Annes Welt: Gebrauchsspuren der Schönheit

Annes Welt : Gebrauchsspuren der Schönheit

Schönheit reicht, um ins Auge zu fallen, aber man braucht Charakterstärke, um im Gedächtnis zu bleiben. Die habe ich, aber hallo: Dass ich nach dem morgendlichen Blick in den Spiegel überhaupt noch weitermache, zeugt wirklich von innerer Größe.

Schönheit macht das Leben schöner. Und bei mir ist da noch Luft nach oben. Das sagen übrigens 80 Prozent aller Frauen.

Ich meine, klar, leichte Gebrauchsspuren gehören zum Leben dazu. Aber, dass beim Älterwerden die Sinnesorgane immer weniger funktionieren, die Natur uns dafür aber mit immer mehr Haut beschenkt, finde ich doof. Also ich kann schon jetzt manche Körperteile nicht mehr unbefestigt mit mir rumtragen: Wenn ich morgens im Schlafanzug die Treppe runterlaufe, klatschen meine Oberschenkel Applaus. Und teurer wird’s auch! Und nicht nur durch mehr Fläche. Meine Haut ist nach dem Duschen immer so durstig, dass ich aufpassen muss, dass die sich nicht die Bodylotion mitsamt der Flasche reinzieht.

Für meine Mundwinkel wünsche ich mir den Ausstieg aus der Schwerkraft: Ich müsste permanent einen Kopfstand machen, um meinem Gegenüber das Gefühl zu geben, ich würde lächeln. Und meine Oberlider legen sich mittlerweile über meine Augen, wie die Markisen eines in die Jahre gekommenen oberengadiner Grandhotels über seine Jugendstilfenster. Ich sehe dann aus wie Garfield in müde.

Daher bin ich auch immer sofort am Start, wenn ein Kosmetikkonzern mal wieder ein neues Produkt für straffere Haut raushaut. Mein Bad ist ein Mahnmal meiner Gutgläubigkeit. Und wenn ich verreise, dann tue ich das nicht mehr mit einem Kulturbeutel, sondern mit einem kompletten Drogeriemarkt-to-go.

Die Creme, die ich neulich geschossen habe, versprach mindestens 20 Jahre jünger zu machen. Für mich pures Lebensglück – für meine Tochter höchste Lebensgefahr. Sie ist nämlich letzte Woche gerade mal 19 geworden.

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