Aachen: Gamescom: Die Zukunft ist zentimeterweit entfernt

Aachen: Gamescom: Die Zukunft ist zentimeterweit entfernt

Die Langeweile steht in der Warteschlange immer einen Platz hintendran — und nach spätestens 20 Minuten hat sie aufgeholt. Das ist auf der Gamescom offenbar nicht anders als auf dem Amt. Einigermaßen kurios, schließlich dreht sich die Messe in Köln um Videospiele und damit per Definition um Unterhaltung.

Die Messe hält Besucher in einem Kokon aus bunten Lichtern, fantastischen Kreaturen und markerschütternden Bässen gefangen. Viele Gamer schaffen sich Abhilfe, haben immer Spiele in der Tasche auf dem Smartphone. Und so sind nicht Konsolen- oder Computer-, sondern Handyspiele die vermutlich meistgezockten Titel auf der Gamescom. Erscheint wie eine übertriebene Annahme? Vielleicht.

Kein namhafter Entwickler oder Publisher will es sich leisten, dieser Messe fernzubleiben. 800 Aussteller aus mehr als 40 Ländern zeigen in diesem Jahr noch bis zum 9. August auf Tausenden PCs, Konsolen und mobilen Geräten ihr Lineup. Das sind 100 mehr als noch 2014. Im vergangenen Jahr kamen rund 335 000 Menschen, um Geschäfte zu machen oder sich umzuschauen.

„Next Level of Entertainment“ („Nächste Stufe der Unterhaltung“) lautet das Leitthema 2015. Es bezieht sich vor allem auf neue Spiele, die mehr von der Leistung abrufen, die in den Konsolen der neuen Generation — Xbox One, Playstation 4 und Wii U — steckt. Laut dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) liegt der Grund darin, dass neue Titel mittlerweile nur noch für die aktuellen Systeme hergestellt werden und nicht mehr auf den Vorgängerkonsolen laufen müssen.
Dicke Auflösung muss sein

Halle 9.1, 14.45 Uhr: Vor der Schlange der Bude zum Spiel „Homefront: The Revolution“ eskaliert die Lage. Revolutionäre stürmen aus der Reihe wartender Menschen, werden aber von einer bewaffneten Truppe niedergerungen und weggeschleppt. Die Lage eskaliert alle paar Minuten. Es sind Darsteller, die mit dem kleinen Schauspiel Leute aufmerksam machen und die Wartezeit verkürzen sollen. Und das natürlich im Stile des Spiels, das — der Name verrät es — von einer Revolution handelt. Schwer zu erkennen bleibt, ob die Gesichter der Wartenden nun Belustigung oder Fremdscham zeigen.

Was viele jener wartenden Spieler von einem aktuellen Spiel erwarten, das wird „Homefront“ ihnen bieten, wenn es 2016 in die Läden kommt: grafische Opulenz. Fotorealistische Darstellung und Bewegung, mindestens in voller HD-Auflösung und mindestens auf 60 Bildern pro Sekunde. Sind es weniger, fällt das vielen Zockern schon als leichtes Ruckeln auf. Die von der Realität kaum zu unterscheidenden digitalen Welten sind allerdings noch nicht auf breiter Basis näher an die Spieler herangerückt.

Das betrifft die seit mehr als einem Jahr angekündigte Zukunft der Videospiele, die Virtual Reality (VR). Sie schleicht sich eher ein, als dass sie die Szene mit wehenden Fahnen erobert. Auf der Gamescom finden sich etliche Titel, die für die sogenannten „Head-Mounted Displays“, Brillen mit eingebauten Bildschirmen, entwickelt wurden oder zumindest eine entsprechende Spieloption anbieten. Games flimmern dann nicht mehr 30 bis 50 Zentimeter vom Spieler entfernt auf üblichen Computerbildschirmen, sondern auf zwei Displays direkt vor den Augen. Bewegt sich der Kopf, ändert sich auch der Blickwinkel im Spiel. Genau wie in der Realität.

Zwar haben bisher schon einige Enthusiasten die Möglichkeiten genutzt, sich Vorabversionen solcher VR-Brillen, die eigentlich für Entwickler gedacht sind, zu besorgen. Mehr Dynamik in diesem Segment wird freilich erst dann entstehen, wenn die am sehnlichsten erwarteten Brillen — Oculus Rift, Project Morpheus von Sony und HTC Vive von HTC und Valve — zu haben sind. Als erste soll im Frühjahr 2016 die Oculus Rift in den Regalen liegen.
Halle 6.1, nach 17 Uhr: Vor einer Bühne haben sich mäßig viele Menschen versammelt.

Die meisten sind schon den ganzen Tag auf der Messe und müde. Offenbar ist die Lust überschaubar, sich in diesem Zustand von treibenden Beats eines DJ und wilden, beruflich gut gelaunten Tanzprofis in schrillen Klamotten mitreißen zu lassen. Entsprechend schwer fällt es den Animateuren des beworbenen Spiels „Just Dance 2016“, Mittänzer für den Lohn einiger Fanartikel auf die Bühne zu locken.

Die nicht nur für die Ohren laute Methode, auf ein Spiel aufmerksam zu machen, ist „Just Dance“ nicht exklusiv. In der Regel schreien die Moderatoren aber in wahrhaftige Menschenmassen vor ihrer Bühne. Ein Mauspad, T-Shirt, ein USB-Stick bis hin zum komplett neuen Computer als Give-away — da kreischen Messebesucher auch mal für Spiele, die sie am Computer zu Hause nicht unbedingt feiern.

Die großen Shows auf der Games-com sind den Hochglanzproduktionen der Branchenriesen vorbehalten: Blockbustern wie dem gerade angekündigten „Mafia 3“ oder „Star Wars: Battlefront“ (siehe Leiste rechts). Noch ist es kaum vorstellbar, dass Spiele-Apps für Smartphones einen ähnlichen Hype erfahren. In Stein gemeißelt ist das aber keinesfalls.

„Spiele-Apps sind der Treiber des Mobile-Booms“, sagt Maximilian Schenk, Geschäftsführer des BIU. Deutschland sei der zweitgrößte Spiele-App-Markt Europas und Nummer sieben in der Welt.
Insofern sind Handyspiele vielleicht nicht die meistgezockten Spiele auf der Gamescom. In der Videospielszene sind sie aber längst angekommen. Alle Infos zur Gamescom auf: www.gamescom.de

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