Merzenich/Aachen: Geisterfahrer-Prozess: Ein Lebensmüder und zwei Leichen

Merzenich/Aachen : Geisterfahrer-Prozess: Ein Lebensmüder und zwei Leichen

Im September wird am Landgericht Aachen einer der seltsamsten Mordprozesse beginnen, die es jemals in der Region gegeben hat. Auf der Anklagebank wird dann der 47 Jahre alte Charles T. aus den Niederlanden sitzen, er wird sich wegen zweifachen Mordes und sechsfachen versuchten Mordes zu verantworten haben, so steht es in der Anklageschrift der Aachener Staatsanwaltschaft. Dabei hatte Charles T. nach allem, was man weiß, nur vorgehabt, einen einzigen Menschen zu töten: sich selbst.

Als die Kölner Autobahnpolizei am späten Vormittag des 20. Januar, einem Freitag, die ersten Meldungen über einen schweren Unfall auf der A 4 verbreitete, war sofort klar, dass etwas Ungewöhnliches geschehen sein musste. Unfälle auf der A 4 sind leider keine Seltenheit, aber dass jemand absichtlich in den Gegenverkehr steuert, ist ungewöhnlich.

Die Polizei sprach von „einem Trümmerfeld“: Die A4 am 20. Januar um 11.30 Uhr. Etwa 40 Stunden später fuhr auf demselben Abschnitt ein zweiter Falschfahrer. Zum Glück endete diese zweite Falschfahrt ohne Unfall. Foto: Gerres

Der Abschiedsbrief

Es dauerte nicht lange, bis die Polizei den Hergang des Unfalls rekonstruiert hatte. Zunächst war Charles T. über die Abfahrt Merzenich falsch auf die A 4 aufgefahren. Auf dem Standstreifen war er eine Weile dem Richtung Aachen rollenden Verkehr entgegengefahren und zwischen den Abfahrten Merzenich und Elsdorf unvermittelt in den fließenden Verkehr gezogen. Der Ford von Charles T. kollidierte frontal mit einem Sattelschlepper.

Der Ford wurde durch die Wucht des Aufpralls über die mittlere Spur hinweg auf den linken Fahrstreifen geschleudert, wo er frontal mit einem in Siegburg zugelassenen Audi zusammenstieß. Der 76 Jahre alte Audi-Fahrer starb noch an der Unfallstelle, seine 59 Jahre alte Beifahrerin wurde lebensgefährlich verletzt, ebenso wie der Falschfahrer Charles T. Sein Ford wurde vollkommen zerstört und in der Mitte auseinandergerissen. Durch umherfliegende Autoteile wurden zwei weitere Menschen leicht verletzt. Im Laufe der Ermittlungen fand die Polizei einen Abschiedsbrief im Wrack des Niederländers.

Drei Wochen später starb auch die 59 Jahre alte Beifahrerin in einem Krankenhaus, Charles T. wurde weiter auf einer Intensivstation behandelt. Weil er den Tod anderer Menschen zwar nicht geplant, aber bei seinem Selbstmordversuch immerhin billigend in Kauf genommen hatte, leitete die Aachener Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes gegen T. ein.

Als der Niederländer die Intensivstation verlassen konnte, eröffnete ihm ein Richter den Haftbefehl. Seitdem liegt er in einem Justizvollzugskrankenhaus bei Unna. Zunächst sah es nicht danach aus, als würde Charles T. jemals wieder gesund genug werden, um tatsächlich vor Gericht gestellt zu werden. Doch wie die Aachener Staatsanwaltschaft am Donnerstag auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte, habe ein Gutachter Charles T. für verhandlungsfähig erklärt.

Charles T. ist verheiratet, Kinder hat er keine, Vorstrafen sind nicht bekannt. In seinem Abschiedsbrief dankte er mehreren nahe Angehörigen, er schrieb von „einer ausweglosen Situation“. Worin die Ausweglosigkeit bestand, sei in dem Brief nicht erwähnt gewesen, sagte Jost Schützeberg, Sprecher der Aachener Staatsanwaltschaft. Sein Motiv sei letztlich unklar geblieben. Bekannt sei lediglich, dass T. zwei nahe Angehörige durch Suizid verloren habe.

Der Prozess vor der Schwurgerichtskammer des Aachener Landgerichts beginnt am 18. September.

Zweiter Fall, zweiter Falschfahrer

Kaum 40 Stunden später, die Ärzte kämpften auf der Intensivstation um Charles T.s Leben, wurde der Polizei in der Nacht von Samstag, 21., auf Sonntag, 22. Januar, ein weiterer Falschfahrer gemeldet, und zwar auf genau dem gleichen Abschnitt der A 4, auf dem Charles T. am Freitag zuvor den schlimmen Unfall herbeigeführt hatte. Der Polizei gelang es, am Autobahnkreuz Kerpen schnell eine Barrikade zu errichten. Als der Falschfahrer die Barrikade erreichte, wendete er auf der Autobahn und fuhr zurück in Richtung Düren.

Die Polizei fand das Auto des Falschfahrers erst am Tag darauf, die Ermittlungen ergaben, dass es sich um einen Firmenwagen handelte. Die Firma gab Auskunft darüber, wer das Auto in der Nacht auf den 22. Januar gefahren hatte, die Polizei weiß also, wer der Fahrer war. Bislang konnte er allerdings nicht belangt werden, wie die für diesen Fall zuständige Kölner Staatsanwaltschaft am Donnerstag auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte. Auch die Motive des Mannes seien bislang völlig unklar, weil er nicht habe vernommen werden können. Denn der Mann hat seinen Wohnsitz, genau wie Charles T., in den Niederlanden. Ob es jedoch einen Zusammenhang zwischen den beiden Falschfahrten gibt, ist im Moment völlig unklar.