Region: Für Elena Garrett bedeutet Aachen Heimat

Region: Für Elena Garrett bedeutet Aachen Heimat

Sie wuchs in Aachen auf, ging hier zur Schule, studierte Gesang und Klavier in Maastricht und lebt inzwischen in Hamburg. Mit dem nach ihr benannten Debütalbum, das am kommenden Freitag erscheint, schickt sich Elena Garrett, die Schwester des bekannten Violinisten, jetzt an, ein neues Deutsch-Pop-Kapitel aufzuschlagen.

Und die Zeichen stehen auf Erfolg. Seit den 80er Jahren wurde die Verbindung zwischen handwerklichem Können und einzigartigem musikalischen Ausdruck, analoger und digitaler Welt, Selbstbehauptung und gleichzeitiger Verbeugung vor den Großen der Musikgeschichte selten mit so viel Herzblut gefüttert wie auf dem Einstiegswerk der 28-Jährigen.

Dass sie die Schwester von David Garrett ist, spielt beim Genuss ihrer liebevoll detailreich komponierten Songs bestenfalls eine untergeordnete Rolle. Schließlich geht es um die Person Elena, die mit ihren geschilderten Lebensrealitäten in Songformen noch ein paar Asse für mindestens drei weitere Alben in der Hinterhand hält. Wie sie zur Popmusik kam und was ihr an Aachen gefällt, erzählt Elena im Interview.

Wie spricht man Sie eigentlich an? Frau Elena?

Elena: Wenn’s Ihnen recht ist, bin ich die Elena, der Einfachheit halber.

Das Einfache ist ein gutes Stichwort. Ihre Songs sind mit Raffinesse arrangiert, ermöglichen trotz intelligenter Texte einen lässig-einfachen Zugang. Lernt man so was an der Musikhochschule in Maastricht?

Elena: Ich habe natürlich eine Menge gelernt während des Studiums in Maastricht, und ich empfinde es als Kompliment, wenn jemand die Mühe heraushört, die ich mir beim Schreiben meiner Songs gemacht habe. Aber ich verstehe Musik nicht verkopft. Gute Popmusik hat für mich immer vor allem den Bauch und die Seele angesprochen.

Bei Ihnen kommen aber Harmonieverständnis und Akkordwechsel dazu, die man nicht einfach mal eben zurechtzimmert, wenn man keine musikalische Ausbildung genossen hat.

Elena: Schön, dass das jemand heraushört. Ich musste gegen etliche Widerstände ankämpfen, um meine Musik so gestalten zu können, dass sie jetzt auch tatsächlich wie meine Musik klingen kann.

Stimmt es, dass Sie kein Management haben, das für Sie das Wort ergreift?

Elena: Ja, das stimmt. Ich arbeitete zwei Jahre lang an meinem Album und es war mir in jeder Hinsicht wichtig, meinen eigenen Weg gehen zu können. Zwar bin ich nicht beratungsresistent, aber ich finde es wichtig, für mich herauszufinden, wie ich meine Ideen realisieren kann. Dazu gehört eben auch zu lernen, für sich selbst einzustehen. Man entwickelt dabei eine Menge Stärke.

Im Song „Sonntag“, einer wortwitzigen Abhandlung über Müßiggang, die eigentlich an den Hip-Hop angelehnt ist, greifen Sie zum Schluss Bach auf. Verbinden Sie Sonntage mit klassischer Musik?

Elena: Ja, Sonntage sind für mich gleich klassische Musik, seit meiner Kindheit. Das geht bei mir soweit, dass ich Sonntage ohne klassische Musik immer noch komisch finde. Meine Eltern hörten ohnehin viel Klassik, aber sonntags gab es eben auch die Möglichkeit, sich auf Musik einzulassen, ohne ständig dabei gestört zu werden. Klassik ist meine früheste musikalische Erinnerung.

Sie bezeichnen sich selbst rückblickend als „schräge Nuss“ während Ihrer Jugend. Was hat Sie derart sonderbar gemacht?

Elena: Na ja, meine Mitschüler konnten nicht viel mit mir anfangen, glaube ich. Die fanden mich komplett abgehoben, weil ich mein Leben der Musik verschrieben hatte und dann auch noch Bundespreisträgerin von ‚Jugend musiziert‘ wurde. Ich war keine Eigenbrötlerin, sondern besaß einen sehr eigenen Kopf und lebte in einer Traumwelt aus Musik, Ballett und hohem Bildungsanspruch. Aber ich hatte wenig Verständnis für das, was um mich herum passierte.

War Musik eine Art Selbstverständlichkeit während Ihrer Kindheit?

Elena: Ja, mein Zimmer im Haus meiner Eltern in Aachen lag direkt über dem Zimmer meines großen Bruders, den ich oft bis in die Nacht hinein Violine spielen hörte. Für mich war es auch selbstverständlich, dass ich zum Schulbeginn bereits fließend Englisch sprach, weil es die Sprache meiner Mutter ist. Ich konnte sogar schon lesen und schreiben, als ich eingeschult wurde. Und dann lernte ich Klavierspielen, stramm klassisch, russische Schule. Der Deutschunterricht in der ersten Klasse war für mich nur Wiederholung, und deswegen schlief ich tatsächlich ein, mitten im Klassenzimmer.

Dennoch haben Sie ein Einserabitur in der Tasche.

Elena: Ich wechselte trotzdem die Schule, und besuchte zunächst das Einhard-Gymnasium und später das Kaiser Karls Gymnasium. Seither zählen zwei Cafés auf der Pontstraße, ganz in der Nähe von Kaiser Karl, zu meinen Lieblingsplätzen in Aachen.

Warum sind Sie vor fünfeinhalb Jahren nach Hamburg gezogen? Ihr Bruder hat Ihnen doch vorgelebt, dass man von Aachen aus Karriere als Musiker machen kann.

Elena: Ich bin nicht der Musik wegen nach Hamburg gezogen, sondern weil dort ein Management-Studiengang angeboten wurde, den es in Aachen nicht gab. Damals zweifelte ich noch daran, ob ich tatsächlich gut genug für eine Musiker-Karriere war und ob ich sie überhaupt anstreben wollte.

Ist Ihre Hinwendung zur Popmusik mit Ihrem neuen Album für Sie auch eine Form der Rebellion gegen die Strebsamkeit Ihrer Jugend?

Elena: Ich habe mich ein Stück weit tatsächlich von mir und meinem früheren Selbstverständnis befreit mit meinem Entschluss, ein Pop-Album aufzunehmen. Musik besitzt ja die wunderbare Eigenschaft, uns daran erinnern zu können, wer wir eigentlich sind.

Ist Elena mit dem Album „Elena“ bei sich angekommen?

Elena: Deswegen habe ich die Platte ja auch nach mir benannt. Es gibt keinen Album-Titel, der weniger ungeschminkt ist als der eigene Name.

Wer ist Elena?

Elena: Gemeine Frage. Ich würde sagen, dass ich eine Musikreisende bin, die sich mit Hilfe der Musik immer wieder neu und anders findet.

Ihr Song „Nie da“, den Sie zusammen mit Flo Mega aufgenommen haben, handelt davon, dass Sie nie da sind, weil sie ständig auf Achse sind. Wie sehen Ihre Reiserouten konkret aus?

Elena: Ich pendel eigentlich seit Jahren in einem Dreieck, das Hamburg, Berlin und Aachen umfasst. Klar, Aachen ist meine Heimat, und ich bin sehr gerne hier. Mein Elternhaus ist hier, und eine Freundin, der ich mich sehr verbunden fühle, lebt hier. Aber mein Lebensmittelpunkt ist inzwischen Hamburg geworden, während in Berlin viele meiner musikalischen Koordinaten zusammenlaufen. Meistens bin ich also „nie da“, wenn man mich sucht.

Aber Sie sind bei sich.

Elena: Wenn ich alte Fotos von mir anschaue, sehe ich ein kleines glückliches Kind mit einem entspannten Lachen. Dieses Gefühl der Leichtigkeit hatte ich zwischendurch verloren. Ich war eine Weile lang ein sehr kopflastiger Mensch. Durch die Arbeit an meinem Album und das völlig freie, unverstellte Songwriting habe ich etwas aus meiner Kindheit wiedergefunden. Ich habe wieder den zuallererst emotionalen Zugang zur Musik wiedererlangt. Die Neugierde, das spontane und wilde Potenzial, das in vielen Arten von Musik schlummert. Die Musik, die Texte auf meinem Album, das bin ich.

Also nicht in erster Linie die jüngere Schwester von David Garrett?

Elena: Zwischen uns war klar, dass ich eigenständig Musik aufnehmen wollte. Ich habe ihn auch nicht um Rat gebeten und ihm nicht mal Songs vorgespielt, wenn er danach fragte. Erst als das Album schließlich fertig war, bekam er es zu hören.

Wie hat er denn reagiert?

Elena: Er findet die Platte sehr gut, was mich wirklich gefreut und auch berührt hat, weil er gar nicht erst versucht hat, mir irgendwie etwas einzureden. Er ist ein sehr respektvoller Mensch, dem im Traum nicht eingefallen wäre, sich auf meiner Platte zu verewigen. Er hat seine Plattform mit seiner Musik bekommen und gesteht mir meine auch zu. Das ist für ihn selbstverständlich.

Treffen Sie ihn manchmal in Aachen?

Elena: Wenn alle drei Geschwister an unterschiedlichen Orten leben und beruflich viel unterwegs sind, kann es sogar passieren, dass einer von uns selbst an Weihnachten nicht dabei ist. Wir sehen uns unregelmäßig in ganz unterschiedlichen Städten. Im Moment würden wir uns gerne mal bei meinem ältesten Bruder in Amerika treffen. Aber ob wir das schaffen, steht noch in den Sternen.

Wann wird das erste Elena-Konzert in Aachen stattfinden?

Elena: Ich möchte gerne sobald wie möglich in meiner Heimatstadt Aachen spielen. Es ist für jeden Künstler das Schönste, ein Homecoming-Konzert zu spielen.

Mehr von Aachener Zeitung