Aachen: Future-Lab-Gala im Stadttheater: Forscher bringen das Herz zum Platzen

Aachen : Future-Lab-Gala im Stadttheater: Forscher bringen das Herz zum Platzen

Die Zeiten, in denen Forscher ihr Dasein klischeehaft in dunklen Laboren fristeten, dicke Hornbrillen und eine zerzauste Frisur trugen, sind gewiss vorbei. Trotzdem gilt die Wissenschaft auch heute noch als eher trockenes Metier.

Dass das auch anders, dass Forschung realitätsnah und interessant sein kann, davon konnten sich die rund 750 Besucher der zweiten Future-Lab-Gala im ausverkauften Theater Aachen am Dienstagabend überzeugen.

Unter dem Motto „Kunst des Fortschritts“ galt es laut Moderator Bernd Büttgens, die Menschen hinter der Forschung in den Vordergrund zu stellen und Begegnungen der unterschiedlichen Disziplinen zu schaffen.

Kann man mit Löwenzahn Rückenschmerzen heilen? Gibt es die Formel für eine glückliche Partnerschaft? Und wie legt ein Hacker industrielle Anlagen lahm? Darüber klärten Fachkundige der Aachener Hochschulen auf. Anschaulich und allgemeinverständlich sollten die Vorträge sein, so Büttgens, der auch Teil des Organisationsteams war.

Naturprodukte in der Medizin

Diesem Anspruch wurde Prof. Stefan Jockenhövel von der RWTH Aachen schon direkt zu Beginn seiner Präsentation gerecht. Mit einem Glas voller Löwenzahn in der einen und einem Behälter voller Krabben in der anderen Hand schritt er auf die Bühne. „Lernen von der Natur für die Medizintechnik von morgen“ lautete sein Vortrag, in dem er beantwortete, warum Löwenzahn für die Schmerztherapie erforscht wird. Einen Naturkautschuk, erzeugt aus dieser Pflanze, aus dem man unter anderem Autoreifen herstellen kann, gibt es bereits. Mit seinem Team arbeitet Jockenhövel nun daran, ein injizierbares Material herzustellen, das man zur Therapie einsetzen kann. Zur Stabilisierung der Bandscheibe soll es zwischen Knochen gespritzt werden können. In seinem anderen Projekt forscht er daran, wie ein Zwischenprodukt der Krabbenschalen als antibakterielle und weniger keimanfällige Beschichtung von Implantaten für das Herz genutzt werden kann.

Um den abstrakten Begriff Cybersicherheit ging es bei Prof. Marco Schuba und Hans Höfken von der Fachhochschule (FH). Sie erklärten nicht nur, wie Hacker in industrielle Produktionsprozesse eingreifen können — sie führten es gleich live vor. Mit ihrem Laptop verschafften sie sich Zugang zu einem anderen Computersystem. Dieses war mit einer Maschine verknüpft, die ein rotes Luftballonherz mit einer voreingestellten Menge Luft füllte. Schuba und Höfken konnten durch ihren Hack auf das System zugreifen und programmierten es kurzerhand in ihrem Sinne um. Der Kompressor pumpte daraufhin mehr Luft in den Ballon; er platzte. Was diese Präsentation im Kleinen aufzeigte, versuchen unzählige Hacker weltweit täglich bei großen Konzernen und Regierungen: Befehle für Programme ändern. Unlängst geschehen bei CDU-Politikerin Christina Schulze Föcking. Unbekannte hackten sich in ihr privates Smart-TV und steuerten so ihr Fernsehgerät.

Auch das Thema-Emobilität stand auf der Agenda. Prof. Günther Schuh und sein Team der RWTH präsentierten dem Publikum den E.Go. Durch eine Wand aus Nebel wurde das Fahrzeug auf die Bühne gefahren.

Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der für ein Interview bereitstand, zeigte sich beeindruckt von den Projekten der hiesigen Hochschulen. Gleichzeitig sei er erfreut, dass die Einrichtungen auf die Bevölkerung zugingen und ihre Erkenntnisse jedem zugänglich machten. „Als ich Kind war, wusste nicht jeder Aachener, was in den Hochschulen passiert. Das hat sich geändert — und das ist gut“, sagte er.

Gut war auch der Science-Slam von Prof. Christof Schelthoff, Dekan des Fachbereichs Medizintechnik und Technomathematik der FH am Standort Jülich; nicht umsonst erhielt er den meisten Applaus und sogar Jubelrufe. „Mathematik und die Liebe“ war der Slam überschrieben. Er überzeugte das Publikum davon, dass mathematische Formeln auch für lustige und nicht ganz ernst gemeinte Beweise genutzt werden können. Schelthoff stellte die Frage: „Wie laufen eigentlich Funktionen zwischen Männern und Frauen ab?“ Die Antwort lieferte er prompt und präsentierte seine Ergebnisse zu einer „Emotionsfunktion“, die zwischenmenschliche Beziehungen darstellt. Tage im Voraus könne man mit seiner Formel den Gemütszustand von Mann und Frau errechnen. Und er kam zu dem Schluss: „Alles endet in Lethargie, solange wir nichts tun.“

Puppenspiel und Tanz

Für die musikalische und tänzerische Unterhaltung sorgten unter anderem eine HipHop-Crew des Hochschulsportzentrums, die mit wenigen Requisiten kleine Geschichten erzählte, sowie das Ensemble Eikona mit ehemaligen Studierenden der Musikhochschule, die ein Puppenspiel mit klassischer Musik und Gesang kombinierten. Träger der Gala waren die vier Aachener Hochschulen, die RWTH, die Fachhochschule, die Katholischen Hochschule (KatHo) und die Hochschule für Musik, gemeinsam mit der Stadt Aachen. Wenn die Veranstaltung ein Manko hatte, dann war es die Länge. Scherzte der Moderator anfangs mit den Worten „Wir haben da mal was vorbereitet — für die nächsten sechs bis sieben Stunden“, so zählte sie am Ende tatsächlich mehr als vier Stunden. Viele Zuschauer verließen das Theater bereits vorzeitig — was sicherlich nicht der Programmauswahl zuzuschreiben war.

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