Region: Fotoband „Woanders is auch scheiße!“ zeigt Alltagsbilder aus einer anderen Welt

Region: Fotoband „Woanders is auch scheiße!“ zeigt Alltagsbilder aus einer anderen Welt

In der Regel gestaltet sich der „Schatz-Faktor“ eines herkömmlichen Umzugskartons eher überschaubar. Eine alte Konzertkarte hier, eine Mix-Kassette dort, vielleicht ein paar Fotos. Im Fall von Reinhard Krause besaß der Zufallsfund allerdings einiges mehr an Strahlkraft.

Vor einigen Jahren hat der heute 58-Jährige Hunderte Bilder aus dem Dornröschenschlaf befreit, die das Ruhrgebiet in den 1980er Jahren zeigen — mit all seinen Facetten, Abgründen, Skurrilitäten und Alltagsbegebenheiten. Obwohl nur wenig älter als drei Jahrzehnte, zeigen die vorwiegend schwarz-weißen Fotos eine Welt, die deutlich weiter entfernt scheint. Das liegt auch daran, dass der vielzitierte Strukturwandel das alte Erscheinungsbild des Ruhrgebiets mit rauchenden Schloten, Fördertürmen und allen anderen Ausprägungen einer untergegangenen (Arbeits-)Welt sichtbar verdrängt hat.

„Zu Beginn der 80er war eine Menge Anfang im Ruhrgebiet“: Der Autor und Kabarettist Frank Goosen hat ein spannendes Vorwort beigesteuert.

Ehe die Erinnerungen aber verblassen, hat Krause, geboren und aufgewachsen in Essen, seine Fotos in einem Bildband zusammengefasst. „Woanders ist auch scheiße!“ — der Titel des Buchs ist ein markantes Zitat des Autors und Kabarettisten Frank Goosen, seines Zeichens intimer Kenner des Ruhrgebiets und seiner Einwohner. Er war es auch, der dem Buch ein persönliches Vorwort widmete, in dem er Stimmungen und Lebensgefühl jener Zeit präzise einfängt.

Brillenmode bei einem Optiker in Duisburg 1987. Auch wenn es nach Perückensalon aussieht. „Besser sehen durch exaktere Anpassung“, verkündet das Schild.

„Ich denke, dass der Titel sehr gut zu den Bildern und dem Lebensgefühl in den 80ern im Ruhrgebiet passt“, sagt Krause, der heute in London lebt und arbeitet. „Man sollte den Spruch durchaus positiv verstehen, er steht auch für Selbstbewusstsein.“ Ein Selbstbewusstsein, dass auch der Vollblut-Ruhrpottler Goosen kennt. So sei das eben, Wegziehen habe er nie ernsthaft in Erwägung gezogen. „In den 90ern habe ich mal kurz drüber nachgedacht, zusätzlich ein Zimmer in Berlin zu nehmen, aber daraus ist dann nichts geworden. Ich gebe zu, dass ich hier nie weggekommen bin, verrät mehr über mich als über die Gegend“.

Im Garten in Essen-Karnap 1984. Wo die Welt noch heil ist. Wo stets linder Wind weht, die Seerosen unter dem Hintern erblühen und der Rasen schonend auf Steinplatten betreten wird.

Anders als in seinem heutigen Job als Bildjournalist bei der weltweit renommierten Nachrichtenagentur Reuters stand für Krause am Anfang nicht unbedingt professionelles Interesse im Vordergrund. „Ich habe schon während der Schulzeit angefangen zu fotografieren. Das Budget für größere Reisen war nicht da, deshalb war ich eben im unmittelbaren Umfeld unterwegs. Das habe ich damals bedauert, aber im Nachhinein war es perfekt.“

Brillenmode bei einem Optiker in Duisburg 1987. Auch wenn es nach Perückensalon aussieht. „Besser sehen durch exaktere Anpassung“, verkündet das Schild.

Nach dem Abitur studierte Krause Fotografie in Dortmund, „das war mir aber zu theoretisch, und so bin ich weiter herumgezogen“ — so tauchte er immer wieder in die Lebenswirklichkeiten ein, und hielt mit der Kamera drauf: Bei Discotänzern und Punks, auf Volksfesten wie der berühmten Cranger Kirmes, in Kneipen und U-Bahnhöfen, Fußgängerzonen oder bei den großen Arbeitskämpfen jeder Zeit. Neben dem Studium zog Krause die ersten regionalen Fotojobs an Land — „aber erst, als eines meiner Bilder aus einer Maschinenhalle von Krupp in einer Ausstellung im Folkwang Museum gezeigt und im Katalog abgedruckt wurde, wollte ich das zum Beruf machen.“

Den Kneipen in Essen-Karnap geht das Publikum nicht aus. Denn selten verlässt der Ur-Karnapper seinen Stadtteil nach Feierabend. Hauptsache, noch was geht nicht aus: das Bier.

So „von gestern“ die Bilder aus der Ruhrpott-Welt der 1980er Jahre wirken, so frei von Nostalgie kommen sie im Bildband daher. Den Aufbruch in eine unbekannte Zeit nach der Ära von Kohle und Stahl hat Krause unsentimental eingefangen. Manches wirkt skurril, Frisuren und Kleidung etwa, oder das „Amüsement“ jener Zeit. Allerdings sprechen auch jede Menge Charme, hintergründiger Witz und nicht zuletzt der alte Arbeiterstolz aus den Bildern — die zu einer Zeit entstanden, als es für den Fotografen noch gar nicht optimal lief.

Keiner fährt so Rollschuh wie Opa. Nur segeln ist schöner. 1982 in Oberhausen-Osterfeld am Revierpark Vonderort bringt man sich, dank nahtlosem Grün, ins Gleichgewicht.

Krause hangelte sich bis Ende der 1980er Jahre von Job zu Job, von Auftrag zu Auftrag, ehe er bei Reuters anheuerte und schließlich doch noch den Kosmos Ruhrgebiet verlassen sollte: „Ich war seitdem eigentlich ständig unterwegs. Erst Bonn, Dresden, Hamburg, Berlin, dann Israel, China und Indien, zuletzt London und jetzt seit einem Jahr wieder in Berlin.“

Showdown an der Lichtburg, Essen, Innenstadt 1981. Sehen und gesehen werden. Take a walk on the wild side! Essens Kettwiger Straße. Sagen wir mal: halb so wild.

Kein bisschen nostalgisch

Dunkel ist sie, die Zukunft für Duisburg-Rheinhausen. Im Jahr 1987 wird die Schließung des Krupp-Hüttenwerks beschlossen. 160 Tage härtester Arbeitskampf folgten — vergeblich.

Das endgültige Ende des langen Dornröschenschlafs seiner Ruhrgebietsbilder kam endgültig mit dem Schritt in die Online-Welt. Zunächst mit einer Internetseite, ab 2015 dann mit einem vielbeachteten Facebook-Auftritt verbreitete Krause seine An- und Einsichten. „Es haben sich tolle Kontakte zurück ins Ruhrgebiet ergeben. Es gab Anfragen für Ausstellungen und dann schließlich für dieses Buch.“

Die 80er in unserer Region

Gibt es Anekdoten und Begegnungen aus den „Safari-Tagen“ im Ruhrgebiet, die ihm besonders im Kopf geblieben sind? „Eigentlich vor allem die die positive Resonanz damals“, sagt Krause. „Wenn ich mit einer Kamera in der Eckkneipe auftauchte und fragte, ob ich fotografieren darf, kam eigentlich immer die Reaktion: Jau Junge, mach mal“. Am meisten sei ihm aber der Arbeitskampf der Krupp-Arbeiter in Rheinhausen in Erinnerung geblieben: „Das war dann schon erlebte Geschichte.“ Auch auf die Frage nach einem Lieblingsmotiv fällt Krause etwas ein: „Das Bild von einem schlafenden Krupp-Arbeiter ist eines meiner Lieblinge, weil es so einscheidenden Einfluss hatte, Fotografie zum Beruf zu machen.“

Die 80er in unserer Region

Auch Frank Goosen hat seine Favoriten im Buch ausgemacht: „Der Stuntman mit dem Raketenrucksack vor dem Wohnsilo zum Beispiel. Naiver Zukunftsglaube und triste Gegenwart. Oder die drei Jeansjackenträger an der Ampel. Mit solchen Typen bin ich aufgewachsen.“ Goosen hat Krauses Arbeiten längst in sein Herz geschlossen.

Die 80er in unserer Region

„Was mich fasziniert, ist die geballte Ladung Wirklichkeit, die aus diesen Bildern spricht, der genaue Blick auf das scheinbar Unspektakuläre, das aber immer fast ein ganzes Leben erzählt“, sagt Goosen, dessen Alltagsbeobachtungen elementarer Bestandteil seiner Bücher und Bühnenprogramme sind. „Vor allem aber fasziniert mich die Nähe zu den Menschen.

Bei aller Härte hat Krause immer einen mitfühlenden Blick. Ich glaube auch nicht, wie viele andere meinen, dass diese Qualität erst mit der Distanz von drei Jahrzehnten entstanden ist. Diese Fotos waren auch vor dreißig Jahren schon gut, heute erzeugen sie in uns zusätzlich die Wirkung, dass sie uns vieles von dem zurückbringen, was wir verloren haben.“

„Zu Beginn der 80er war eine Menge Anfang im Ruhrgebiet“, schreibt Goosen im Vorwort zum Bildband, im Gespräch ergänzt er: „Anfänge sind schwierig geworden, aber es ist eine Menge Bewegung im Ruhrgebiet. Aber auch eine Menge Druck. Nach dem Niedergang von Kohle und Stahl warten viele auf das nächste große Ding. Das wird es, denke ich, nicht geben. Dafür viele kleine.“ Reinhard Krauses Fund in der eigenen Vergangenheit könnte so eines sein.

Eine Auswahl von Krauses Fotos:

www.die80er.com

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