Jülich: Fragen und Antworten: So kommen die Castorbehälter nach Ahaus

Jülich : Fragen und Antworten: So kommen die Castorbehälter nach Ahaus

Das Projekt ist beispiellos. 152 Castorbehälter mit Atommüll sollen nach Informationen, die unserer Zeitung vorliegen, über öffentliche Straßen von Jülich nach Ahaus transportiert werden. Über anderthalb Jahre — so der derzeitige Plan - rollen die Transporte über eine rund 180 Kilometer lange Strecke quer durch NRW. Das wirft viele Fragen auf. Hier die wichtigsten Antworten.

Wann wird der Atommüll von Jülich nach Ahaus rollen?

Die derzeitige Planung sieht vor, im Sommer 2019 mit dem ersten Castor zu beginnen und im Herbst 2020 den letzten Behälter zu verladen. Ob dieser Zeitplan eingehalten werden kann, ist aber noch von vielen ungeklärten Faktoren abhängig. Unter anderem muss noch genau ermittelt werden, wie die Transportmaschinen gebaut werden müssen, um allen Sicherheitsanforderungen zu entsprechen. Erst wenn es eine Transportgenehmigung für die Castoren gibt, dürfen sie auf den Weg geschickt werden. Das Genehmigungsverfahren ist kompliziert. Nicht zuletzt, weil es noch nie einen vergleichbaren Transport in Deutschland gegeben hat.

Wie werden die Castoren transportiert?

Per Spezial-Lkw geht es auf öffentlichen Straßen nach Ahaus. Die eigens für diesen Zweck hergestellten Transportgespanne aus Zugmaschine und Anhänger können einen Castorbehälter pro Fahrt transportieren. Allgemein wird davon ausgegangen, dass das Gewicht der Gespanne jenseits der 100 Tonnen liegt. Das wiederum schränkt die Zahl der Straßen und Brücken, über die die Transporte fahren können, deutlich ein.

Wie viele Transporte wird es geben?

Die derzeitigen Planungen sehen 152 Einzeltransporte vor. Theoretisch ließe sich diese Zahl jedoch reduzieren. Insgesamt werden mehrere Transportgespanne gebaut. Demenstprechend ist nicht auszuschließen, dass mehrere Castoren gleichzeitig fahren. Daran wird vor allem der Polizei gelegen sein, die die Anzahl der Einsätze möglichst gering halten will.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW geht sogar davon aus, dass die geplanten Einzeltransporte unrealistisch sind. „152 Transporte über so eine große Wegstrecke in dem angegebenen Zeitraum sind mit dem derzeitigen Personal der Polizei nicht machbar. Zumal davon auszugehen ist, dass die Transporte auf erheblichen Widerstand stoßen werden“, sagt Volker Huß, Sprecher der GdP-NRW. Das Innenministerium des Landes NRW betonte hingegen, dass die Polizei Amtshilfe, um die Transporte zu sichern, wenn es erforderlich sei.

Kann bei dem Transport Radioaktivität aus den Castoren austreten?

Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass radioaktive Strahlung an die Umwelt gelangt, sehr gering. Die Castoren, in denen der Atommüll aufbewahrt wird, sind darauf ausgelegt, schwere Erschütterungen (durch Flugzeugabstürze beispielsweise) und auch Explosionen zu überstehen, ohne dass die radioaktive Fracht nach außen gelangen kann. Hinzu kommt ein äußerst komplexes Genehmigungsprozedere, in dem versucht wird, allen Eventualitäten vorzubeugen.

Könnten Terroristen einen Castorbehälter während des Transports stehlen und den Atommüll für eine „schmutzige Bombe“ verwenden?

Auch hier gilt: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Allerdings gilt das Szenario, dass es Terroristen gelingt, einen mehrere Tonnen schweren Castorbehälter oder gleich den ganzen Transport zu stehlen und anschließend radioaktives Material zu entnehmen, als äußerst unwahrscheinlich.

Woher kommt der Müll in den Castorbehältern?

In den 152 Castorbehältern sind insgesamt rund 300.000 kugelförmige Brennelemente, die zwischen den 60er und 80er Jahren in einem Hochtemperaturreaktor in Jülich eingesetzt worden sind. Die Brennelemente sind als hochradioaktiver Abfall eingestuft. Der Reaktor galt lange Zeit als Hoffnungsträger der deutschen Nuklearindustrie. In der Praxis gab es allerdings gravierende Probleme, die dazu führten, dass dieser Reaktortyp niemals in Serie produziert wurde. 1988 wurde der Betrieb eingestellt. Der Rückbau ist bis heute noch nicht abgeschlossen, weil die Anlage stark verstrahlt wurde.

Warum wird kein neues Lager in Jülich gebaut?

Der Bau eines neuen Lagers in Jülich würde nach Aussage der Verantwortlichen im besten Fall zehn Jahre dauern. Bis dahin würden die Castoren insgesamt 14 Jahre in einem alten Lager aufbewahrt, das keine Genehmigung mehr hat. Dieses Risiko ist anscheinend niemand bereit einzugehen.

Die USA haben sich bereiterklärt, den Jülicher Atommüll aufzunehmen. Warum wird er nicht in die USA exportiert?

Weil es für einen Transport erheblich mehr braucht, als nur die formale Einverständniserklärung der US-Amerikaner. Da wäre beispielsweise der erheblich größere Aufwand beim Transport der Behälter über den Atlantik. Auch ist davon auszugehen, dass sich die Amerikaner die Aufnahme des Atommülls sehr teuer bezahlen lassen. Gewichtiger bei den Planungen ist aber derzeit wohl die Furcht, dass der Export aus juristischen Gründen scheitert. Das sogenannte Endlagersuchgesetz, das 2016 verabschiedet wurde, verbietet bis auf ganz wenige Ausnahmen die Ausfuhr von ausgebrannten Kernbrennstoffen.

Warum steht auch Ahaus als Aufbewahrungsort für den Jülicher Atommüll in der Kritik?

Weil der Müll auch dort nicht dauerhaft bleiben kann. Zwar gibt es seit dem Jahr 2016 eine Einlagerungsgenehmigung für den Jülicher Müll. Allerdings ist auch die auf 20 Jahre befristet. Hauptkritikpunkt von Umweltschützern ist, dass man sich durch den Transport nach Ahaus nur Zeit erkaufe, ohne das Problem substanziell zu lösen.

Aus diesem Grund schrieb die rot-grüne Landesregierung zwischen 2012 und 2017 in ihren Koalitionsvertrag, dass der Jülicher Atommüll nur noch einmal transportiert werden dürfe — in sein Endlager. Das machte einen Transport nach Ahaus de facto unmöglich. Da es ein solches Endlager aber noch auf lange Sicht nicht geben wird, bevorzugen Bund und Land nun den Transport von Jülich nach Ahaus.

Gibt es in Ahaus Widerstand gegen den Transport?

Ja, die Stadt Ahaus hat gegen die Genehmigung, den Jülicher Müll in Ahaus einzulagern, im Dezember Klage beim Oberverwaltungsgericht in Münster eingelegt. Wann sich das Gericht mit der Klage beschäftigt, ist noch nicht klar.

Gab es nicht schon einmal den Plan, die Jülicher Castoren in Ahaus einzulagern?

Ja. Da die Laufzeitgenehmigung für das Zwischenlager Jülich auf 20 Jahre begrenzt war und das Forschungszentrum Jülich aus eigenem Interesse die nuklearen Altlasten nicht in direkter Nachbarschaft zu seinen Einrichtungen wissen wollte, wurde der Abtransport nach Ahaus bis spätestens 2013 vorbereitet. Allerdings gab es sowohl Probleme mit der Transportgenehmigung als auch mit der Einlagerungsgenehmigung in Ahaus, so dass der Transport nicht zustande kam.

Ab 2012 wurde vor allem auch der Plan eines USA-Exports verfolgt. Bund und Land waren sich einig, dass dies die eleganteste Option war, mit dem Atommüll zu verfahren. Wie oben beschrieben gibt es aber heute massive Zweifel daran, ob die Export-Option überhaupt mit deutschem Recht in Einklang zu bringen ist. Insofern stehen die Verantwortlichen heute wieder an dem Punkt, wo sie vor knapp zehn Jahren schon einmal waren.

Wie steht die gerade neu vereidigte Bundesregierung zu der Entscheidung?

Bereits im Dezember 2017 einigten sich Vertreter von Ministerien von Bund und Land darauf, den Transport nach Ahaus zu priorisieren. Zu diesem Zeitpunkt regierte in Berlin noch eine geschäftsführende Bundesregierung. Erst seit dieser Woche gibt es eine neue Ministerriege. Und für die könnte die Entscheidung sehr unbequem sein. Denn der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist gebürtiger Ahauser im Kreis Borken. Er gewann den Wahlkreis Borken I fünf Mal in Folge. Dass ihm dies erneut gelingt, wenn in seiner Amtszeit gegen den Widerstand der Stadt Ahaus Castoren aus Jülich angeliefert werden, ist fraglich.

Neue Ministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit des Bundes wird Svenja Schulze (SPD). Gerade diese Personalie ist mit Blick auf die Jülicher Castoren delikat. 2011 kostete sie der „Atomkugel-Skandal“ nämlich beinahe den Job als NRW-Forschungsministerin. Ihr Ministerium kommunizierte, dass einige der Jülicher Brennelemente verschwunden seien. Letztlich stellte sich dieser Vorwurf aber als hausgemachte Kommunikationspanne heraus.