Köln: Gamescom 2018: Willkommen in der größten Spielhalle der Welt

Köln : Gamescom 2018: Willkommen in der größten Spielhalle der Welt

Gezielt dreht er den Joystick von links nach rechts. Der Bildschirm des Arcade-Automaten spiegelt sich in seinen Brillengläsern. Der Mann ist angespannt, seine Augen kneift er angestrengt zusammen. Dann ein lautes Seufzen. „Game Over“ ist nun in Großbuchstaben auf dem Bildschirm zu lesen, wo vorher noch ein kleines verpixeltes Männchen auf und ab gesprungen ist. Dazu erklingt im Hintergrund ein Trauermarsch, stilecht als 8-Bit-Musik.

Nein, es ist nicht das Jahr 1980. Das zeigt das Plakat eines aktuell heiß ersehnten Konsolenspiels im Hintergrund des Automaten: Fifa 2019, der Gamescom-Award-Gewinner als bestes Sportspiel.

Auf der Gamescom in Köln wollen Hundertausende Menschen die neusten Videospiele austesten, dafür warten sie auch schon einmal mehrere Stunden (kleines Bild). Foto: Schwark

Willkommen auf der Gamescom in Köln, der größten Spielhalle der Welt, die noch bis Samstag geöffnet ist. Hier treffen Gegensätze aufeinander. Wie etwa der scheinbar veraltete Arcade-Automat, an denen wohl einige Anwesenden viele Stunden ihrer Kindheit verbracht und den Großteil ihres schmalen Taschengeldes verspielt haben. Nur eine Messehalle weiter tauchen die Besucher in eine komplett andere Welt ein. Mit einer hochauflösenden Grafik steigt hier das neue Spiderman-Spiel des japanischen Großunternehmens Sony in den Ring. Erst auf den zweiten oder dritten Blick wird klar, dass es sich um ein Spiel handelt und eben nicht um eine der vielen Realverfilmungen. Nicht umsonst erhält der Marvel-Klassiker in seinem neuen Gewand die Auszeichnung als bestes Playstation4-Spiel des Jahres.

Großer Andrang: Besucher der Gamescom 2018 warten darauf das Videospiel „Battlefield 5” zu spielen. Foto: Christophe Gateau

Es wäre kein fairer Kampf zwischen Spiderman und dem kleinen Pixel-Männchen, stehen doch mehrere Jahrzehnte ausgetüftelter Entwicklungszeit zwischen den Programmen. Aber sie ergänzen sich Seite an Seite bestens. Das heißt: Retro-Spiele boomen. Nicht umsonst warf Nintendo zuletzt noch einmal seine Klassiker-Konsolen in Form einer komprimierten Neuauflage auf den Markt. Ob Nintendo Entertainment System (NES) oder seinen Super-Nachfolger, die alten Konsolen brachten noch einmal ordentlich Geld in die Kassen.

An den Ständen gibt es für die Besucher einiges zu sehen. Foto: Oliver Berg/dpa.

Aber nicht nur Nintendo kramte in seinen alten Datenbanken — das galt auch für andere Unternehmen wie etwa Atari, dem Retro-Spezialisten schlechthin. Sonic, Pong, Qbert — auf der Gamescom findet der Besucher sie alle in der Halle 10.2 im Retro-Gaming-Bereich.

Die Besucher warten für die Gamescom gut und gern mehrere Stunden. Foto: Oliver Berg/dpa

Ein Spiegel der Gesellschaft

Die Gamescom ist aber nicht nur eine Zeitmaschine. Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft. Spätestens jetzt, am zehnten Geburtstag der Messe, ist klar, dass Videospiele nicht mehr nur von Kindern und Nerds gespielt werden. Sie sind alltagstauglich und in vielen Haushalten in die Freizeitgestaltung integriert. Passend dazu ist das diesjährige Motto: „Vielfalt gewinnt“. Damit ist nicht nur die Vielfalt im Videospielregal gemeint, sondern auch der „Zocker“ an sich. Das wird auf dem Kölner Messegelände deutlich. Während einige Männer in Businessanzügen herumlaufen, haben ein paar Meter weiter Costplayer, die wie Videospielcharaktere angezogen sind, ihren Spaß.

Doch zu viel Vielfalt hat auch ihre Tücken. Wer ohne Plan zur Games-com anreist, der hat schon verloren. Schneller als ihnen lieb ist, können Besucher den Überblick verlieren. Kein Wunder, auf 200.000 Quadratmetern, das sind knapp 28 Fußballfelder, wollen etwa 1000 Aussteller ihre Produkte präsentieren. Rekordzahlen. Eine reine Messe für Computer-Nerds ist die Gamescom schon länger nicht mehr. Zu viel wird auf das Drumherum geachtet. Vielmehr ist sie ein Event — oder eher eine große, mehrtägige Party. Im vergangenen Jahr wollten mehr als 350.000 Menschen auf dieser Party mitfeiern. In diesem Jahr werden ähnliche Zahlen erwarten, wenn nicht sogar mehr. Um die Party am laufen zu halten, lassen sich Veranstalter und Aussteller einiges einfallen. So gibt es bereits ab dem ersten Tag, der für Presse und Fachbesucher vorgesehen ist, große Bühnen auf denen bei lauter, basshaltiger Musik sogenannte Giveaways in die Menge geworfen werden. Das sind etwa Schlüsselanhänger, Schweißbänder oder sogar T-Shirts. Oder der Besucher wird direkt in Turniere eingebunden, etwa bei den Videospielen Call of Duty: Black Ops 4 (Gamescom-Award: Bestes Social/Online-Spiel) oder Fortnite.

Großer Gewinn für Köln

Erst seit 2009 gibt es die Gamescom in Köln. Sie löste die Games Convention in Leipzig ab, die während ihres ersten Jahres gerade einmal 80.000 Besucher hatte. Doch schnell entwickelte sie sich neben der Electronic Entertainment Expo (E3) und der Tokyo Game Show zu einer der wichtigsten Videospielmessen der Welt. In ihrem letzten Jahr (2008) kamen bereits 203.000 Menschen. Dann der Cut: Ein herber Schlag für Leipzig, ein großer Gewinn für Köln. Seitdem ist die Messe stark gewachsen. „In so einer schnellen Branche kann man nie zehn Jahre vorausschauen. Aber wir hatten damals eine Vision“, sagt Tim Endres von der Koelnmesse.

Wachstum. Das gilt vor allem für einen Bereich in der Videospielszene: eSports, also Turniere auf der Konsole. Immer mehr Menschen haben schon einmal von den professionell geführten Wettkämpfen gehört, zeigt eine aktuelle Studie. Die Hauptzielgruppe seien junge, gut ausgebildete Männer. Trotzdem steige der Bekanntheitsgrad in der Altersgruppe 65+ enorm — ein Viertel der Befragten in dieser Altersgruppe konnten etwas mit dem Begriff anfangen. So wächst auch der Markt: In Deutschland werden bis 2020 Umsätze von etwa 130 Millionen Euro erwartet.

Wie beliebt die bekannten eSports-Spiele sind, können Besucher der Gamescom hautnah erleben. Endlos scheinende Schlangen bilden sich hinter den neusten Spielversionen von Fifa, Pes, League of Legends oder Fortnite. Schilder zeigen hier Wartezeiten von bis zu neun Stunden an — für ein paar Minuten Spielvergnügen!

Spektakuläres Abenteuer

Was weiterhin auf der Messe auffällt: Viele neue Videospiele setzen auf alte Zeiten. Nicht grafisch, aber geschichtlich. So können sich Fans der Assassin‘s-Creed-Reihe auf ein spektakuläres Abenteuer in die Zeit der Gladiatoren freuen. Auch Strategie-Liebhaber kommen bei Anno 1800 auf ihre Kosten.

Den Hype nutzen aber nicht nur Spielehersteller. Eines der vielen Events auf der Gamescom ist das Finale des Madden-Supercups. „seatplayz“ und „Olli“, die besten Spieler der American-Football-Simulation auf den Konsolen Xbox und Playstation4 bei einem Online-Vorturnier, treten auf großer Bühne an diesem Tag gegeneinader an. Ins Leben gerufen wurde das neue Event von „Ran“, dem Markennamen für Sportsendungen der TV-Sender Sat1 und Prosieben, die gleichzeitig auch die deutschen Übertragungsrechte für die National Football League (NFL) halten. So wird nicht — wie noch einige Jahre zuvor — versucht, Werbung für die Videospiele durch eine Sportart zu schalten, sondern genau andersherum. Das sagt schon viel über den Stellenwert des eSports in Deutschland aus.

Nur im Retro-Bereich in der Halle 10.2 scheint die Party noch nicht angekommen zu sein. Dort ist auch von ewig langen Warteschlangen nichts zu sehen. Die Zeit ist hier an vielen Stellen stehengeblieben. Das tut der Messe gut. Einmal durchatmen zu können, ohne von all den Reizen überflutet zu werden. Es gibt nur das schon fast beruhigende Flackern des Bildschirms in den eigenen Augen. Und dann kann es weitergehen zu den großen Bühnen, der lauten Musik und den vielen grellen Lichtern. Eines gilt am Ende eines langen Messetags für alle, ob Retro-Liebhaber oder Grafik-Fanatiker: Game Over.

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