Frank Hardeman ist Belgiens neuer Atom-Aufseher

Doel und Tihange: Die neuen Töne von Belgiens neuem Atom-Aufseher

Frank Hardeman übernimmt die Leitung der belgischen Atomaufsicht in unruhigen Zeiten. Das Land fürchtet den Blackout, sorgt sich um den Zustand der beiden Atomkraftwerke in Doel und Tihange, die Stimmung ist kurz vor den Kommunalwahlen am Sonntag aufgeheizt.

In diesem Chaos also stellt Hardeman sich der Öffentlichkeit vor. Ganz ruhig und entspannt spricht er über sein Programm. Im Vordergrund stehen dabei Transparenz und Sicherheit. Schöne Worte, aber Hardeman nimmt man sie ab.

„Vielen Dank, dass Sie gekommen sind und Interesse an der Fanc und ein wenig an mir haben, auch wenn ich nicht im Fokus stehe“, sagt der bescheidene Hardeman, als er sich am Mittwochnachmittag in Brüssel den Fragen der Presse stellt. Auf Tihange 2 und Doel 3 angesprochen, schaut er zunächst etwas irritiert in die Runde. In Belgien interessiert sich gerade niemand für die Wassereinschlüsse in den Meilern. Hier stehen die Betonprobleme im Vordergrund – wegen ihnen sind etliche Meiler gerade abgeschaltet.

Verhandlung im November

Neuer Chef, neue Botschaft: Der Leiter der Fanc, Frank Hardeman, spricht von Transparenz und Sicherheit. Foto: ZVA/Madeleine Gullert

In Deutschland ist das anders, nach wie vor. Die umstrittenen Meiler stehen wegen ihrer Tausenden Haarrisse in den Reaktordruckbehältern in der Kritik. Das Bundesumweltministerium hatte Belgien 2016 gar aufgefordert, die Reaktoren abzuschalten. Auch Tausende Menschen in NRW und in der Grenzregion fordern das Aus der Schrottmeiler, wie nicht wenige in Deutschland sie nennen. Eine Klage der Städteregion Aachen und Dutzender NRW-Kommunen wird im November in Brüssel verhandelt.

Das Thema „Wasserstoffeinschlüsse“ habe jetzt eigentlich nicht auf der Agenda gestanden, sagt Hardeman. „Aber im Sinne der gerade propagierten Transparenz antworte ich natürlich“, sagt er. Man meint, ein Augenzwinkern zu erkennen.

Dann wird er ernst. „Ich kann die Angst der Deutschen verstehen“, sagt der Fanc-Chef. Ein simpler Satz, der nicht selbstverständlich ist. Sein Vorgänger, Jan Bens, hatte auf diese Frage stets recht überheblich gesagt, dass er Angst vor Schlangen hätte, und dass diese Furcht völlig irrational sei – genauso wie die Angst der Deutschen vor Tihange 2 und Doel 3. Das saß. Bens wurde ohnehin nicht nur von Tihange-Gegnern argwöhnisch beäugt, weil er jahrelang beim belgischen AKW-Betreiber Engie-Electrabel angestellt und für das AKW Doel zuständig war. Ausgerechnet.

„Die Sicherheitsmargen sind ausreichend“

Mit Hardeman brechen neue Zeiten an. Nach seinem Studium an der Uni Leuven arbeitete er beinahe 30 Jahre am Zentrum für Kernenergie in Mol, bis er zum 1. Mai die Leitung der Fanc übernahm. Hardeman zeigt nun Verständnis für die Angst jenseits der Grenze. „Niemand wünscht sich einen nuklearen Unfall.“ Aber inhaltlich ändert sich die Position der Fanc nicht. Hardeman betont, dass es genügend Untersuchungen der Wasserstoffeinschlüsse gegeben habe. „Die Sicherheitsmargen sind ausreichend.“ Die Reaktordruckbehälter würden alle drei Jahre erneut untersucht. Sollte man bei den Ultraschalluntersuchungen neue Risse finden, müsse man die Situation neu bewerten.

„Ich basiere meine Entscheidungen auf Fakten, nicht auf ein Gefühl, und die Fakten sprechen für die beiden Meiler.“ Wichtig sei, dass die Menschen gut informiert seien, damit sie keine Angst hätten. Und da ist Hardeman wieder bei seinem Thema: der Transparenz.

Hat es Fehler in der Vergangenheit gegeben? Das fragt Hardeman sich selbst. Er stellt Fragen und beantwortet sie sich, sehr strukturiert, analytisch, ruhig. Ganz Wissenschaftler eben. Also ja, man habe die Sorgen unterschützt, die viele Menschen wegen der Meiler haben, wegen Unregelmäßigkeiten in den Atomkraftwerken, wegen der Risse. Die Fanc informiert deshalb schon seit einiger Zeit mehr auch über Vorfälle, die Wissenschaftlern unwichtig erscheinen, die nicht auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse auf dem Niveau 1 sind.

Zu der Transparenz gehört auch ein noch besserer Austausch mit Deutschland. Die Experten der Fanc und der Reaktorsicherheitskommission haben sich bereits zwei Mal getroffen. Es wurden weitere Untersuchungen des Materials der Rissmeiler vereinbart. Auch dazu hat jetzt das erste Treffen mit den Stuttgarter Wissenschaftlern stattgefunden, gab Hardeman bekannt.

Doch Belgien beschäftigt vor allem der im Winter drohende Blackout. Hardeman betont, dass die Fanc unabhängig ist, und dass es trotz der angespannten Lage keinen Druck seitens der Politik gebe, das Anfahren der Meiler schneller wieder zu erlauben. Die Probleme im Beton würden heute aber anders bewertet als noch bis 2017. Die Nebengebäude der AKW müssten Flugzeugabstürzen standhalten. Wenn das nicht gewährleistet ist, wird Hardeman die Erlaubnis zur Wiederinbetriebnahme nicht erteilen.

Eine Entscheidung der Politik

Man könne natürlich noch effektiver arbeiten, wenn die Behörde mehr als die aktuell 162 Mitarbeiter hätte, sagte Hardeman. „Wenn Sie also ein paar Nuklearspezialisten kennen, die einen Job suchen, empfehlen Sie uns weiter“, sagt Hardeman humorvoll. Es sei zunehmend schwer, junge Menschen für die Nukleartechnik zu begeistern, weil auch in Belgien der Ausstieg aus der Kernenergie bis 2025 beschlossen ist. Hardeman betont aber, dass dann die Aufgabe der Fanc nicht endet. „Es geht danach auch um den Rückbau der AKW und um den Atommüll.“

Ob er glaubt, dass Belgien am Ausstieg festhalten wird? Dazu will Hardeman nichts sagen. „Das ist nicht meine Aufgabe. Wir sind dafür da, den Betrieb der AKW in Sicherheit zu gewährleisten. Ob dies nun bis 2025 der Fall ist oder länger.“ Die Politik entscheide.

Hardeman geht es um Sicherheit. Und da müsse man manchmal streng sein. „Und so wie Eltern ihre Kinder manchmal früh ins Bett schicken, sind wir jetzt gegenüber den Betreibern hart.“

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