Neue Leiterin der Bischöflichen Akademie: Gegen Tabus, ganz offen, nicht klerikal

Neue Leiterin der Bischöflichen Akademie : Gegen Tabus, ganz offen, nicht klerikal

Sterbehilfe – spontan nennt sie dieses Thema auf die Frage, worum sich die Bischöfliche Akademie zu kümmern hat. Christiane Bongartz ist seit zwei Monaten Direktorin des Hauses an der Aachener Leonhardstraße.

„Beim Thema Sterbehilfe ist es die Aufgabe einer Bischöflichen Akademie, die Frage zu stellen, welche Positionen verständlich und menschenfreundlich sind und wo die Kirche da steht“, sagt Bongartz im Gespräch mit unserer Zeitung. „Es geht darum, wie sehr wir uns als Akademie und damit als Teil der Kirche für drängende Lebens- und Gesellschaftsfragen wirklich interessieren.“

Wird die Kirche noch verstanden?

In ihrer Akademie gibt es nach Aussage von Bongartz keine Denkverbote. „Hier kann alles diskutiert werden. Wir sind offen.“ Das ist ihr wichtig, „denn das Image der katholischen Kirche ist ja nicht mehr so gut, dass man uns das unbedingt abnimmt. Das ist ein echtes Problem. Wir sind in einer schwierigen Zeit.“ Wie kommt die Kirche da heraus? „Das hängt davon ab, ob der Klerikalismus überwunden werden kann“, sagt sie. „Aber ich glaube, dass wir alle, die in der Kirche arbeiten, diesen Klerikalismus – mal mehr, mal weniger – in uns tragen.“

Es stellt sich die Frage, ob die Stimme der Kirche gehört wird, ob deren Position nachvollziehbar ist; schließlich hat selbst Aachens Bischof Helmut Dieser gesagt, die Sprache der Kirche sei „fremd, antiquiert, langweilig“. Bongartz bezieht diese Aussage vor allem auf die Sprache der Liturgie und auf Predigten. „Ich kenne viele Seelsorgerinnen und Seelsorger, für die das nicht gilt, weil sie einfach für Menschen da sind, wenn diese ein Gespräch oder eine Begegnung suchen.“

Offenbarung und Vernunft sind für Bongartz die zwei Stränge katholischer Tradition. „Katholischer Glauben beinhaltet stets das, was geoffenbart ist und was die Vernunft bestätigen kann. Beides ist nötig. Der Mensch soll seinen Verstand gebrauchen; darauf kommt es uns in der Akademie an.“ Aus der Spannung zwischen Offenbarung und Vernunft heraus müsse die Kirche ihre Inhalte anpassen. „Darüber müssen wir sprechen. Bestimmte Inhalte des Christlichen sind vielfach nicht mehr nachvollziehbar.“ Bongartz bringt es auf den Punkt: „Ist die Kirche dabei, sich in eine Sonderwelt zu verabschieden?“ Darin sieht sie das eigentliche Problem. „Das Problem sind Sprachtabus – zum Beispiel das Thema Homosexualität.“

Die Bischöfliche Akademie hat bis Weihnachten eine Ausstellung über die weltweite Diskriminierung und Verfolgung von Homosexuellen auch durch die Kirche gezeigt. „Das ist intern durchaus umstritten. Es ist aber genau unsere Aufgabe, das zu thematisieren, was mit Tabus belegt ist. Insofern ist die Ausstellung Teil unserer Arbeit, die wir aber umfassender begreifen: An einer Gesellschaft mitzuwirken, in der jede und jeder in Freiheit und Würde leben kann.“ Bongartz plädiert dafür, ohne Tabus, ganz offen über die
Sexualmoral und die Haltung der Kirche gegenüber Homosexuellen zu sprechen. Und sie hält es durchaus für möglich, dass ein Priester homosexuelle Paare segnet, wenn die das ausdrücklich wünschen.

Bongartz sieht ihre Kirche nach dem wissenschaftlich dokumentierten und analysierten Missbrauchsskandal vor einem Paradigmenwechsel. „Und ich glaube, dass das in der Kirche noch nicht alle begriffen haben.“ Sie versteht die Akademie als Brücke zwischen Kirche und Gesellschaft; und da ist derzeit viel zu überbrücken. Die Bischöfliche Akademie will ein breites Publikum ansprechen, das das gesamte religiöse und nichtreligiöse Spektrum umfasst.

Das Wissen über Religion und Kirche schwindet seit Jahrzehnten rapide. Was Begriffe wie Erlösung oder Gnade bedeuten, kann die Kirche kaum noch verständlich machen. Basiskurse in Glaubensfragen anzubieten, theologische Grundfragen zu behandeln und Religion zu erklären, darin sieht Bongartz aber nicht die eigentliche Aufgabe ihres Hauses. Trotzdem weiß sie um die Notwendigkeit, die Haltung der Kirche zu erklären.


Wie wird das Programm gestaltet?


In den kommenden Wochen und Monaten bietet die Akademie Tagungen an über die „heilsame Kraft innerer Bilder für unsere Gesundheit“, meditativen Tanz unter dem Motto „Das, was durchscheint durch das, was erscheint“, „Bogenschießen in der Tradition des Zen“, „Heilende Früchte in Märchen“, „Bildhauerei verstehen“ und vieles mehr. Ob das Spektrum in der Form relevant ist, will Bongartz mit ihren Dozenten beraten. „Wir brauchen eine gute Mischung, die nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Fragen stellt.“ Wie das Programm gestaltet wird,
„darin sind wir gemäß unserem Auftrag wirklich ganz frei in der Wahl der Themen und Formate“.

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