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Jülich: Forschungsreaktor Merlin endgültig verschwunden

Jülich : Forschungsreaktor Merlin endgültig verschwunden

Am Montag werden die Staatssekretäre Thomas Rachel (Bund) und Michael Stückradt (Land) im Stetternicher Forst in Jülich eine Wiese von etwa 400 Quadratmetern Größe einweihen und darauf einen Baum pflanzen. Ein durchaus bedeutender Vorgang. An dieser Stelle auf dem Gelände des Forschungszentrums stand nämlich einmal ein Atomreaktor.

In Betrieb war die Forschungsanlage, die auf den zauberhaften Namen Merlin hörte, von 1962 bis 1985.

Seither wurde sie Stück um Stück abgebaut. 6500 Tonnen Beton, 600 Tonnen Stahl wurden entsorgt. 65 Tonnen radioaktiven Restmülls, verpackt in 200 Liter-Fässern, bleiben bis zur Endlagerung auf dem Gelände. Dort sind sie, sollte man annehmen, derzeit auch besser aufgehoben als im GAU-Lager Asse.

„Zum ersten Mal wurde in Deutschland ein Forschungsreaktor der Megawattklasse zurückgebaut, und das in eigener Regie. Diesen Erfolg möchten wir feiern”, sagt Peter Schäfer, stellvertretender Sprecher des Forschungszentrums.

Zehn Megawatt Leistung brachte der als Neutronenquelle für Materialtests genutze Merlin (der 2006 abgeschaltete Nachbar-Reaktor Dido hatte 23 Megawatt.

Ein richtiges Kernkraftwerk, Biblis etwa, bringt rund 1300 MW). Ganze vier Jahre, zwischen 1958 und 1962 brauchte man, um den Reaktor zu bauen, 23 Jahre, um ihn restlos verschwinden zu lassen.

So nachhaltig ist Atomkraft. „Ich hoffe, wenn man heute einen Reaktor baut, dass man von vornherein auch an den Rückbau denkt.”

Burkhard Stahn sagt das, der das Projekt Rückbau seit 1985 leitet, das ist weit mehr als ein halbes Berufsleben. Dass Atomreaktoren besonders sicher gebaut sein müssen, versteht sich.

Doch der extreme Aufwand für die Demontage hat auch mit der Konstruktionsweise der 50er Jahre zu tun. Mit Stahlsplittern gefüllter Beton machte das Hauptmaterial des eigentlichen Reaktorblocks aus.

Elf Meter hoch, 30 Meter Durchmesser, Wanddicke 1,80 Meter. Zwei Jahre lang brauchten fernbediente Roboter allein um aus diesen 1000 Tonnen „Schwerstbeton” Schutt und Schrott zu machen.

Nachdem zuvor, von 1985 bis 1995, die nicht verstrahlten Einrichtungen demontiert worden waren, wurde seit 1997 nach und nach der Abbau dieser eigentlichen Reaktoranlage genehmigt und erledigt.

Wegen der hohen Aktivität besonders aufwendig war auch die Demontage des Reaktortanks. Merlin war ein Leichtwasserreaktor, bei dem sich die Brennstäbe, zum Abbremsen der Neutronen, in einem sechs Meter tiefen Bassin befanden. Das „intensive, hellblaue Leuchten” dieses Wassers fasziniert Peter Schäfer, der unzählige Besuchergruppen durch den Bau führte, noch heute.

Eine Wiese für 30 Millionen Euro

Wie man die Einbauten des Tanks herausholt, mussten Stahn und seine Leute erst lernen, dafür gab es keine Anleitungen, da war die „eigene Regie” richtig gefragt.

„Mit fast chirurgischer Präzision wurden, sechs Meter unter Wasser fernbedient, komplizierte Verschraubungen gelöst. Dazu mussten Spezialwerkzeuge konstruiert, gebaut und angepasst werden.”

Am 23. November 2007 endlich war alles, was verseucht war, entsorgt. 30000 dokumentierte Messungen bezeugten: keine Restaktivität mehr. Merlin war nun, von der Atombehörde mit Brief und Siegel bescheinigt, kein atomares Objekt mehr, sondern eine gewöhnliche Bauruine.

Im Frühjahr dieses Jahres streckte ein Abbruchunternehmen, nachdem zwei Schwerlastkräne die 100 Tonnen schwere Kuppel entfernt hatten, die metallische Außenhaut des Rundbaus nieder und zerlegte sie mit Schweißbrennern in transportable Portionen.

Seit Juni nun ist eine Wiese, wo Merlin war. Eine Wiese für 30 Millionen Euro; so teuer war der Rückbau. Wer weiß, vielleicht rüttelt Merlin ja mal von unten am Bäumchen.

In der Sage um den Lehrer von König Artus stirbt der mächtige Zauberer nämlich nie. Er residiert vielmehr in einem Palast auf dem Meeresgrund - und unter dem Forst war ja auch mal Meer.