Aachen: „Formula Student“: RWTH-Studenten und ihre Rennwagen

Aachen : „Formula Student“: RWTH-Studenten und ihre Rennwagen

Die Formel 1 oder die DTM kennt jeder. Die studentische Form der Autorennen ist die „Formula Student“. Bei dem internationalen Konstruktionswettbewerb mit mehreren Disziplinen geht es um die Konzeption eines kompletten Rennwagens. Seit 2002 ist auch die RWTH Aachen dabei — seitdem jedes Jahr mit mindestens einem selbst gebauten Auto.

Genau 2,7 Sekunden dauert es, bis der „eace06“ von 0 auf 100 Stundenkilometer beschleunigt. Das hat Christian Sedlak schnell noch einmal in seiner Computer-Simulation nachgerechnet. Der 23-Jährige gehört zum „Formula Student“-Team der RWTH Aachen, der „eace06“ ist das Rennauto, mit dem das Team in der vergangenen Saison an vier Wettkämpfen in Deutschland, Österreich und Ungarn teilgenommen hat. Zusammen mit mehr als 60 Teammitgliedern hat Sedlak das Rennauto von Grund auf geplant, zusammengeschraubt und ist es schließlich auch gefahren.Rund 75 000 Arbeitsstunden stecken in dem Rennwagen.

Eine 50-Stunden-Woche ist in der heißen Phase kurz vorm Wettkampf normal, auch am Wochenende. Nine-to-five? Das gibt es für die Teammitglieder nicht. Und das, obwohl eigentlich alle Vollzeit-Studierende sind. „Aber wo hat man schon die Chance, ein Rennauto zu bauen und so viel an einem Auto beeinflussen zu können?“, fragt Sedlak. Der Maschinenbau-Student ist schon von klein auf Formel-1-Fan. Von Anfang bis Ende, also vom weißen Blatt Papier bis zum Wettrennen, dabei zu sein, das ist sein Antrieb.

Und das entschädigt auch für nächtliche Überstunden am Computer-Simulationsprogramm. Fast zwei Jahre ist er schon im Team. Aktuell ist er einer der vier Fahrer bei den Wettkämpfen, und auch im Bereich Fahrdynamik eingesetzt. Ganz so motorsportlastig ist die Motivation von Jan-Niklas Möller nicht. Er ist Konstrukteur im Bereich Rahmen- und Faserverbund. „Es ist das Gesamtpaket, die offene Atmosphäre, das Anwenden von dem, was man im Studium theoretisch gelernt hat“, sagt der 25-Jährige, der seit einem Jahr mit im Rennteam ist und ebenfalls Maschinenbau studiert. „Man wird in seinem Bereich ein Experte und lernt voneinander.“

Der Ablauf ist jedes Jahr ähnlich: Erst braucht es Sponsoren, dann kommt die Konstruktion auf dem Papier, die Fertigung der Einzelteile und schließlich das Zusammenbauen des Autos. Allein das Zusammensetzen dauere fünf bis sechs Wochen, sagt Sedlak.

Über 500 internationale Teams nehmen inzwischen an der „Formula Student“ teil. Ziel ist es, innerhalb eines Jahres einen Rennwagen komplett zu konzeptionieren, zu fertigen und zu bauen — und dann gegeneinander anzutreten. Das Team der RWTH heißt „Ecurie Aix“ und besteht seit 1999 als Verein. Bis 2010 sind alle Autos aus dem Hause „Ecurie Aix“ mit Verbrennungsmotoren gefahren. Inzwischen sieht das anders aus: Die Autos der vergangenen Jahre fahren allesamt elektrisch.

16 Autos gab es schon in der Vereinsgeschichte. Sie schlummern in der teameigenen Werkstatt am Campus Melaten in Aachen und bei Sponsoren. „Oder sie wurden nach dem Rennen für ihren Nachfolger ausgeschlachtet“, sagt Arne Schneider. Der 22-jährige Maschinenbaustudent ist zum vierten Mal dabei und inzwischen stellvertretender administrativer Teamleiter des Vereins. Er kümmert sich um alles, was nichts mit der Technik zu tun hat — vom Flyer über die Organisation bis zu den Finanzen.

Auch das ist ein wichtiges Thema: Das Team ist auf Sponsoring angewiesen — sei es mit Geld oder Sachdienstleistungen. Das können zum Beispiel Metallteile sein, die von Unternehmen gefräst werden. Oder Geräte der Uni, die bei der Karbonfertigung mitbenutzt werden. Oder aber die Teststrecke: Sie gehört eigentlich dem Uni-Institut für Kraftfahrzeuge, darf aber vom Rennverein mitbenutzt werden.

Nur wenige Gehminuten liegt die rund 200 Meter lange Asphaltstrecke von der Werkstatt entfernt — ein Luxus, wie Schneider sagt. „Es gibt Teams, die fahren 200 Kilometer, um ihr Auto testen zu können.“ Mit orangenfarbenen Hütchen werden auf dieser Strecke die Fahrbahnen für das Auto abgesteckt, um die Disziplinen trainieren zu können, die später auch im Wettkampf gefragt sind. Ungefähr 1,50 Meter ist das Auto breit, gerade einmal drei bis vier Meter Breite misst die Rennstrecke. Vom Durchfahren einer liegenden Acht bis zum 22 Kilometer langen Rundenfahren — da ist auch Geschicklichkeit und Ausdauer gefragt.

Die jüngste Wettbewerbssaison ist seit August vorbei, und das Team ist längst wieder mitten in der Planung fürs nächste Jahr. Der „eace06“ wird als autonom fahrendes Fahrzeug umgerüstet, ein neuer Elektrowagen wird gerade entworfen. 2018 tritt das Team also mit zwei Rennwagen an. Der Zeitplan ist schon jetzt klar: Im April beginnen die Testfahrten, im Juli starten dann die Wettbewerbe. Ende Oktober ist erst einmal die Deadline für die Konstruktion des neuen Fahrzeugs.

Dann muss das Auto fertig sein — zumindest auf dem Papier. Vieles können die Teammitglieder zu Hause am PC erarbeiten. „Jeder hat erst einmal seine eigene Aufgabe am Auto“, sagt Möller. Planen, simulieren, ausprobieren, Fehler beheben, und wieder simulieren — das ist am Anfang wichtig, um den Wagen ständig optimieren zu können. Später, in der Fertigungsphase, wird dann von 8 bis 0 Uhr in Schichten in der Werkstatt gearbeitet.

Auch das neue Auto wird wieder gut 100 Stundenkilometer fahren können. Mehr ist absichtlich nicht drin, denn: „Unfälle sollen bei der ‚Formula‘ um jeden Preis vermieden werden“, sagt Sedlak. Ob es noch schneller als sein Vorgänger beschleunigen kann, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.