Landgraaf: Friedlich, entspannt und überraschend: Pinkpop 2017

Landgraaf : Friedlich, entspannt und überraschend: Pinkpop 2017

Frieden, Liebe und jede Menge Musik: Das stand beim Pinkpop-Festival am Wochenende im niederländischen Landgraaf im Vordergrund. Beim Auftritt der Imagine Dragons aus Las Vegas am Sonntag wurde das besonders deutlich.

Die Band widmete ihre Songs den Terroropfern von London, die Besucher formten die Finger zu Peace-Zeichen und hielten sie in die Luft. Es war nur einer der vielen besonderen Momente des Festival — auch wenn das Programm in diesem Jahr nicht jeden zufrieden stimmte.

Die musikalische Bandbreite ist beachtlich: Green Day mit Frontmann Billie Joe Armstrong (oben), Teenie-Star Justin Bieber (unten links) und Richard Ashcroft beim Pinkpop-Festival. Foto: Harry Heuts

Grund dafür war vor allem einer: Am Samstagabend ließ es Justin Bieber mit Lasershow, Rauch und Feuerwerk so richtig krachen. Zumindest neben der Bühne. Der Auftritt des 23-Jährigen hinterließ bei zahlreichen Zuschauern eher fragende Gesichter und teilweise sogar Wut. Sätze wie „Was für eine schöne Playback-Show“ und „Den Mangel an Talent muss er mit Licht und Feuerwerk kompensieren“ hörte man nicht nur auf dem Festival-Gelände. Auch in den Sozialen Netzwerken entbrannte eine hitzige Diskussion über den Auftritt des Teenie-Stars. Ist das Experiment also gescheitert?

Die musikalische Bandbreite ist beachtlich: Green Day mit Frontmann Billie Joe Armstrong (oben), Teenie-Star Justin Bieber (unten links) und Richard Ashcroft beim Pinkpop-Festival. Foto: Harry Heuts

„Kein Anlass zur Sorge“

Zeichen des Friedens: Beim Konzert der Imagine Dragons hielten die Zuschauer Peace-Zeichen in die Luft. Foto: Sonja Essers

Nachdem „Rock am Ring“ am Freitagabend wegen Terrorgefahr abgebrochen werden musste, stand für die niederländischen Organisatoren um Jan Smeets schnell fest: Pinkpop findet statt. Es gebe keinen Anlass zur Sorge, hieß es in einem Statement, das noch am Freitagabend in den Sozialen Netzwerken veröffentlicht wurde. Man sei im Vorfeld alle Sicherheitsmaßnahmen gründlich durchgegangen und habe vollstes Vertrauen. Zu einer eventuellen Verschärfung der Maßnahmen gab allerdings keinen Kommentar.

Neben Imagine Dragons heizte auch Amber Run die Menge im niederländischen Landgraaf an. Foto: Sonja Essers

Und wie wirkte sich das auf die Besucher aus? „Die Kontrollen waren ziemlich stark und eigentlich waren wir ziemlich genervt davon. Aber im Grunde ist es besser, wenn es länger dauert und wir alle sicher sind. Und wir fühlen uns hier ziemlich sicher“, sagte eine Besucherin aus Köln. „Man darf nicht daran denken, was am Wochenende in London passiert ist. Sonst nimmt man sich den Spaß an allem, und dann könnten Events wie das Pinkpop gar nicht mehr stattfinden“, meinte eine andere Besucherin aus Baesweiler.

Die Stimmung auf dem Gelände mit insgesamt vier Bühnen war entspannt. Friedlich feierten die Besucher am Samstag zu den Klängen von Rockbands wie den Kaiser Chiefs und Kensington, den Crystal Fighters — die in Indianer-Kostümen die Bühne enterten — oder auch Sänger Richard Ashcroft. Der britische Musiker und ehemalige Sänger der Band The Verve trat unmittelbar vor Hauptact Justin Bieber auf. Während Ashcroft auf der überdachten Brightlands Stage seine „Bittersweet Symphony“ zum Besten gab, setzte der Regen ein. Die erfahrenen Festival-Besucher feierten in bunten Regencapes einfach weiter.

Justin Biebers Auftritt wurde vor allem von etlichen Teenagern, die sich bereits frühzeitig vor der Hauptbühne positioniert hatten, mit Spannung erwartet. Doch der 23-Jährige ließ seine Fans zunächst wortwörtlich im Regen stehen. Um 21.16 Uhr setzte schließlich die Musik ein, zwei Minuten später öffnete sich der Bühnenboden und Bieber wurde aus dem Kellergeschoss direkt auf die Bühne gefahren — in Jogginganzug, mit Sonnenbrille und etlichen Tänzern. Das erste Feuerwerk ging bereits fünf Minuten nach dem Beginn in die Luft.

So ganz bei der Sache schien der 23-Jährige allerdings nicht zu sein. Zuerst verrutschte sein Mikrofon-Sender, den ein Techniker dann richten musste. Zwischen den Songs herrschte größtenteils Stille auf der Bühne. Ansagen? Fehlanzeige! Und wenn, dann trat Bieber damit eher ins Fettnäpfchen und verursachte bei vielen Festival-Besuchern ungläubige Gesichter. „Sei ihr nass geworden?“, fragte er seine Fans auf Englisch und grinste dazu frech.

Absurder war nur noch die Frage: „Wo sind wir hier eigentlich? In Düsseldorf?“ Dort hatte er noch am Nachmittag vor seinem Auftritt mit Kindern auf dem Sportplatz des SC West gekickt und für ziemlich viel Aufruhr gesorgt. Dass er sich am Abend nicht mehr in Deutschland befand, schien ihm nicht ganz klar zu sein. Seine Fans verziehen ihm natürlich sofort und kreischten umso lauter, je näher er dem Publikum kam.

Lasershow und Feuerwerk

Und die Musik? Natürlich hatte der Sänger sämtliche Hits im Gepäck. Darunter auch den Song „Love yourself“, der allein in Deutschland über 600.000 Mal verkauft wurde. Bieber performte dieses Stück ohne viel Schnickschnack. Tänzer und Feuerwerk hatten Pause, während der 23-Jährige die Akustik-Gitarre umschnallte und auf einmal ganz natürlich daherkam. Auch wenn nicht alle Besucher von seinem 90-Minuten-Auftritt begeistert schienen, so hatte der Teenie-Star kurz vor dem Ende seines Konzerts eins geschafft: Er hinterließ einen ganz besonderen Eindruck. So gut wie jeder Besucher sang den Ohrwurm „Baby“ mit und staunte nicht schlecht, als zum Abschluss noch einmal ein riesiges Feuerwerk in den Himmel stieg.

Am Sonntag ging es dann ganz anders zur Sache, der Tag stand im Zeichen des Punk-Rocks. Headliner Green Day gaben direkt zu Beginn ihres rund zweieinhalbstündigen Konzerts die Richtung vor: gegen Homophobie, gegen Donald Trump — und kein Justin Bieber. „I don't say any Justin-Bieber-Shit“, sagte Frontmann Billie Joe Armstrong unter dem tosenden Jubel der Fans. Die US-Musiker zogen alle Register, holten wie immer Fans auf die Bühne und animierten sie zum Stagediving.

Höhepunkt: Der elfjährige Giel konnte beweisen, dass er mehr als drei Akkorde auf der Gitarre spielen kann. Das Instrument durfte er gleich behalten — und konnte es nicht fassen. Green Day war jedoch nicht die einzige Formation, die an diesem Tag Eindruck hinterließ. Auch Künstler wie Birdy und Sean Paul traten auf. Und Imagine Dragons gaben den Besuchern die Losung mit auf den Weg: „Love music, share peace and share love.“

Zum Abschluss des dreitägigen Festivals waren am Schlusstag Liam Gallagher, Passenger, System of a Down oder Kings of Leon am Start. Wir berichten.

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