Hümmel: Förster aus der Eifel beherrscht die Bestsellerlisten

Hümmel: Förster aus der Eifel beherrscht die Bestsellerlisten

Ein Förster aus der Eifel beherrscht seit Wochen die Bestsellerlisten. Peter Wohlleben beschreibt in seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“, was Bäume empfinden. Er sagt, dass sie kuscheln, fühlen und auch, dass Baummütter ihre Kinder stillen.

Er beziehe sich auf wissenschaftliche Untersuchungen, sagt Wohlleben, der mit dem Institut für Umweltforschung der RWTH Aachen kooperiert. Die RWTH betreibt in seinem Wald Grundlagenforschung. In dem Wald der Gemeinde Hümmel hat der Förster schon viel bewirkt. Das war nicht immer leicht.

Herr Wohlleben, Sie sind seit Wochen ganz vorne in der Bestsellerliste mit einem Buch über Bäume. Hat Sie das überrascht?

Wohlleben: Wenn ich das wüsste. (lacht) Ich bin von dem Erfolg völlig überrascht worden, der Verlag im Übrigen auch. Vielleicht ist es so zu erklären, dass mehr Menschen mit Bäumen zu tun haben als man meint. Bäume umgeben uns — im Wald, im Stadtpark, sogar auf der Straße. Das Thema klingt auf den ersten Blick etwas langweilig, aber je mehr man sich einliest, desto spannender ist es. Bäume sind faszinierende Wesen — was bisher von den meisten Menschen völlig übersehen wurde. Mich freut es aber, dass die Leute so empathisch sind. Toll, dass das so abgeht. Das ist für mich ein positives Zeichen, dass den Leuten die Bäume nicht egal sind.

Verbessern Sie mit Ihrem Buch das Ansehen der Bäume?

Wohlleben: Ja, es weckt ein Bewusstsein. Menschen machen sich plötzlich Gedanken. Ich erhalte viele Zuschriften. Menschen fragen mich dann beispielsweise, ob Sie den Apfelbaum im Garten fällen sollen. Ihnen tun die Bäume plötzlich leid. Andere sind erleichtert, dass ihr liebevoller Umgang mit Bäumen eine wissenschaftliche Bestätigung findet.

Nach Wissenschaft hört es sich aber nicht an, wenn sie davon sprechen, dass Bäume „kuscheln“. Was soll das denn heißen?

Wohlleben: Bäume mögen es eng. In der Forstwirtschaft früher glaubte man, dass Bäume Konkurrenten sind — und man pflanzte sie weit auseinander. Aber sie leben gern in einem engen Sozialverband, in dem sie sich mit Nachrichten und Nahrung austauschen können. Dieses Wohlfühlklima darf man durchaus mit Kuscheln vergleichen.

Klingt trotzdem etwas esoterisch...

Wohlleben: Nun, jeder muss selbst wissen, woran er glaubt. Esoteriker schaden dem Wald nicht. Das sind ganz andere Menschen. Ich selbst bin aber streng wissenschaftlich erzogen worden. Ich stütze mich auf Untersuchungen von Universitäten und Instituten. Ich übersetze das nur in normale Sprache und verknüpfe es mit meinen Beobachtungen. Aber tatsächlich haben manche Buchhandlungen das Buch erst einmal in die Esoterikabteilung sortiert. (lacht) Da gehört es aber nicht hin. Es ist nur ein verständliches wissenschaftliches Buch.

Sie nutzen die Vermenschlichung der Bäume zur Vermittlung?

Wohlleben: Ja. Wissenschaftliche Sprache ist entemotionalisiert, aber wir funktionieren zum größten Teil über Emotionen. Wenn wir in unserer Sprache die Emotionen völlig rauslassen, entsteht eine Art Kunstsprache. Ich spreche einfach normal über das Thema, und dann wird es auf einmal verständlicher.

Haben Sie ein Beispiel?

Wohlleben: Ja, wenn ich erkläre, dass Buchenmütter ihre Kinder stillen. Man könnte natürlich auch sagen, dass alten und jungen Bäume mit ihren Wurzeln verwachsen und Assimilate rübergepumpt werden. Aber dann versteht doch keiner etwas. Mit dem Begriff Stillen macht man den Vorgang viel verständlicher. Und es ist ja auch so, dass ein Mutterlebewesen sich um seinen Nachwuchs kümmert. Von daher ist der Vergleich meiner Meinung nach zulässig.

Seit wann weiß man, dass Bäume fühlen?

Wohlleben: Es gab schon lange Förster, die ein mulmiges Gefühl dabei hatten, wie der Mensch mit den Bäumen umgeht. Es ist logisch, dass Bäume fühlen müssen, das muss letztendlich jedes Lebewesen können. Sonst kann es sich gar nicht schützen und die äußere Hülle verteidigen, weil es Angriffe schlichtweg nicht bemerken würde. Die scharfe Abgrenzung Tier zu Pflanze ergibt immer weniger Sinn, je weiter die Forschung kommt. Die Forschung in dem Bereich ist schon mehrere Jahrzehnte alt. Das ist aber in der Öffentlichkeit nicht angekommen.

Sind uns Bäume egal, oder woran liegt das?

Wohlleben: Es kommt darauf an, wie etwas kommuniziert wird. In Deutschland erhalten wir die Informationen über Wald und Bäume meist von Förstern — ich bin ja auch einer. Aber man muss bedenken, dass Förster eine Nutzergruppe sind, genau wie Landwirte in der Landwirtschaft. Von Nutzergruppen glauben wir üblicherweise Informationen nicht, aber das ist beim Wald anders. Förster gelten gemeinhin als Naturschützer und Waldhüter.

Und das ist falsch?

Wohlleben: Einige Kollegen sind sensibilisiert, aber leider nicht die Mehrheit. Dass Bäume sich untereinander Stoffe abgeben und teilen. Das ist Förstern und Wissenschaftlern bekannt. Wenn man einen Baum fällt, passiert es leicht, dass die Nachbarbäume mit eingehen. Aber man denkt ungern darüber nach, dass Bäume reagieren, also fühlen. Das wär ja so, als arbeite man in der Massentierhaltung und sage sich ständig, dass Schweine Gefühle haben. Wie die Schweine sind Bäume eine Ware.

Sie kritisieren, dass viele Förster fahrlässig mit Wäldern umgehen. Warum sind die Wälder in Deutschland nicht im Einklang mit der Natur?

Wohlleben: Ein Großteil unserer Wälder ist gepflanzt. Das sind quasi Plantagen. Und diese bestehen meist auch noch aus Nadelbäumen wie Kiefern und Fichten, die gar nicht in den deutschen Wald gehören. Das hat mit Wald nichts zu tun. Wenn in Brasilien Eukalyptusplantagen oder auf Borneo Palmölplantagen angelegt werden, finden wir das alles ganz furchtbar. Aber bei uns selbst empfinden wir Plantagen als in Ordnung. Dabei handelt es sich um nichts als knallharte Holzproduktion.

Was ist für Sie das Ideal eines Waldes?

Wohlleben: 15 bis 20 Prozent müssen Schutzfläche sein, in der nichts mehr gemacht werden darf. Der Rest sollte so bewirtschaftet werden, dass er einem Urwald nahekommt: heimische Laubwaldgesellschaften. Wenn man da einige Bäume erntet, ist das auch in Ordnung. Und tatsächlich wächst in solchen Wäldern nach neuen Erkenntnissen mehr Holz als in den „Plantagen“.

So machen Sie es in Hümmel.

Wohlleben: Gegen Holzproduktion kann man grundsätzlich nichts sagen, aber man muss ehrlich rüberbringen, dass man da einen Rohstoff nutzt. Aktuell walzt tonnenschweres Gerät durch ohnehin falsch gepflanzte Wälder und macht den Boden kaputt. Ich glaube außerdem, dass wir grundsätzlich den Holzverbrauch drosseln müssen. Viele Förster sehen so eine Aussage als Kannibalisierung des eigenen Produkts. Aber wir müssen doch klarmachen, dass Holz ein kostbarer Rohstoff ist.

Wie ist es, gegen den Strom zu schwimmen?

Wohlleben: Wenn man kommuniziert, dass man etwas anders macht, weckt man schlafende Hunde. Den Bürgern gehört mehr als die Hälfte der Waldfläche. Wenn meine Ansichten publik werden, besteht die Gefahr, dass Bürger sich einmischen. Es könnte sein, dass sie ihre Förster auffordern, weniger brutal mit dem Wald umzugehen und umzudenken. Das kann für viele Förster unbequem werden.

Und wie steht es um Ihr Verhältnis zu den Jägern?

Wohlleben: Freunde mache ich mir da auch nicht. Ob man nun unbedingt jagen muss, ist eine Grundsatzfrage. Würde man die Fütterung verbieten, wäre die Jagd in der heutigen Form sicher nicht mehr notwendig. Das Wild an sich ist nicht schädlich, sondern die Fütterung. Wild setzt Nahrung in Vermehrung um. Und wir haben deutlich zu hohe Wildbestände in Deutschland.

Und was haben Sie dagegen?

Wohlleben:. Das Wild isst mit Vorliebe Laubbäume und Baumsamen. Das führt dazu, dass wir vielerorts keine Laubbäume mehr hochziehen können. Auch wir in Hümmel müssen jagen, obwohl wir nicht mehr füttern, weil die umliegenden Orte es tun. Wir werden von Rehen und Wildschweinen überrannt, die unsere Laubbäume auffressen.

Das sind ganz viele Kämpfe, die sie führen. Waren es zu viele? Sie hatten vor Jahren einen Burn-out.

Wohlleben: Es kam dazu, weil ich zu viel wollte. Die menschliche Zeit ist begrenzt — erst recht in Vergleich zu der Zeit der Bäume. Ich wollte möglichst viel Wald retten und hab mir dabei zu viel zugemutet. Das konnte ich nur mit einer Psychotherapie bewältigen. Dort habe ich meine Grenzen erkannt. Das hat fünf Jahre gedauert. Jetzt weiß ich, worauf ich achten muss und versuche, auf die Bremse zu treten. Das klappt nicht immer, aber ich übe. (lacht)

Und der ganze Stress für ein paar Bäume, könnte man sagen. Woher kommt die Liebe zur Natur?

Wohlleben: Schon als Kind habe ich meine Liebe zur Natur entdeckt. Mit sechs Jahren wollte ich Naturschützer werden, später dachte ich mir, dass Förster auch gut klingt. Ich hatte mir da allerdings etwas anderes drunter vorgestellt, als es oft in der Realität bedeutet. Glücklicherweise konnte ich mich an Vorbildern orientieren, die dem Wald gut tun, und konnte die Stadt Hümmel überzeugen, das auch in dem Wald, den ich jetzt betreue, so umzusetzen.

Was fasziniert Sie besonders an Bäumen?

Wohlleben: Das Soziale, das Bäume wirklich bedingungslos untereinander teilen. Und dann die Langsamkeit. Zeit spielt keine Rolle, wenn man bedenkt, dass die Kindheit eines Baumes sicher 100 bis 200 Jahre dauert. Bäume müssen sehr geduldig sein. Sie müssen lange Wartezeiten überbrücken, bis sie groß werden dürfen. So eine unendliche Geduld, das kann ich mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen.

Ist das denn vorbildlich?

Wohlleben: Wenn man durch solche Wälder geht, entschleunigt sich vieles. Das spüren manche Menschen wohl intuitiv. Wenn sie durch Buchenreservate gehen, fühlen sie sich zu Hause. Ein Wald, der mit sich im Reinen ist, und nicht an Problemen leidet — etwa weil er künstlich gepflanzt ist mit Baumarten, die da gar nicht hingehören — das kann man spüren.

Und die Bäume helfen sich auch noch untereinander...

Wohlleben: Bäume sind nicht die besseren Menschen. Das muss man klar sagen. Man kann nicht alles vom System der Bäume auf die Gesellschaft übertragen. Aber Bäume sind grundsätzlich keine Egoisten. Man sieht ganz klar, dass eine Gemeinschaft nur funktioniert, wenn einer auch mal zurücksteckt. Das ist bei uns Menschen genauso.