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SPD-Politiker: Früherer NRW-Innenminister Herbert Schnoor gestorben

SPD-Politiker : Früherer NRW-Innenminister Herbert Schnoor gestorben

Der SPD-Politiker Herbert Schnoor war in den 80er Jahren der liberale Gegenspieler des erzkonservativen Bundesinnenministers Friedrich Zimmermann. Doch dann kam das Gladbecker Geiseldrama.

Der Name des am Sonntag im Alter von 94 Jahren gestorbenen SPD-Politikers Herbert Schnoor ist untrennbar mit dem Gladbecker Geiseldrama verbunden. Trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen blieb der NRW-Innenminister 1988 im Amt, gestützt von dem mit absoluter Mehrheit regierenden Ministerpräsidenten Johannes Rau. Es war die persönliche Tragik des liberal denkenden Schnoor, dass er, der immer wieder für ein behutsames Auftreten der Polizei eingetreten war, mit einem zu weichen Einsatzkonzept scheiterte.

Schnoor wurde 1927 in Aurich in Ostfriesland geboren und behielt zeitlebens einen norddeutschen Zungenschlag. Er sprach auch recht flüssig Niederländisch. Nach dem Krieg studierte er Jura. Er arbeitete zunächst als Verwaltungsjurist in Niedersachsen und wechselte dann nach Nordrhein-Westfalen. Seit 1965 SPD-Mitglied, stieg er zum Staatssekretär in dem von Johannes Rau geführten Wissenschaftsministerium und dann zum Chef der Staatskanzlei auf. Nachdem die SPD mit Rau 1980 die absolute Mehrheit errungen hatte, wurde Schnoor Innenminister - ein Amt, das er 15 Jahre bekleiden sollte.

Als 1982 in Bonn die Ära von Helmut Schmidt zu Ende ging und der neue CDU-Kanzler Helmut Kohl eine „geistig-moralische Wende“ ausrief, entwickelte sich Schnoor zum liberalen Gegenspieler der „Law-and-Order“-Politik des erzkonservativen Bundesinnenministers Friedrich Zimmermann (CSU). So lehnte er die von Zimmermann vorangetriebene Verschärfung des Demonstrationsrechts mit großer Entschiedenheit ab. Er war einer der ersten, der sich dafür einsetzte, bei Demonstrationen deeskalierend aufzutreten und die Zusammenarbeit mit den Veranstaltern zu suchen. Auch im Asylrecht vertrat er dezidiert liberale Positionen und machte sich bereits für eine Einwanderungspolitik stark. So wurde Schnoor in Düsseldorf zum wichtigsten Mann nach Rau und gewann bundespolitisches Profil.

Doch dann brach Gladbeck über ihn herein. Am 16. August 1988 überfielen die beiden Gangster Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski in Gladbeck im Ruhrgebiet eine Bankfiliale und nahmen Geiseln. Anschließend flohen sie quer durch Deutschland - live verfolgt von Fernsehen und Radio. In Bremen kaperten sie einen Linienbus; Degowski erschoss den 14 Jahre alten Italiener Emanuele de Georgi, der seine Schwester schützen wollte. Eine weitere Geisel, die 18 Jahre alte Silke Bischoff, wurde am 18. August von Rösner bei einer Polizeiaktion auf der Autobahn 3 bei Bad Honnef erschossen. Das dritte Opfer war ein Bremer Polizeibeamter, der bei dem Einsatz bei einem Verkehrsunfall starb.

Während der Bremer Innensenator Bernd Meyer (SPD) als Konsequenz aus dem Fiasko zurücktrat, blieb Schnoor - mittlerweile auch stellvertretender Ministerpräsident - im Amt. Dabei soll mitgespielt haben, dass andernfalls auch Raus politisches Überleben gefährdet gewesen wäre.

Schnoor sagte später, es habe in seiner Verantwortung keine falschen Entscheidungen gegeben, sondern nur „einen Mangel an richtigen“. Persönlich soll er schwer an seiner Verantwortung getragen haben - man kann wohl sagen, dass das Geiseldrama sein Lebenstrauma geworden ist. 30 Jahre nach dem Geschehen bekannte sich der nordrhein-westfälische Landtag 2018 fraktionsübergreifend zur Mitverantwortung des Landes für die damaligen Einsatzfehler.

Schnoor schied 1995 aus Altersgründen aus dem Amt. Zuletzt lebte er in Brandenburg.

(dpa)