Aachen/Stolberg: Freispruch im Prozess um mangelnde Pflege der Mutter

Aachen/Stolberg : Freispruch im Prozess um mangelnde Pflege der Mutter

Mit einer bislang am Aachener Schwurgericht noch nie dagewesenen kurzen Urteilsverkündung von höchstens drei Minuten Dauer beendete der Vorsitzende Richter Arno Bormann am Mittwoch ein Strafverfahren wegen Misshandlung und fahrlässiger Tötung einer Schutzbefohlenen mit einem Freispruch.

Das Verfahren hätte eigentlich bei besserer Recherche so nicht hätte stattfinden müssen. Es behandelte erst nach knapp fünf Jahren strafrechtlich den Tod der damals, im Jahr 2010, 73-jährigen Stolbergerin und belastete seitdem erheblich das Leben ihrer Tochter, der 54-jährigen Hubertine W. aus Stolberg.

Ihr wurde vorgeworfen, sie habe ihre bettlägerige Mutter so schlecht gepflegt, dass sie später im Krankenhaus an den Folgen starb. Eine Richterin leitete ob der großflächigen Geschwüre auf dem Rücken der alten Dame ein Verfahren ein.

Erst in diesem Strafverfahren und somit Jahre später stellte sich auch für die Staatsanwaltschaft überraschend heraus, dass die angeblich bettlägerige Oma bis zum Tag ihrer Einlieferung am Abend des 28. Juni 2010 gar nicht bettlägerig war. Stattdessen saß sie quasi bis zum Ende aufrecht am Küchentisch, trank wie seit Jahren gewohnt Kaffee und rauchte Zigaretten. Aus ihren denkbar schlechten Erfahrungen heraus hatte sie seit Jahren jeglichen Arztbesuch verweigert.

Deshalb wusste auch niemand, dass die an Diabetes (Zuckerkrankheit) leidende Frau praktisch schmerzunempfindlich war und nichts von den Geschwüren auf ihrem Rücken erzählt hatte. Als sie dann eingeliefert wurde, so berichtete es am Mittwoch noch der Rechtsmediziner, stellten die Ärzte nicht nur die eitrigen Geschwüre fest, sondern ebenso eine chronische Lungenentzündung und eine Mangeldurchblutung aller wichtigen Organe. Nach zwei Monaten starb die Patientin.

Strafrechtlich sei die Tochter nach dem Ergebnis der Hauptverhandlung nun doch nicht zur Verantwortung zu ziehen, sagte der Richter in aller Kürze. Doch moralisch müsse sie sich vorwerfen lassen, dass man hier hygienische Zustände toleriert habe, die eigentlich nicht zu tolerieren seien.

Die Angeklagte hatte in ihrem letzten Wort noch gesagt: „Ich habe meine Mutter sehr geliebt. Ich wünschte, sie wäre noch bei uns.“ Verteidiger Björn Hühne erklärte in seinem Schlussvortrag, in dieser einfachen Familie hätten andere Maßstäbe gegolten und seine Mandantin habe großen Respekt vor der Mutter gehabt. So sei sie nie auf den Gedanken gekommen, diese gegen ihren eigenen Willen einliefern zu lassen. Noch am Krankenbett habe sich die Tochter dafür bei ihrer Mutter entschuldigt.

Auch die Anklage hatte einen Freispruch beantragt. Staatsanwältin Claudia Klösgen erklärte, erst die Wertungen des Rechtsmediziners und die Aussagen, die Mutter und Oma dreier Enkelkinder habe bis ein oder zwei Tage vor ihrem Abtransport ins Bethlehem-Krankenhaus noch wie gewohnt am Familienleben teilgenommen, hätten die Wende gebracht.

„Wir sind nach dem Erscheinungsbild der Gestorbenen davon ausgegangen, dass sie seit langem bettlägerig war und nicht hinreichend gepflegt wurde“, sagte Klösgen. Bettlägerig im Pflegesinne war die Mutter aber nachweislich nicht.

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