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Arlon: Flammender Appell an die Geschworenen

Arlon : Flammender Appell an die Geschworenen

Hinter den Taten des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux steht nach Überzeugung seines Hauptverteidigers ein weit verzweigtes Pädophilen-Netzwerk.

„Die Verteidigung plädiert heute, dass wir uns einer ausgedehnten Organisation gegenüber sehen”, sagte Anwalt Xavier Magnée am Dienstag vor dem Schwurgericht von Arlon. Dort geht der Prozess um die Entführung von sechs Mädchen, von denen vier in der Gefangenschaft qualvoll starben, in seine Schlussphase.

Magnée ist ein seriöser, grauhaariger Herr. Stets hat der 68-Jährige die Suche nach der Wahrheit als sein Hauptmotiv für die Verteidigung Dutroux genannt.

Als Dutroux im Sommer 1996 festgenommen wurde, die ausgemergelten Leichen von vier entführten Mädchen entdeckt und zwei Opfer aus dem Keller ihres Peinigers befreit wurden, seien Hunderttausende Belgier für eine rasche Aufklärung der Affäre auf die Straßen gegangen: „Glauben Sie, der Weiße Marsch hat stattgefunden, weil man in Marcinelle einen Einzeltäter festgenommen hat?”, fragte Magnée die zwölf Geschworenen in seinem Plädoyer.

Wo liegt die Wahrheit?

Glaubt man den Worten des Staranwalts, ist das Gericht nach dreimonatiger Verhandlung weit von der Wahrheit entfernt. Dazu habe eine Verschleppungstaktik der belgischen Justizbehörden beigetragen.

Erst fünf Jahre nach der Festnahme des Hauptangeklagten habe man damit begonnen, die 6000 Haare - „das ist ein ganzer Friseursalon” - aus dem Mädchenversteck im Dutroux-Keller zu untersuchen. Zahlreiche Zeugenaussagen und Spuren seien nicht weiter verfolgt worden.

Manche Polizisten und Untersuchungsrichter Jacques Langlois hätten etliche Hinweise gezielt unterdrückt oder fallen gelassen, meinte Magnée. Auch Dutroux, dem Entführungen und mehrere Morde zur Last gelegt werden, hat mehrfach, aber unkonkret von Hintermännern gesprochen.

„Ich bitte Sie, die Augen zu öffnen für das Störende, für das Unklare”, sagte der Dutroux-Verteidiger den Geschworenen. Sie sollen in knapp drei Wochen über Schuld und Unschuld der insgesamt vier Angeklagten entscheiden.

Eigentlich, so ließ Magnée anklingen, müssten aber viel mehr Beschuldigte im Glaskasten der Angeklagten sitzen. Doch Verbindungen zu einer Satanistensekte oder zu einem Barbesitzer in Charleroi seien nie näher beleuchtet worden.

Ein weißer Fleck in der 400.000 Seiten starken Untersuchungsakte bleibt demnach die Kneipe „Le Carré Blanc” in Charleroi, nur rund 500 Meter Luftlinie vom Dutroux-Haus im Stadtteil Marcinelle entfernt. Eine Zeugin will die beiden jüngsten Entführungsopfer Julie und Mélissa, damals acht Jahre alt, in Begleitung eines Mannes vor dem Etablissement gesehen haben.

„Es ist nicht verrückt anzunehmen, dass die Mädchen aus dem Haus geführt wurden, um dorthin geliefert zu werden”, sagte Magnée. Staatsanwalt Michel Bourlet beantragte eine Hausdurchsuchung, Untersuchungsrichter Langlois lehnte sie ab.

Zweifel der Geschworenen an der Verantwortung Dutrouxs dürfte Magnée kaum wecken können. Doch er brachte die Theorie des Kinderschänder-Netzwerks wieder auf die Tagesordnung.

Dabei glaubt Dutroux Anwalt, der Prozess von Arlon solle der öffentlichen Netzwerk-Debatte ein Ende setzen: Sprächen die Geschworenen den mutmaßlichen Verbindungsmann zu Michel Nihoul frei, werde es heißen: „Das Volk hat gesprochen, es gibt kein Netzwerk.”