Aachen: Flüchtlinge campieren in Brüssel: Belgiens Ämter überfordert

Aachen : Flüchtlinge campieren in Brüssel: Belgiens Ämter überfordert

Mehr als 700 Flüchtlinge zelten seit Tagen im Park Maximilien in Brüssel. Nur 3,5 Kilometer von dem Camp entfernt liegt das Europäische Parlament. Im schicken Regierungsviertel sprechen EU-Abgeordnete zurzeit täglich über die Herausforderungen der Flüchtlinge für Europa.

Und darüber, wie die Mitgliedsstaaten sie besser bewältigen können.

Im richtigen Brüssel aber ist man auch überfordert. Weil die Mitarbeiter des zuständigen Ausländeramtes seit Ende August mit der Registrierung nicht nachkommen, müssen die Menschen ausharren. Mehr als 19.000 Menschen suchen derzeit Asyl in Belgien. Jeder dritte Asylbewerber in Belgien ist minderjährig. Fünf Prozent der minderjährigen Flüchtlinge sind sogar alleine unterwegs. 38 Prozent der Flüchtlingen sind alleinstehende Männer.

In dem Park Maximilien, der in der Nähe des Ausländeramtes liegt, warten überwiegend Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan und Somalia auf ihre Registrierung. Es werden allerdings nur 250 Anträge pro Tag registriert. „Die Menschen befinden sich in einer Warteschleife“, sagt der für Integration zuständige Minister Antonios Antoniadis der Deutschsprachigen Gemeinschaft auf Anfrage unserer Zeitung.

Erst wenn die Flüchtlinge zentral in Brüssel regis­triert wurden, werden sie von der zuständigen Behörde Fedasil auf das ganze Land verteilt. Vorher haben sie keinen Anspruch auf einen Schlafplatz in einem Auffanglager. Weil viele Flüchtlinge aber keine Unterkunft finden, kein Geld für eine Bleibe haben oder auch weil sie möglichst in der Nähe des Ausländeramts bleiben wollen, campieren sie im Park.

Mehrere Organisationen und freiwillige Helfer engagieren sich, sammeln Kleidungsstücke, Lebensmittel und Zelte für die wartenden Menschen. Zwar hat die Regierung inzwischen ein leerstehendes Bürogebäude zur Verfügung gestellt — doch das kommt nicht an. Im Park Maximilien sind bereits Helferstrukturen entstanden, und viel komfortabler ist das Bürogebäude wohl auch nicht, erklären einige Flüchtlinge in der belgischen Zeitung „La Libre“ ihre Entscheidung für die Wiese.

Nach der Wiese warten Notunterkünfte auf die Menschen. 18.630 von 19.493 Plätzen sind derzeit belegt, wie Fedasil mitteilt. Die Menschen erhalten einen Schlafplatz, Lebensmittel, außerdem werden sie medizinisch versorgt. Sozialarbeiter kümmern sich um sie. Die Kosten trägt das Land Belgien bis zur Bewilligung des Asylantrags. Anschließend dürfen die Menschen übrigens selbst aussuchen, wo sie leben wollen. Auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft werden Flüchtlinge untergebracht. 357 Plätze gab es dort bislang.

Doch auch nach Belgien kommen immer mehr Flüchtlinge, auch Belgien muss schnell Notunterkünfte einrichten. Eine davon ist das Lager Elsenborn mit 500 Plätzen. Die Menschen werden gut aufgenommen, sagt Minister Antoniadis. Natürlich gebe es Ängste vor dem Unbekannten, aber die Solidarität überwiege. „Ich habe das Gefühl, dass der allgemeine Umgang mit der Flüchtlingsthematik in unserer Gemeinschaft im Großen und Ganzen sehr sachlich und besonnen ist“, sagt Antoniadis.

Sorge bereitet ihm allerdings die Hetze in den sozialen Netzwerken. „Immer weniger Menschen haben Hemmungen, solche Ansichten auch mit ihrem Klarnamen zum Ausdruck zu bringen.“ Das müsse man ernst nehmen. Antoniadis sieht solche Aussagen vor allem als Zeichen von Uninformiertheit.

„Hass, Fremdenfeindlichkeit und pauschale Vorurteile haben aber in unserer Gesellschaft keinen Platz.“ Deshalb sieht der Minister es als Aufgabe der Politik an, die Belgier zu informieren und die Menschen, die später ein Aufenthaltsrecht erhalten, erfolgreich zu integrieren.

Für die Integration der Flüchtlinge sind die Gemeinden zuständig. Man setzt in Belgien auf einen sogenannten Integrationsparcours, der sich aus vier Punkten zusammensetzt: einen freundlichen Empfang der Menschen, Sprach- und Bürgerkurse, in denen die Menschen ihre rechte und Pflichten in Belgien kennenlernen, und die sozio-berufliche Integration in den Arbeitsmarkt. Daran arbeite man gerade, erklärt Antoniadis. „Integration ist allerdings keine Einbahnstraße.“ Auch die Neuankömmlinge seien gefordert.