus den 50er Jahren gefunden ist.

Doch: „Bevor hier ein getränkelager oder eine Disko entsteht, wird die Kirche abgerissen”, betont Heinz Zohren, Verwaltungsleiter der Pastoral-Gemeinschaft Aachen-Nord. Die nach dem Krieg nur halbherzig geflickten Gotteshäuser jüngeren Datums machen dem Generalvikariat mehr Sorgen als die soliden Bruchsteinbauten der Eifel.

„Die Instandhaltung jeden Kubikmeters umbauten Raums koste die Kirche sechs Euro”, rechnet Elmar von Reth vor. Der Leiter der Bauabteilung im Bistum sieht in den „riesigen Kirchen” in Viersen, Krefeld und Mönchengladbach die kostspieligsten Haushaltsposten.

Dass Kirchen deswegen aber dutzendweise verkauft werden, hält er für ausgeschlossen.

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